Eine eigenartige Aura hat der 22 Jahre alte Großmeister Magnus Carlsen, eine Ausstrahlung, die seine Gegner spüren müssen, wenn sie ihm Kopf an Kopf am Schachbrett gegenübersitzen. Topfit wirkt er und zugleich müde, kraftvoll-schläfrig, als ob ihn alles langweilt. Das kleine Gesicht zusammengezogen, die Mundwinkel nach unten. So hat ihn auch G-Star Raw inszeniert, die erste Kleidermarke, die einen Schachspieler als Model verpflichtete. Das war vor drei Jahren, nachdem er als jüngster Spieler überhaupt den ersten Platz der Weltrangliste erklommen hatte.

Gewöhnliche Spieler gelten nicht als besonders gut angezogen: Ihre Turniere tragen sie in Sporthallen aus, in die sie auf Strümpfen und Sandalen schlurfen, die Thermosflaschen und Stullen in Jutebeuteln baumelnd. Selbst der frühere Weltmeister Wladimir Kramnik, ein kultivierter Russe, der unter besten Bedingungen antritt, schleppt die Nüsse, die er während der Partie zu knabbern gedenkt, in einer Plastiktüte auf die Bühne des Louvre.

Carlsen dagegen, der weltbeste Schachspieler: eine schwarz-weiße Gestalt mit finsterem Blick. Die Modefirma kleidete ihn ein und ließ ihn von Anton Corbijn fotografieren. Wochenlang war das Plakat in Europas Innenstädten zu sehen. Es sollte junge Menschen zum Kauf einer Jeans verleiten. Sie konnten sich auch das Poster kaufen, um es übers Bett zu hängen.

Die Episode zeigt, wie Magnus Carlsen das seit über tausend Jahren von Generation zu Generation weitergegebene Brettspiel auf eine neue Stufe der öffentlichen Wahrnehmung hebt. Galt Schach zuletzt als kompliziert und langweilig, taugt es nun zum Hipstertum. Der junge Mann ist nicht nur im Nu an die Weltspitze vorgestoßen, er verkörpert auch einen neuartigen Typ des Schachspielers. Den Star.

Entsprechend schwer ist es, zu ihm durchzudringen. Sechs Monate brauchte ich. Es wurden Termine in Aussicht gestellt, verschoben und wieder verschoben, und immer sagte sein Manager, er würde das gleich am nächsten Tag mit Magnus besprechen und sich dann melden. Irgendwann dämmerte mir, dass es vielleicht so schwer ist, ihn zu treffen, weil er dazu einfach keine Lust hat. Schließlich hieß es, ich könne Carlsen im September in Oslo eine Stunde lang sprechen und zu einigen Terminen begleiten. Aber noch am vereinbarten Tag gibt es Änderungen des Zeitplans – und ein paar Schwierigkeiten.

Dabei sind die Medien so gut zu ihm. Das Time Magazine zählte ihn Anfang des Jahres zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit, da war er noch nicht einmal von zu Hause ausgezogen. Das Frauenmagazin Cosmopolitan pries ihn als einen der hundert attraktivsten Männer auf dem Globus, obwohl man noch nie eine Freundin an seiner Seite gesehen hatte.

Sein früherer Trainer und Mentor, der norwegische Großmeister Simen Agdestein, sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: "Magnus wird mehr und mehr zu einer mysteriösen Figur, wie James Dean."

Ich soll dem Mysterium nun auf der Dachterrasse einer Bank begegnen. Arctic Securities sponsert ihn seit Jahren, jetzt zahlt er zurück, indem er Pressetermine am Firmensitz abhält. Die Sonne scheint, und an Journalisten fehlt es wahrlich nicht. Ein Kamerateam schwenkt erwartungsfroh das Puschelmikrofon, Fotografen bauen sich auf, schreibende Kollegen aus Dänemark, Schweden und England prüfen den Blick über die Stadt. Auch Ole Kristian Strøm ist da, Carlsens Leibreporter, der im Osloer Boulevardblatt VG jede Woche zwei bis drei Artikel über ihn bringt. Und das alles, weil am 7. November in Indien der Schachkampf des Jahrzehnts beginnt: Magnus Carlsen fordert Weltmeister Viswanathan Anand heraus. Wird er seine steile Karriere krönen können?

