Patient Nummer 36288244 ist eine Frau und viel zu dick. Sie geht recht oft zu ihrem Hausarzt, Fachrichtung Innere und Allgemeinmedizin. Ihm trägt sie ihre Beschwerden vor, und der Doktor schreibt fleißig mit: Am 10. Januar 2012 notiert er, die Patientin habe eine wunde Hautstelle. Am 31. Juli will sie die Antibabypille. Schon am 5. November bekommt sie ein anderes Präparat. Bereits einige Tage später zerrt sie sich an der Halswirbelsäule und wird an einen Orthopäden überwiesen. Zugleich wird ihr Tetrazepam verschrieben, ein muskelentspannendes und angstlösendes Medikament, das bei längerfristiger Einnahme allerdings lebensbedrohliche Geschwüre auf den Schleimhäuten hervorrufen kann. Eine Magen-Darm-Erkrankung und eine Erkältung werden obendrein diagnostiziert, und als die Patientin am 5. Februar 2013 schon wieder in der Praxis erscheint, hat sie Kopfschmerzen und Akne.

Der Arzt dokumentiert die Leidensgeschichte der Patientin Nummer 36288244, damit er sie gut behandeln kann. Er dokumentiert sie allerdings auch, um sie zu Geld zu machen. Denn er verkauft die medizinischen Daten an ein Marktforschungsunternehmen, das sie aufbereitet und an die Pharmaindustrie weiterveräußert. So werden Übergewicht, Pickel, Verhütungsprobleme und Durchfallattacken einer Kranken klammheimlich zu Geld gemacht.

Patientin Nummer 36288244 ist real, ihr Datensatz liegt der ZEIT vor. Und er ist nicht der einzige dieser Art. Erst behandelt, dann vermarktet – so halten es viele Mediziner in Deutschland. Millionen Leidensgeschichten werden durch Ärzte zum großen Geschäft.

Dabei ist die ärztliche Schweigepflicht heilig. "Was ich sehe und höre bei der Behandlung oder außerhalb im Leben der Menschen, so werde ich von dem schweigen, was niemals nach draußen dringen soll", gelobte schon der Urarzt Hippokrates 400 vor Christus. Heute verpflichten die Berufsordnung, das Strafgesetzbuch und viele weitere Vorschriften die Ärzte zum Schweigen. Nicht einmal Staatsanwälte oder Richter können sie zwingen, über Patienten Auskunft zu geben. Wer seinem Arzt intimste Geheimnisse offenbart, muss darauf vertrauen können, dass sie geheim bleiben. Andernfalls wird ein Patient nicht offen sprechen, und gefährliche Krankheiten können unentdeckt bleiben. Deswegen die Schweigepflicht. Dem Arzt, der sie missachtet, droht Gefängnis.

Normalerweise. Doch was ist noch normal im Zeitalter des Datenhandels?

Pharmaindustrie - ZEIT-Redakteurin Anne Kunze über das Geschäft mit Patientendaten Ärzte und Apotheker geben Kranken- und Rezeptdaten von Millionen Patienten an die Marktforschung und Pharmaindustrie weiter – ohne deren Wissen. ZEIT-Redakteurin Anne Kunze über das millionenschwere Geschäft

Normal ist mittlerweile Folgendes: Pharmaunternehmen, die bundesweit auf Patientendaten zugreifen möchten, bezahlen für den Zugang zu einer entsprechenden Datenbank teilweise mehrere Hunderttausend Euro im Jahr. Sie beauftragen externe Berater, die anhand der Daten herausarbeiten, welche Medikamente neu entwickelt und in welchen Regionen vertrieben werden können. (So werden beispielsweise in den neuen Bundesländern deutlich mehr Antidepressiva verschrieben als in den alten. Oder es wird in einer Region um Würzburg auffällig häufig Ritalin verordnet.) Dafür werden pro Berater Tagessätze von bis zu 5.000 Euro fällig. Zuletzt schicken die Pharmafirmen ihre Vertreter (Kosten an die 130.000 Euro pro Vertreter im Jahr) in die Praxen, um exakt jene Pillen, Salben, Tropfen und Zäpfchen an den Arzt zu bringen, die dort ohnehin nachgefragt werden. Während sich ein Patient also im Behandlungszimmer über Diagnose und Therapie informiert, verdient längst eine ganze Industrie an ihm.