Ohne Zweifel hatte Der Mann mit dem Goldhelm das Zeug dazu, als die Rembrandt-Ikone in die Kunstgeschichte einzugehen. Mich haben damals allerdings, als mir der erste Bildband über Rembrandt in die Hände fiel, die Stulpenstiefel der Männer von der Nachtwache viel mehr inspiriert: alles Zeitzeugen meines Helden d’Artagnan. Touché! Damit ist mein früher Kunstverstand bewiesen, denn Der Mann mit dem Goldhelm ist wohl kein echter Rembrandt, jedenfalls haben sie ihn abgehängt. Die Holländer haben mit ihren Rembrandts ein ähnliches Problem wie wir mit den Doktorarbeiten unserer Minister: vieles durchgepaust und abgeschrieben.

Mir schien ein Besuch im wiedereröffneten Amsterdamer Rijksmuseum vielversprechend: Alle Bilder restauriert, alle Mauern renoviert. Dann war da noch etwas: Erinnerungen an erste gastronomische Abenteuer, über ein halbes Jahrhundert zurückliegend. Der Ruf von Nasi Goreng war über die Grenze zu mir gedrungen, war der Grund für erste Amsterdambesuche gewesen und entwickelte sich zur Basis für das spätere Interesse an exotischen Küchen und fremden Essgewohnheiten.

Zwischenzeitlich wurde die Lust zur Reise ins Nachbarland durch den freien Verkauf von Haschisch gefördert, aber wie holländische Wohnwagen Deutschland nur als Transitstrecke benutzen, fallen bekiffte Touristen nur gelegentlich in die berühmten Grachten Amsterdams. Dass diese Kanäle auf den Bildern Rembrandts keine Rolle spielen, enthüllt, dass der große Maler nicht sehr heimatverbunden war. Wahrscheinlich litt sein Ruf schon zu seinen Lebzeiten darunter; zumindest wurde ihm von Nachbarn und Verwandten sein unbürgerlicher Lebensstil vorgeworfen.

Es gehört schon eine Portion Spießigkeit dazu, von einem Rembrandt Bürgerlichkeit zu erwarten! Nicht einmal die Wiener haben ihrem rheinischen Dauergast Beethoven verübelt, dass er am Nussberg dem Gemischten Satz, einer Mischung verschiedener Rebsorten, kräftig zusprach. Beide Städte erheben Besitzansprüche auf ihre prominenten Künstler. Zur Betonung ihres Anspruchs hat die Stadt an der Amstel beim Umbau des Rijksmuseums der Nachtwache eine spektakuläre Bühne geschaffen. Damit beabsichtigt sie nichts anderes als der Pariser Louvre mit seiner Mona Lisa, nämlich Besucher anzulocken wie ein Zwetschgendatschi die Wespen.

Für keine dieser Vernissagen habe ich eine Einladung bekommen, was im Fall der Mona Lisa nicht tragisch war, da ich alle Restaurants im weiteren Umkreis des Louvres bereits kannte. Nicht aber die Gastronomie Amsterdams. (Das Nasi Goreng meiner Jugend sei hier gnädig übergangen.)

Bei Regen fuhr ich zu Hause ab, und bei Regen kam ich an. Dazwischen lagen sieben Stunden, in denen es regnete. So schockierte mich der Anblick der Grachten nicht. Sie waren alle mit Wasser gefüllt. Das sei hier so üblich, belehrte mich der Taxifahrer, der mich zum Hotel fuhr. Das hieß Okura. Ich hatte es gewählt, weil es vom Bib Gourmand (der Michelin-Kategorie für gute preiswertere Küche) bis zu zwei Michelin-Sternen alles bietet, was einen hungrigen Wandersmann zum Bleiben verführen kann. Außerdem hat es 23 Stockwerke, die oberste Suite soll die größte in den Benelux-Staaten sein, Putin hat schon darin gewohnt. Dort oben befindet sich auch die Gourmetklause Ciel Bleu. Der Rest ist japanisch. Das Rituelle der Keiseki-Küche wird mir zwar ewig fremd sein, auch die dazu verwendeten Aromen sind für einen Liebhaber gegrillter Lammnieren rätselhaft; aber allein die Pflege der japanischen Kochmesser sollte einem deutschen Hobbykoch höchsten Respekt abnötigen.