Während der Jahrzehnte in der Politik bin ich stets davon ausgegangen, dass meine Telefongespräche von fremden Händen mitgeschnitten wurden. Das ging so weit, dass meine Gesprächspartner zunächst die Leute begrüßten, die irgendwo mithörten, und erst dann zum Thema kamen. Nach meinen Erfahrungen im Umgang mit Geheimdiensten möchte ich deshalb vor allem zur Gelassenheit raten.

Offiziell hatte ich mit Geheimdienstmitarbeitern erstmals 1954 zu tun. Damals war ich ein relativ junger Abgeordneter im Bonner Bundestag, als Fritz Erler, mein Mentor, mir vorschlug, nach Pullach zu fahren. Ich sollte mir ein Bild von Reinhard Gehlen machen, jenem Mann, der 1956 erster Präsident des BND wurde. Gehlen ließ sich auf das Gespräch ein, zwei Stunden lang sprach ich mit ihm. Zurück in Bonn, sagte ich zu Fritz Erler: "Der ist undurchsichtig, mit dem sollten wir nichts zu tun haben." Seitdem hatte ich Vorurteile gegenüber dem BND. Später wurde ich in Hamburg Innensenator und damit zugleich Chef des Verfassungsschutzes in der Hansestadt. In dieser Zeit wurde aus meinem Vorurteil gegenüber den Geheimdiensten ein endgültiges Urteil.

1969 wurde ich Verteidigungsminister, ich war damit auch zuständig für den Militärischen Abschirmdienst. Mein endgültiges Urteil wurde bestätigt. Deshalb habe ich mir später als Regierungschef niemals einen Bericht des BND vorlegen lassen. Ich wusste, die Einschätzung des Geheimdienstes beruhte zum Teil auf dem Abhören von Telefonen, manchmal auf Indizien und oft auf Eindrücken, die stark gefärbt waren durch die politische Präferenz des Berichtenden. Abgesehen davon: Jedermann weiß, dass die Auslandsgeheimdienste in aller Welt Dinge treiben, die nach dem dort geltenden Gesetz verboten sind. Oder sie tun, was das Gesetz befiehlt, und tun aber auch das, was das Gesetz nicht befiehlt. Deshalb sind Gremien eingerichtet worden, die kontrollieren sollen, was die Geheimdienste tun. In diesen Kontrollkommissionen sitzen Leute, die sich wichtig fühlen, aber kaum etwas ausrichten. Warum sollte ich also diese Berichte lesen? Ich habe das persönliche Gespräch mit Nixon, mit Kissinger, mit Ford und Reagan immer vorgezogen, desgleichen mit Breschnew und mit Honecker.

Millionen von Telefonen sollen abgehört worden sein, wer vermag in all diesen Fällen eigentlich zu sagen, was von Bedeutung ist und was nicht? Ich empfinde die gegenwärtige Aufregung als künstlich. Merkel wurde abgehört, sich deshalb zu entrüsten ist zwar plausibel. Aber ob überhaupt und, falls ja, welche Geheimnisse bei der Kanzlerin abgeschöpft wurden, weiß man nicht. Als Regierungschefin muss sie davon ausgehen, dass sie auch von anderen Geheimdiensten abgehört wird – je nachdem, wem dies gerade technisch geglückt ist. Ich empfehle auch der Bundeskanzlerin Gelassenheit.

Die Funkstation auf dem Dach der US-Botschaft in Berlin ist jetzt in aller Munde. Die Antennen nenne ich fact of life. Wahrscheinlich weiß der amerikanische Botschafter nicht, was die NSA-Leute alles treiben, die da als Botschaftsangehörige mit Diplomatenpass in seinem Hause arbeiten. Ähnliches galt für den deutschen Botschafter in Moskau, damals in den Zeiten des Kalten Krieges. Auslandsgeheimdienste existieren nun mal, man kriegt sie nicht aus der Welt.

Auch die Befürchtung dieser Tage, in Deutschland werde auch der technische Fortschritt ausgespäht wie nie, auch die ist nicht neu. Seit den 1860er Jahren, der Zeit der Meiji-Restauration, haben etwa die Japaner die technischen Errungenschaften des Westens rücksichtslos abgekupfert und nachgebaut. Mit dem Ergebnis, dass sie 1914 etwa den gleichen Entwicklungsstand erreicht hatten wie die USA oder England. Heute sind die Geheimdienste unglücklich, weil sie bei ihrer Aufklärungsarbeit in China nicht vorankommen. Die Chinesen bewahren offenbar ihre Geheimnisse.

Nicht zuletzt hält sich meine Aufregung auch deshalb in Grenzen, weil ich die Amerikaner auf dem Feld der Spionage nicht für edler gehalten habe als die anderen.