Das späte Schachwunderkind, das sich als Achtjähriger noch aus der Grundstellung heraus in drei Zügen mattsetzen ließ, dann aber unbedingt die Schwester bezwingen wollte. Magnus, der bald seinen Vater schlug, einen erfahrenen Vereinsspieler, und wenig später seinen Trainer, Norwegens Nummer eins zu jener Zeit. Der im Alter von 13 Jahren Großmeister wurde, seither rund um den Globus Turniere spielt und nur eine Richtung kennt: nach oben. Und nun ist er da, Carlsen auf dem Dach.

Fotografiert zu werden scheint ihm leichter zu fallen als zu reden

"Sie gucken immer so grimmig", sage ich zur Begrüßung, als ich an der Reihe bin.

"Aus irgendeinem Grund soll ich immer ernst aussehen", sagt er, als wäre das nicht seine Entscheidung. "Ich kann auch lächeln." Und dann lächelt er, kurz und bübisch.

So sportlich wie Carlsen hat man sich ein Schachgenie nicht vorgestellt: Er klettert und fährt Motorboot

Wir ziehen uns in einen Besprechungsraum zum Interview zurück. Aber was ist das? Carlsen legt sich mehr auf das Sofa, als dass er sich setzt. Er gibt sich keine Mühe, freundlich zu sein. Seine Unlust trifft mich mit voller Wucht. Er sagt nur das Nötigste, auf Englisch, langsam und leise, dann hält er inne. Er beantwortet jede Frage, aber er lässt kein Gespräch entstehen. Er greift keinen Faden auf, spinnt keinen Gedanken weiter. Als mir einmal die nächste Frage nicht sofort einfällt, sitzen wir da und schweigen. Es ist furchtbar.

Der Manager bricht das Interview nach 45 Minuten ab. Es gebe weitere Verpflichtungen. Und wir wollten doch noch etwas essen gehen, die Zeit dränge; wir könnten das Gespräch im Restaurant fortsetzen.

Ein Gang ins Restaurant ist das Äußerste, was Carlsen den Medien an Einblick gewährt. Keine Homestorys, keine Familienbesuche, nichts aus der Nähe. Man ist auf Erzählungen Dritter angewiesen. Oder auf seine Facebook-Seite. Sie zeigt ihn bei sommerlichen Sprüngen vom Fünfmeterbrett oder auf Spritztouren mit dem Motorboot vor Kragerø, dem Saint-Tropez Norwegens. Seine Gegner werden sich das genau ansehen: ein Outdoor-Schachspieler, der Tore schießt, Berge besteigt und kopfüber in der Kletterwand hängt. Nun bewegen sich die Spitzenspieler im Schach zwar alle viel, schon um das stundenlange Sitzen auszugleichen. Aber so durchtrainiert wie Carlsen ist keiner. Er sagt, er würde viele Züge intuitiv machen, aus dem Bauch heraus. Man sieht: Es ist ein Waschbrettbauch.

Zum Restaurant sind es zehn Minuten zu Fuß. Auf dem Weg drehen sich etliche Passanten nach uns um. In Norwegen interessieren sich jetzt Leute für Schach, die kaum wissen, wie die Figuren ziehen. Das nur fünf Millionen Einwohner zählende Land hat viele international sehr erfolgreiche Skispringer, Langläufer, Biathleten, alles Wintersportler. Carlsen öffnet die Tür zu anderen Jahreszeiten. "Magnus, Magnus!", rufen zwei halbwüchsige Mädchen, "ein Foto, bitte!"

Das asiatische Restaurant ist schon am späten Nachmittag proppenvoll und laut. Nach der Bestellung beginnt Carlsen hingebungsvoll an seinem Smartphone zu fummeln. Zwischendurch wechselt er mit seinem Manager ein paar Sätze auf Norwegisch. Keine Fragen mehr. Wir essen so vor uns hin.

