Wenn in Deutschland nur alte Frauen wählen dürften – dann hätte Angela Merkel am 22. September locker die absolute Mehrheit erreicht. 57 Prozent aller Wählerinnen über siebzig haben sich laut infratest dimap für die CDU beziehungsweise CSU entschieden. Bei den Frauen über sechzig waren es immer noch 48,8 Prozent. Diese Begeisterung der Großmüttergeneration wirkt sich nun in den Koalitionsverhandlungen aus: Kein anderes Thema ist der Union so wichtig wie eine Erhöhung der Mütterrenten – obwohl das sehr teuer ist, künftige Generationen strapaziert und gegen Altersarmut fast nichts bewirken wird. Trotzdem: "Was für die SPD der Mindestlohn ist, ist für uns die Mütterrente", sagt Fraktionschef Volker Kauder. Schon bevor die Sondierungsgespräche mit der SPD begonnen hatten, erklärte er das Thema für "nicht verhandelbar". Er kündigte sogar an, die höheren Renten würden von Anfang 2014 an gezahlt. Doch dann werden, selbst wenn die Verhandlungen gut laufen, wohl gerade erst die neuen Ressortchefs in ihre Ministerien einrücken.

Dass die Union so viel Ehrgeiz ausgerechnet bei der Korrektur einer zwanzig Jahre zurückliegenden Sozialreform zeigt, fällt auf, weil Große Koalitionen eigentlich eine Chance für große Reformen sind – für Antworten in Zukunftsfeldern wie der Netz- oder der Integrationspolitik. Davon ist wenig zu merken. Wie geht es, beispielsweise, weiter mit den angekündigten Ganztagsschulen? Die Pläne sind sehr vage. In der Arbeitsgruppe Familie verhandelt für die Union eine Frau, die nie in diesem Bereich gearbeitet hat: Annette Widmann-Mauz, parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium.

Die Pläne für die älteren Mütter hingegen sind sehr konkret. Monatlich 28 Euro pro Kind sollen zusätzlich an Rentnerinnen gezahlt werden, die vor 1992 Mütter wurden. Das kostet kurzfristig etwa 6,5 Milliarden Euro, mehr Geld, als der Staat für Eltern- und Betreuungsgeld zusammen ausgibt. Mittelfristig soll der Betrag sogar verdoppelt werden, die Ausgaben von 13 Milliarden Euro entsprächen dann fast dem kompletten Etat der Bundesbildungsministerin. Damit müsse eine "Gerechtigkeitslücke" geschlossen werden, heißt es in der Union. Tatsächlich haben momentan Frauen, deren Kinder nach 1992 geboren wurden, deutlich höhere Rentenansprüche. Ältere Frauen, die wegen mangelnder Betreuungsangebote für Kinder weniger Chancen hatten, eine Altersversorgung aufzubauen, können das als ungerecht empfinden.

Allerdings ist das deutsche Sozialrecht voll von vergleichbaren Stichtagsregelungen. Kein Parlament der Welt könnte die damit verbundenen Ungerechtigkeiten nur im Ansatz korrigieren. Seit Anfang 2007 wird beispielsweise Elterngeld gezahlt. Trotzdem kommt niemand auf die Idee, Väter und Mütter zu entschädigen, deren Kinder in den Jahren davor zur Welt kamen.

Als 1992 die umstrittene Mütterrenten-Regelung eingeführt wurde, regierte die CDU. Der für Rente zuständige parlamentarische Staatssekretär im Arbeitsministerium hieß Horst Seehofer, er ist heute der härteste Kritiker der angeblich ungerechten Regeln. Mehr als zwanzig Jahre lang hat das vermeintliche Unrecht allerdings niemanden aus der Unionsführung wirklich interessiert. Im Koalitionsvertrag des Jahres 2009 stand das Vorhaben, Geringverdiener besser vor Altersarmut zu schützen – Mütterrenten wurden nicht erwähnt. Auch als die zuständige Bundesministerin Ursula von der Leyen 2012 einen Gesetzentwurf für eine Rentenreform vorlegte, kamen ältere Mütter nicht vor. Erst auf den letzten Metern vor der Wahl machten sich Merkel und Seehofer das Thema wirklich zu eigen.

Zunächst wollten sie damit vor allem die Frauen in der eigenen Partei versöhnen, die sich eine Quote wünschten, aber kein Betreuungsgeld. Eine bessere Anerkennung der Kindererziehung bei der Altersversorgung wollte die Frauenunion seit Langem.

So ist die Mütterrente auch ein Beispiel für verworrene parteiinterne Entscheidungen. Das Betreuungsgeld wurde eingeführt als Kompensation für den 2007 vereinbarten Krippenausbau, mit dem die CSU haderte. Und weil das Betreuungsgeld für die Frauenunion eine Zumutung war, folgt nun die sehr viel teurere Mütterrente. 2013 wurde sie dann zum Wahlkampfschlager – und zum Beispiel für besonders erfolgreiche Klientelpolitik, für ein teures Wahlgeschenk an besonders treue Stammwählerinnen.

Die Mütterrente sei ein wichtiger Beitrag gegen Altersarmut, behaupteten Anfang der Woche viele Unionspolitiker. Das Statistische Bundesamt hatte bekannt gegeben, dass immer mehr alte Menschen von der Grundsicherung leben müssen, weil ihre Rente unterhalb des Niveaus der Sozialhilfe liegt. Doch ein gezielter Beitrag gegen Altersarmut ist die Mütterrente eben nicht. Sie ist gerade deswegen so teuer, weil Frauen aus allen Einkommensgruppen sie bekommen können. Die meisten von ihnen brauchen staatliche Hilfe nicht, jedenfalls nicht dringend. Heute müssen sich nur drei Prozent aller Rentner vom Sozialamt helfen lassen. Die Altersarmut von morgen, nicht die von heute, ist das entscheidende Problem.

Hinzu kommt: Vielen Frauen mit älteren Kindern war bis zum Wahlkampf nicht einmal bewusst, dass sie schlechter behandelt werden als jüngere Mütter. Normalerweise geben Politiker Geld aus, wenn Bürger das fordern – diesmal schaffte sich der Bedarf teilweise selbst. "Ich hatte ja keine Ahnung, dass die Gesetze so ungerecht sind", sagt beispielsweise die 72-jährige ehemalige Verlagskauffrau Lilo Reichel aus Hamburg, Mutter von vier in den sechziger Jahren geborenen Kindern. Als sie im Wahlkampf aus einem Interview mit Seehofer erfuhr, dass die Union mehr Rente für Frauen wie sie forderte, begann sie eine aufwendige Recherche. Sie klapperte Stände sämtlicher Parteien ab, schrieb E-Mails an das Büro von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles und informierte sich im Netz über die Wahlprogramme.