Marcin Korolec ist Tusks Umweltminister und damit verantwortlich für die Ausrichtung des Klimagipfels von Warschau. Für ihn sind die Prioritäten einer guten Energiepolitik klar: günstige Preise, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit. Das Klima spielt keine große Rolle. Der Minister ist überzeugt: "Europa kann nicht ohne die Kohle."

Die polnische Öffentlichkeit scheint das genauso zu sehen. "Vielen Polen gelten Umweltschützer als Radikale", sagt Andrzei Ancygier. "Als Öko-Terroristen, die des Geldes wegen vor Gericht ziehen." Eine strengere Klimapolitik hingegen werde als Bedrohung wahrgenommen, sagt Julia Michalak, die in Brüssel für die Klimaschutzorganisation CAN arbeitet. "Es gibt da diesen Mythos, dass die Polen immer von außen gezwungen wurden, Dinge aufzugeben, bis sie vor 20 Jahren ihre Freiheit erlangten. Jetzt wollen die Leute sich nicht mehr einschränken, und sie sind hungrig auf Konsum."

Der Widerstand gegen die Kohle aber wächst im Kleinen, etwa in einzelnen Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen. Tomisławice ist dafür ein Beispiel. Vor fünf Jahren beschwerten sich Bauern, Bürgermeister und Umweltschützer aus der Gegend bei der EU-Kommission über Ze Pak. Die Tagebaue gefährdeten den regionalen Wasserhaushalt, schrieben sie, bedrohten das Ökosystem zweier Naturschutzgebiete und widersprächen gleich mehreren EU-Direktiven. Seither gibt es einen Schriftwechsel zwischen der EU-Kommission und der polnischen Regierung.

Weiter westlich, im deutsch-polnischen Grenzgebiet, ist der Protest noch stärker zu spüren. Um Gubin und Brody befinden sich ebenfalls reiche Braunkohlevorkommen. Eigentümer ist der Stromkonzern PGE, bis zum Revier von Vattenfall in der Niederlausitz ist es nur ein kurzer Weg. Schon lange gibt es Pläne, die Kohle auch um Gubin und Brody auszubeuten. Auch ein Kraftwerk soll gebaut werden.

Dorota Schewior

Die Anwohner gehen dagegen auf die Barrikaden. Anna Dziadek und Dorota Schewior zum Beispiel. Schewior betreibt einen 17 Hektar großen Himbeer- und Spargelhof in Gubin, samt Hofladen und Café. Das Anwesen liegt mitten im Braunkohlegebiet, das Geschäft brummt. Die Tage der 44-jährigen Bäuerin sind lang, aber Schewior würde ihre Zeit mit nichts anderem verbringen wollen. "Ich liebe dieses Land", sagt sie auf die Frage nach der Braunkohle, mit Tränen in den Augen. "Für kein Geld der Welt würde ich es verkaufen, niemals."

Vor fünf Jahren organisierte Schewior ein Referendum gegen die Kohle – und zog eine Mehrheit auf ihre Seite. Doch die Provinzregierung ignoriert den Bürgerwillen. Sie hofft auf wirtschaftliche Entwicklung durch die Tagebaue, auf günstige Energie und Arbeitsplätze. Greenpeace berichtet, in Erwartung der Kohle blockierten die Behörden landwirtschaftliche Investitionen. Auch Straßen würden nicht mehr instand gehalten.

Anna Dziadek

Anna Dziadek macht das wütend. "Man lässt die Höfe nicht mehr wachsen", schimpft sie. "Aber wer keine Pläne für die Zukunft machen kann, verkümmert." Die 39-Jährige trägt den Protest in die Öffentlichkeit. "Kohle soll Wohlstand bringen? Ich habe in der Lausitz gesehen, was sie bedeutet. Uns geht es doch viel besser als den Leuten dort." Dziadek ist überzeugt, dass der Tagebau ihre Heimat zerstören würde – eine Heimat mit schwieriger Geschichte. Viele der Familien, die hier leben, stammen aus ehemals polnischen Regionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion zugeschlagen wurden. Die Flüchtlinge brauchten Jahrzehnte, um sich erneut heimisch zu fühlen. "Meine Großmutter hat erst 1995 geglaubt, dass sie nicht wieder wegmuss", erinnert sich Dziadek. Jetzt fürchten die Enkel der Vertriebenen, erneut verjagt zu werden.

Wie viele Menschen umgesiedelt werden müssten, ist dabei noch gar nicht klar. Auch wie groß die Tagebaue werden sollen, wie viel investiert wird und wann der Abbau beginnen soll, weiß niemand genau. PGE erklärt auf Anfrage lediglich, man wolle sich die Option des Kohleabbaus offenhalten und bemühe sich um eine Genehmigung.

Für die Kohlegegner ist das zwar ein Aufschub, aber die Unsicherheit macht sie auch mürbe. Weiter östlich in Tomisławice wartet Jan Kwiatkowski derweil auf ein Gerichtsurteil zu seinen Gunsten. In letzter Zeit versuche Ze Pak, mit ihm ins Gespräch zu kommen, sagt er. Kwiatkowski hat sich vorgenommen, hart zu bleiben.

Anmerkung: In den Namen von Andrzej Ancygier hatte sich in der gedruckten Ausgabe ein Tippfehler eingeschlichten. Dieser ist jetzt korrigiert. (ae)