Anschließend geht es zu Fotoaufnahmen in ein Café. Carlsen lässt sich umstandslos von einer ihm unbekannten Stylistin ins Haar greifen und macht alles mit. Fotografiert zu werden scheint ihm leichter zu fallen als zu reden. Das Café verweist auf die legendäre Zeit der Kaffeehäuser. In den großen Städten Europas war Schach vor hundertfünfzig Jahren zum Gesellschaftsspiel geworden. Man rauchte und redete und scharte sich ums Brett. In London gab es sogar Wettkämpfe zwischen Gästen verschiedener Lokale. Ein Bote eilte hin und her und überbrachte die Züge, die hier wie dort leidenschaftlich diskutiert wurden.

Aber Carlsen versteht nicht, was das mit dem Café jetzt soll. "Ich trinke nie Kaffee."

Seinen letzten Fototermin an diesem Tag hat er im Oslo Schakselskap. Der älteste Schachverein Norwegens, gegründet 1884, residiert in der siebten Etage eines Apartmenthauses im noblen Westen der Stadt. Die Spende eines reichen Schachfreundes verhalf ihm 1918 zu immerwährendem Wohlstand. Parkett, Orientteppiche, Bücher, Pokale. An den Wänden Fotos vieler historischer Meister, die Trygve Halvorsen hießen oder Åge Vestøl, der Welt unbekannte Namen. Norwegen war im Schach nie so gut wie Russland, England oder Deutschland.

Ein großformatiges, expressionistisches Gemälde zieht den Blick an: zwei Männer, ins Spiel vertieft, grübelnd, sich an den Kopf fassend – die Entscheidung scheint zum Greifen nah zu sein.

"Wer hat das gemalt?", frage ich einen älteren Schachfreund, der mein Interesse bemerkt.

"Xan Krohn", sagt er, "ein Künstler aus Bergen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Sozialist nach Russland ging. Er kam mit den Kommunisten nicht klar und suchte nach der Oktoberrevolution Zuflucht in Oslo. Weil er kein Geld hatte, konnte er seinen Mitgliedsbeitrag nicht zahlen und brachte stattdessen ab und zu ein Bild vorbei."

Im Saal nebenan, an einem langen Tisch mit vielen Brettern, rangelt die Zukunft des Vereins. Ein Schwung Mädchen, Kinder noch, quirlig, blond, viele mit Zöpfen, es wird gekichert. Die Tür geht auf, Carlsen erscheint. Im Nu ist es mucksmäuschenstill. Magnus! Aber er schaut nur mal rein. Schon ist er fort und aus dem Haus, einen Strudel von Gesprächen hinter sich lassend.

Nur wenige Großmeister können allein vom Spielen leben

So sehr er von den jungen Talenten bewundert wird, so wenig kümmert er sich um sie. Die Schachklasse an seinem früheren Sportgymnasium besuche er nur, wenn sie ihn zum Fußballspielen einlade, erzählen die Jungen im Verein. Wie ist er denn auf dem Platz? "Wirklich gut", sagt der 17-jährige Snorre. Und Håkon ergänzt: "Besonders als Verteidiger." Das Abitur hat Magnus sausen lassen, zu viele Turniere.

Im Büro des Schachvereins nimmt sich Jon Ludvig Hammer meiner an. Ihn trifft das bittere Schicksal, Norwegens ewige Nummer zwei zu sein. Nie wird er vergessen, wie er Magnus zum ersten Mal gegenübersaß, bei der Norwegischen Meisterschaft der Unter-Elfjährigen.

"Ich hatte Weiß, es war eine Englische Eröffnung. Er hatte eine Dame auf d8 und einen Läufer auf e7, und mein Springer auf h4 war nur von einem Bauern gedeckt. Er schlug zweimal, und weg war mein Bauer. Aber durch dieses Missgeschick öffnete sich die g-Linie, und ich konnte ihn angreifen. Später gewann ich einen Turm auf der großen Diagonalen."

Hammer erzählt von der Partie, als sei sie gestern gewesen, aus gutem Grund: "Das war das eine Mal, dass ich ihn geschlagen habe." Magnus habe bitterlich geweint, aber nicht lange. Beim Stechen rächte er sich und gewann das Turnier.

