Hat irgendwer vergessen, wie haltlos, wie grundstürzend verrückt dieser Architekt einst war? Er wollte die Ordnung der Welt einreißen. Die Fundamente des Seins zertrümmern. Die falschen Verhältnisse aufstemmen. Denn nur so, befreit von drückenden Mauern und lastenden Dächern, wäre auch der Mensch endlich frei. Eine Architektur sollte her, "die blutet, die erschöpft, die dreht und meinetwegen auch bricht. Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reißt!"

Nicht zu Unrecht galt Wolf Prix als der große Bürgerschreck unter den Baumeistern, ein Systemgefährder, der noch heute, mit 70 Jahren, davon träumt, den kapitalistischen Zwängen zu entkommen. Und ausgerechnet er, der ewige Umstürzler, bekam 2003 den Auftrag, eine der wichtigsten Bankzentralen der Welt zu errichten. Wäre es bloß darum gegangen, möglichst viele Büroräume möglichst effizient aufeinanderzuschichten, dann hätte das ebenso gut jeder andere Architekt planen können. Doch gefragt war etwas, was man in der kalten Logik des Bankgewerbes nicht unbedingt vermuten würde: Metaphysik. Die sonst so strengen Währungshüter spekulierten mit einem Wert, der in Zahlen nicht zu fassen ist: Sie wollten symbolischen Überschuss. Ihr Hauptquartier, der neue Sitz der Europäischen Zentralbank, sollte ein Wahrzeichen werden. Nur von welcher Wahrheit es künden sollte, wussten sie nicht recht zu sagen.

Vorige Woche nun lud Wolf Prix, Gründungsmitglied des Wiener Architektenbüros Coop Himmelb(l)au, erstmals zur öffentlichen Besichtigung. Bis zur Einweihung dauert es noch einige Zeit, bislang ist nicht einmal die rasante Glasfassade fertig. Der Stolz aber trieb Prix schon einmal hinaus auf die Baustelle, hinauf ins 45. Geschoss, denn alle Welt soll sehen, was ihm hier gelungen ist.

Rund um den teuren Turm haben Billigheimer ihre Geschäfte

Mögen die Berliner ruhig ewig um ihr Nostalgieschloss kreisen, Macht und Bedeutung sind längst ausgewandert, sie werden im Frankfurter Ostend residieren, hier, wo die riesigen, verlassenen Großmarkthallen stehen. Gleich um die Ecke sitzt die Heilsarmee, auch die Caritas schenkt Kaffee aus, und vis-à-vis dem kühnen neuen Bankturm gehen lauter Billigheimer ihren Geschäften nach, Kebab-Läden, Aquariumsbedarf, das Piercing-Paradies. Wahrscheinlich gehört das bereits zum symbolischen Überschuss dazu: Der Euro hat sein neues Zentrum dort, wo es an Euro mangelt. Glanz und Stolz in verhärmter Wirklichkeit.

Nicht im Bankenviertel, nicht unter ihresgleichen, hat sich die EZB angesiedelt. Ihr mächtiger Turm steht für sich, als müsste sie sich fernhalten, um die Übersicht zu wahren: über die anderen Banken und sowieso über alles, was in den weiten Landen Europas vor sich geht. Der Neubau schaut über den Main hinweg, über das alte Arbeiterquartier des Ostends, auch über die neuen Wohnquartiere, die in den letzten Jahren herangewachsen sind. Die Bank ist fremd hier, sie fügt sich nicht ein. Sie rückt ab von der Straße, gesichert von hohen Zäunen.

Dass hier Europa endlich geerdet wird. Dass sich greifen lässt, was den Kontinent zusammenhält. Dass dieses sonst so abstrakte Staatenkonstrukt ein Gesicht bekommt. Das alles hofften manche, als sie mit dem EZB-Neubau begannen. Nichts aber hat sich davon erfüllt. Was der Architekt Prix zusammen mit seinen Kollegen in den Frankfurter Himmel stellte, für kolossale 1,2 Milliarden Euro, verweigert den klaren Ausdruck. Wer das Gebäude umwandert, für den wandeln sich die Bilder, mal sieht der Turm seltsam zerrissen aus, ein verkeiltes, in sich verdrehtes Glasgebilde; dann wieder wirkt er stumpf und monolithisch banal. Egal aber, aus welcher Richtung man nun schaut, immer bleibt die Architektur unnahbar. Sie will niemanden gewinnen, mag keinem gefallen, sie verzichtet auf die vermittelnde Kraft des Bildhaften. Ihr Charakter ist so kühl, so ortlos wie die Währung, über die sie im Inneren wachen.

Und doch will das Auge von diesem Bauwerk nicht lassen. Trotz seiner scharfen Kanten bleibt es rätselhaft verschwommen. Es erstarrt nicht zum wohlfeilen Symbol, sondern stellt etwas aus, was es in der politischen Ikonografie so noch nicht gegeben hat: die eigene Zerrissenheit. Wolf Prix hat ein Haus des offenen Widerstreits errichtet.

Viele seiner Vorgänger bauten auf das Ewige, noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hatte eine Bank wie ein Tempel des Geldes auszusehen, aus kostbarem Granit, mit Säulen geschmückt, ruhend auf wehrhaften Sockeln. Prix hingegen erzählt mit seiner EZB vor allem davon, dass nichts auf dieser Welt ist, wie es scheint. Und dass absolute Verlässlichkeit selbst von einer Bank wie dieser nicht zu erwarten steht. Es ist eine höhnische, eine illusionslose Architektur. Und sie muss sich nicht mal verbiegen, um schrecklich verbogen auszusehen.