Die Braunkohlegrube von Tomisławice © Alexandra Endres

Gleich hinter Jan Kwiatkowskis Haus steht der Braunkohlebagger. Nachts leuchtet die Maschine wie ein Christbaum, und Kwiatkowski hört die Baggerschaufeln, wie sie sich durch den Boden graben, nur ein paar Hundert Meter von seinem Schlafzimmer entfernt. Sein Bauernhof steht im polnischen Braunkohlegebiet von Tomisławice, rund 200 Kilometer westlich von Warschau. Eigentlich dürfte er gar nicht mehr hier sein. Aber der 60-jährige Bauer hält stur an der Existenz seines Heims fest.

Er ist der Einzige, der hier noch wohnt. Nebenan stehen verlassene Häuser, ihre Dächer sind eingestürzt, im Schutt blühen Blumen. Wenige Meter weiter sitzt Kwiatkowski in seiner Küche neben dem Ofen und sagt: "Ich verlasse meinen Hof nicht, bis sie mir einen anständigen Preis zahlen." 1,8 Millionen Złoty will er von Ze Pak haben, dem Eigentümer der Kohlevorkommen von Tomisławice und einem der größten Stromkonzerne Polens. Das sind rund 430.000 Euro. Für diese Summe zog Kwiatkowski vor Gericht.

Obwohl der Prozess noch läuft, hat Ze Pak bereits begonnen zu graben – mit gerichtlicher Genehmigung. Vier Hektar von Kwiatkowskis Kohlfeld sind schon in der Grube verschwunden. Weil der Acker aber immer noch dem Bauern gehört, muss dieser Steuern auf die Fläche zahlen. Verdienen kann er derweil nichts. Fast alle seiner Obstbäume sind verdorrt, der Fischteich ist ausgetrocknet, und seine Erdbeerfelder kann er nicht mehr bewässern. Die Pumpen der Kohlegrube saugen alles Grundwasser ab.

Jan Kwiatkowski © Alexandra Endres

Auch die Felder von Pjotr Krygier im wenige Kilometer entfernten Nachbardorf vertrocknen. Krygier ist ein 49-jähriger ehemaliger Steinkohlekumpel und lebt seit 16 Jahren in Tomisławice. Jetzt steht er vor dem Ruin und wird von Ze Pak mit Entschädigungsangeboten abgespeist, die er nicht ernst nehmen kann. "Ich habe nichts gegen die Braunkohleleute", sagt Krygier. "Aber ich möchte anständig von ihnen behandelt werden."

Die Geschichte der beiden Bauern erzählt viel über Polen. Das Land, das im November die Klimakonferenz der Vereinten Nationen ausrichtet, hängt von der Kohle ab wie kaum ein anderes. Rund 90 Prozent des polnischen Stroms werden aus Kohle erzeugt, etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Nur in Südafrika und der Mongolei ist der Anteil höher.

Kohle abzubauen gilt in Polen als Sache von nationalem Interesse. Kürzlich erklärte Premier Donald Tusk, dass Stein- und Braunkohle auch künftig die Grundlage der Energieversorgung bilden sollten. Erneuerbare oder andere Quellen seien bloß eine "Ergänzung". Etwa 120.000 Menschen arbeiten in Polen im Kohlebergbau. Positionierte Tusk sich gegen die Kohle, die Gewerkschaften wären auf der Straße.

Klimaschützer lässt das verzweifeln. Kaum ein fossiler Brennstoff verursacht so viele Kohlendioxid-Emissionen wie die Kohle – und kein Land blockiert die Klimapolitik der EU öffentlich so sehr wie Polen. Auf dem Klimagipfel in Doha verhinderte die polnische Delegation zunächst die Verlängerung des Kyoto-Protokolls. In Brüssel vereitelte Polen mehrmals die Verabschiedung strengerer Klimaziele für Europa, zuletzt im Frühjahr 2012. Energierichtlinien der EU werden nur auf den Druck der Kommission hin umgesetzt und nur, soweit unbedingt nötig. "Die polnische Regierung ist sehr gut darin, europäische Vorgaben zu hintertreiben, die nicht in ihrem Interesse sind", sagt Andrzej Ancygier, der an der FU Berlin über erneuerbare Energien und die Klimapolitik Polens forscht.

Pjotr Krygier © Alexandra Endres

Man könnte auch sagen: nicht im Interesse der Energiekonzerne. Denn fast alle gehören mehrheitlich dem Staat. Politik und Energiewirtschaft, das sei in Polen "wie eine einzige große Familie", sagt der Soziologe Kacper Szulecki, der sich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin mit Polens Energiepolitik beschäftigt.

Oft wechseln hochrangige Politiker aus dem Staatsdienst zu einem Energiekonzern oder umgekehrt. Eine Unterstaatssekretärin im Wirtschaftsministerium wurde Chefin eines Kohlekonzerns, ein ehemaliger Minister führt nun eine Tochterfirma von PGE, dem größten Stromerzeuger Polens. Und PGE-Chef Krzysztof Kilian ist ein guter Freund von Premier Donald Tusk.