Sind sie immer noch Konkurrenten? "Man kann mit einem Mozart des Schachs nicht konkurrieren", sagt Hammer. "Ich würde sagen, wir sind Freunde." Auch wenn er es nur andeutet: Er scheint zu dem Team zu gehören, mit dem Carlsen sich auf den WM-Kampf vorbereitet. Inwiefern Hammer ihm im Schach helfen kann, ist unklar. Überhaupt weiß niemand recht zu sagen, worin Carlsens Vorbereitung bestehen könnte außer darin, viel zu schlafen. Dass er viel schläft, sagen alle.

Beim letzten WM-Kampf, im Mai 2012 in Moskau, durfte Boris Gelfand den seit 2007 amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand herausfordern. Ein russischer Milliardär, der es vom Schachlehrer zum Transportmogul gebracht hatte, zahlte alles. Gelfand gilt als vielseitig und solide, Anand als schnell und gefährlich. Von zwölf Partien gewannen sie je eine, zehn endeten unentschieden. Während das Publikum wegen der vielen Remisen nörgelte, verfolgte manch ein Meister den Zweikampf fasziniert: Monatelang hatten sich die beiden zurückgezogen, um mithilfe ihrer Sekundanten und leistungsfähiger Computerprogramme neue Eröffnungsfeinheiten vorzubereiten. Der Israeli hatte sein Camp in den Alpen, der Inder im Taunus. In Moskau überraschte der Herausforderer den Weltmeister mit Systemen, die er nie zuvor gespielt hatte. Anand musste während des Duells nacharbeiten. Seine Sekundanten tüftelten im Luxushotel mit Blick auf den Kreml Tag und Nacht; es ging gerade noch einmal gut.

Die Entscheidung fiel am letzten Tag im Stechen über vier Partien mit stark verkürzter Bedenkzeit. Dieses Finale war, wenn man so will, das erste Elfmeterschießen bei einer Schachweltmeisterschaft. Der Fußballfan Gelfand unterlag, als er einen Ball, den er hätte reinmachen müssen, an die Latte donnerte. Kann passieren. Chance des Lebens vergeigt. Er trug es mit bewundernswerter Fassung.

Im November wird in Anands Heimatstadt Chennai die nächste Schach-WM ausgetragen, ein Duell über drei Wochen, bezahlt von der Provinzregierung zu Ehren des Weltmeisters, der in Indien ein Volksheld ist. Für die Spieler geht es um fast zwei Millionen Euro und den unbezahlbaren Titel. Hier der jugendliche Herausforderer aus Norwegen, dort der doppelt so alte Tiger von Madras. Hat er mit 43 noch Biss?

Um die Bedeutung des Matches erkennen zu können, muss man wissen: Schach ist heute ein globaler Sport, dem das große Geld fehlt. Nur wenige Großmeister können allein vom Spielen leben. Sie werden zu Turnieren eingeladen in Städte mit klingenden Namen: Paris, Bilbao, Baden-Baden, St. Petersburg, Karlsbad, St. Louis, Nanjing. Die anderen müssen unterrichten, Bücher schreiben, Wettkämpfe kommentieren, Schach-Webseiten programmieren, sich von Preisgeldern ernähren oder pokern. Deshalb ist ein guter Platz innerhalb der Top 50 zwar wichtig, aber nichts im Vergleich zum Titel. Seit der ersten Weltmeisterschaft 1886 hat es überhaupt erst 15 Titelträger gegeben. Wer Weltmeister werden will, muss sich das Recht zur Herausforderung gegen die allerbesten Konkurrenten mühsam erkämpfen, wie Gelfand und Carlsen es getan haben. Wer im Zweikampf siegt, hat für den Rest seines Lebens ausgesorgt, denn er hat Kost und Logis frei bei 600 Millionen Schachspielern weltweit.

"Man sollte in jedem Spiel das Letzte geben"

Viswanathan Anand steht zurzeit nur auf Platz 8 der Weltrangliste. Ihn stört das natürlich, auch weil es Spott provoziert. Seine Turnierergebnisse künden von Motivationsproblemen, wie sie andere Weltmeister vor ihm hatten. Was soll an Herausforderungen noch kommen, solange keine bewohnten Exoplaneten entdeckt sind?

Aber Anand, der sich für Astronomie begeistert, weiß, was er an seinem Titel hat, Weltmeister ist besser als Ex-Weltmeister. Zweimal hat er ihn schon verteidigt. Er wird ihn nicht kampflos hergeben, zumal nicht gegen diesen jungen Schnösel. Den Anand so nie nennen würde, denn er ist ein indischer Gentleman.

Den Sommer über war er wieder im Taunus, in Bad Soden, wo er eine Wohnung besitzt. Werden er und seine Sekundanten neue Varianten vorbereitet haben? Oder braucht es gegen diesen Gegner etwas ganz anderes?

Dem sport- und spielverrückten Magnus Carlsen ist eher zuzutrauen, sich mit täglichem Kicken und Kickern auf den WM-Kampf vorzubereiten als mit dem Studium von Schacheröffnungen am Computer. Simen Agdestein, sein früherer Trainer, hielt nichts vom systematischen Lernen. Sie schauten sich zusammen an, wozu sie gerade Lust hatten. Oft, erinnert sich Agdestein, sei Magnus auch mittags in sein Schulbüro gekommen, habe irgendein Schachbuch aus dem Regal gezogen und im Stehen ein paar Seiten gelesen. Von da an habe er das dann gewusst. Sein Gedächtnis sei phänomenal. Spielte er noch besser, würde er so arbeiten wie die anderen Großmeister? Oder wäre er dann gar nicht so weit gekommen?

Carlsen hat sich bei allem Kampf das Spielerische bewahrt. Wenn auf dem Brett alles geklärt zu sein scheint und sein Gegenüber das Remisangebot schon auf den Lippen führt, legt er oft erst los. Gegen stärkste Gegnerschaft vermag er aus harmlosen Stellungen tödliche Verwicklungen anzuzetteln. Ihm ist es egal, wenn dies erst in der fünften oder gar sechsten Stunde des Kampfes geschieht. Er ist ja gut durchblutet.

Als ich mir ein paar Tage nach unserer missglückten Begegnung das Interview anhöre, bin ich perplex. Es klingt völlig anders, als ich es erlebt hatte. Das Grimmige, Lustlose, Genervte ist weg. Seine Antworten sind auf den Punkt, die Pointen sitzen. Wie konnte ich das im Moment des Gespräches nicht bemerken? Und mit welchen Fehlwahrnehmungen wird es erst jemand zu tun haben, der ihm am Brett gegenübersitzen muss!

ZEITmagazin: Wie viel Disziplin braucht man, um Schachweltmeister zu werden?

Carlsen: Ich bin im Leben nicht sehr diszipliniert, am Brett schon. Ich glaube, dass man auch mit der Einstellung Weltmeister werden kann, dass Schach Spaß macht.

ZEITmagazin: Ihnen geht es um Spaß?

Carlsen: Das ist meine Hauptmotivation. Ich muss nicht unbedingt Weltmeister werden, obwohl das natürlich schön wäre.

ZEITmagazin: Macht Ihnen das Spielen mehr Spaß oder das Siegen?

Carlsen: Das Gewinnen. Aber auch das Spielen selber gefällt mir. Besonders wenn mir auf dem Brett etwas gelingt, was man so noch nie gesehen hat.

ZEITmagazin: Wie fanden Sie die letzte Weltmeisterschaft?

Carlsen: Etliche Partien wurden zu früh remis gegeben. Wenn man eine WM spielt, gibt es dafür keine Entschuldigung. Man sollte in jedem Spiel das Letzte geben, das ist man sich und allen Schachfans schuldig.

ZEITmagazin: Was wäre Ihre Botschaft als Weltmeister?

Carlsen: Immer noch einen Zug machen, dem Gegner immer noch ein kleines Problem stellen. Es gibt immer Möglichkeiten, und du sollst immer kämpfen.

ZEITmagazin: Viele Ihrer Gegner machen unter Druck Fehler. Haben Sie mehr Glück als andere?

Carlsen: Man bekommt immer, was man verdient. Es mag Partien geben, die ich gewonnen habe, von denen sich sagen ließe, dass ich den Sieg nicht verdient hätte. Aber meine Gegner haben die Niederlage immer verdient. Wenn man eine sehr gute Partie spielt, darüber zu viel Zeit braucht, dann einen Fehler macht und verliert, hat man selber Schuld.

ZEITmagazin: Was sehen Sie in Ihren Gegnern?

Carlsen: Wenn wir spielen, sind es Rivalen. Wenn wir nicht spielen, sind es Kollegen. Ich finde es wichtig, abseits des Brettes normale Beziehungen zu haben.

"Ich spiele nie gegen Computer"

ZEITmagazin: Weil Sie dieselbe Leidenschaft teilen.

Carlsen: Ja.

ZEITmagazin: 1972, als der Amerikaner Bobby Fischer gegen den Russen Boris Spasski antrat, spiegelte sich in ihrem Kampf der Kalte Krieg.

Carlsen: Zwischen den beiden Spielern gab es aber keine besonderen Animositäten. In späteren Jahren zählte Spasski zu Fischers engsten Freunden.

ZEITmagazin: Wie ist Ihr Verhältnis zu Anand?

Carlsen: Ich habe ein paarmal mit ihm zu tun gehabt. Wir kommen sehr gut miteinander aus. Aber das nimmt dem Match nichts.

ZEITmagazin: Ihr Erfolg hat Sie international bekannt gemacht. Wie gelingt Ihnen der Wechsel zwischen Brett und Welt?

Carlsen: Ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken, wie andere mich sehen. Man kann sich leicht zu sehr damit aufhalten.

ZEITmagazin: Sie werden sogar auf der Straße angesprochen.

Carlsen: Ja, aber meistens sehr dezent. Viele wollen mir einfach nur Glück wünschen. Was ich nicht verstehe, sind diese Leute, die mir "Schachmatt!" zurufen. Man geht doch auch nicht auf einen Fußballspieler zu und ruft: "Tor!" Oder sie sagen zu mir: "Du bist der Schachmattkönig!" Irgendwie hängen sie an dem Wort Schachmatt. Das ist das Einzige, was mich nervt.

ZEITmagazin: Wie ist Ihr Verhältnis zu Schachprogrammen?

Carlsen: Ich nutze sie zur Analyse. Ich spiele nie gegen Computer. Ich habe das nie gemocht. Ich bin ohne Computer aufgewachsen. Meine erste Datenbank hatte ich erst mit elf oder zwölf. Davor habe ich nur auf dem Brett gespielt. Ich habe früher nie Software zur Vorbereitung benutzt, und das hat meinem Schachverständnis sehr gutgetan.

ZEITmagazin: Kann der Computer Spieler verderben?

Carlsen: Das nicht. Aber um unter die Besten zu kommen, muss man mehr tun, als nur vor dem Computer zu sitzen. Man braucht einen bestimmten Sinn für das Spiel, den man am Bildschirm nicht bekommt. Ich hatte meinen Vater als Lehrer, einen guten Trainer und die Sportschule.

ZEITmagazin: Der Mensch fühlt, der Computer rechnet?

Carlsen: Ja. Und deshalb ärgert es mich, wenn es immer wieder heißt, ich gehörte zur Generation der Computer Kids. Ich zähle mich nicht dazu. Ich wäre auch nicht dort, wo ich heute bin, wenn ich nicht all diese Stunden investiert hätte. In meinen jungen Jahren habe ich die ganze Zeit Schach gespielt oder mir Stellungen angesehen, selbst beim Essen. Ich saß an einem anderen Tisch als der Rest der Familie, damit ich die Figuren bewegen konnte.

ZEITmagazin: Das machen Sie jetzt nicht mehr?

Carlsen: Ich habe nicht mehr die gleiche Neugierde, am Brett gibt es auch nicht mehr so viel zu lernen.

ZEITmagazin: Wie gut, glauben Sie, sind Ihre Chancen, Weltmeister zu werden?

Carlsen: Sie sind sehr gut. Ich halte mich für den Favoriten, wann immer ich an einem Turnier teilnehme, und das ist bei der WM nicht anders. Aber Anand wird in einer besseren Verfassung sein als bei seinen letzten Auftritten. Er wird fokussiert sein und bestens präpariert. Er wird nicht einfach zu Boden gehen.