Ruth Schäubli ist keine Frau für alle. Sie ist eine Herausforderung. Da schreibt die 83-Jährige einen Beitrag zum Thema Altersfreitod und erklärt schnörkellos: "Wenn es so weit kommen sollte, dass mir alles weh tut, ich nicht mehr gehen kann und starke Schmerzmittel brauche oder eine beginnende Demenz festgestellt wird, werde ich mit Hilfe von Exit gehen." Die Vorstellung, im Pflegeheim gewickelt und gefüttert zu werden, ist für sie unwürdig. Überhaupt verfährt sie ungnädig mit dem Betreuungswesen: "Fürsorge gegen den Willen der 'Befürsorgten' ist eine der perfidesten Formen von Gewalt." Damit zitiert sie den St. Galler Juristen Frank Petermann, einen Kenner des Sterbehilferechts. Exit, die Vereinigung für humanes Sterben, druckte den Text zwar in ihrem Info-Blatt ab, ging in einer Fußnote aber auf Distanz: "Dieser Beitrag schildert die rein persönliche Meinung der Autorin und muss sich nicht mit den Vereinsprinzipien von Exit decken." Muss nicht? Kann aber? Die Radikalität der alten Dame brachte Exit offensichtlich in Verlegenheit.

Wer ist diese Ruth Schäubli, die in ihrem Text auch noch bekennt, dass sie "nicht an einen Gott glaubt, der meinen Todestag bestimmt und der mein Leben lenkt"? Das Lenken habe sie immer selbst besorgt, "außer natürlich dort, wo es gar nichts zu lenken gab". Damit meint sie das Schicksal, mit dem es bestmöglich und bejahend umzugehen gelte.

Ruth Schäubli nimmt am großen Tisch in ihrer Stube Platz. Sie hat Kaffee gekocht und Gipfeli gekauft. Erwartungsfroh blickt sie ihr Gegenüber an. Ihre Brille mit dem modisch zweifarbigen Gestell verleiht ihren Augen etwas Strahlendes. Der Lippenstift glänzt himbeerfarben. Eine schöne alte Frau, von vielen jünger geschätzt. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie allein in einer Dreieinhalb-Zimmer-Alterswohnung in Bassersdorf. Die gerahmten Fotos erinnern an ihre vier erwachsenen Kinder und deren Söhne und Töchter.

"Deine Freude, deine Liebe wird aufgefressen von einem Untier"

Ihre drei Immobilien verwaltet sie selber, die Korrespondenz führt sie mit dem Computer, bisweilen auch von Hand. Sie ist gesund und interessiert. Die Edvard-Munch-Vernissage im Zürcher Kunsthaus hat sie ebenso besucht wie den Menschenfeind im Schauspielhaus. Als sie 80 wurde, hat sie letztmals die Abfahrt vom Weissfluhjoch nach Klosters auf den Skiern gemacht. Inzwischen begnügt sie sich mit Langlauf. Ihren Beruf als Psychologin hat sie aufgegeben: "Irgendwann muss Schluss sein." Diese unzimperliche Sicht auf das Leben hatte das Ehepaar Ruth und Eduard Schäubli vor gut dreißig Jahren dazu bewogen, der neu gegründeten Organisation Exit beizutreten. Die Freiheit, auch den Zeitpunkt und die Art des eigenen Todes wählen zu können, war den beiden wichtig.

Bedeutungsvoll wurde dieser Entscheid, als Eduard Schäubli an Alzheimer erkrankte. Der Schock saß tief bei einem Mann, in dessen Leben die Sprache immer im Zentrum gestanden hatte. Er, der erst Lehrer, später Pfarrer, Schriftsteller und immer ein leidenschaftlicher Leser belletristischer, aber auch philosophischer Bücher gewesen war. Die Vorstellung, sprach- und verständnislos in einem Pflegeheim dahinzuvegetieren, "zu verblöden", wie er sich ausdrückte, beelendete ihn. Das Bild, das drei seiner Verwandten abgaben, die an Demenz litten, war ihm ein Gräuel. Wie groß seine Verzweiflung gewesen sein muss, zeigen Tagebucheinträge, die seine Frau in jenen Jahren fand: "Vergessen heißt langsam zu Tode gequält werden. Granit zerbricht in Staub, was fest war, wird zur Wüste." Ruth Schäubli war schockiert. Auch wenn er noch allein Bahn fahren, ins Museum gehen und mit ihr über die Tagesschau diskutieren konnte, war er sich seiner fortschreitenden Krankheit bewusst. Zum Geburtstag schrieb er: "Deine Freude, deine Liebe wird aufgefressen von einem Untier, das ohne Gnade ist, dem Alzheimer." Bald nahm er Kontakt mit Exit auf. Er wollte wissen, wie und bis wann ein dementer Mensch würdig aus dem Leben scheiden kann. Zu seiner Frau sagte er: "Ich will sterben, solange ich dich noch kenne. Ich habe keine Heimat mehr." Sie respektierte seinen Wunsch, auch wenn es noch so traurig war. Das Paar verband eine 50-jährige Ehe, die "von Zuneigung und Respekt geprägt war". Bis zum Schluss habe der Körperkontakt eine große Rolle gespielt: "Es hat mir Kraft gegeben, Eduard in den Armen zu halten und seine Wärme zu spüren."

Wie lässt sich die Urteilsfähigkeit eines dementen Menschen bestimmen?

Der begleitete Freitod von Demenzkranken ist ein brisantes Thema. In einer Gesellschaft, die zunehmend älter wird, nimmt auch die Zahl jener zu, die an einer Alterskrankheit wie Alzheimer leiden. Groß ist die Angst der Betroffenen, aber auch von Angehörigen und Fachleuten, dass man sich auf diese Weise Menschen entledigt, die nur noch Kosten und Arbeit verursachen und der Gesellschaft lästig werden. Exit hält dagegen, dass Alzheimer-Patienten, die, ärztlich beglaubigt, noch über ihre Urteilsfähigkeit verfügen, genauso in den Freitod begleitet werden dürfen wie andere unheilbar Kranke auch.

Nur: Wie lässt sich die Urteilsfähigkeit eines dementen Menschen bestimmen? Wann, wie schnell und unter welchen Umständen büßt er sie ein? Exit stellte dem Paar einen Sterbehelfer zur Seite, einen reformierten Pfarrer, der schon viele Sterbewillige begleitet hatte. Er bat Ruth Schäubli, ihren Mann sorgfältig zu beobachten und ihn alle drei Monate über seinen Zustand zu informieren: Konnte er noch reden, schreiben und sich auch mit anderen Menschen verständigen? Sie kannte Eduard so gut, dass sie sich die Aufgabe zutraute. Doch prompt ließ sie die Frist verstreichen, ohne sich zu melden. Ab und zu rief der Sterbehelfer an und mahnte zur Vorsicht. Alle Alzheimer-Patienten vor Eduard hätten den letztmöglichen Zeitpunkt verpasst, an dem sie mit der Hilfe von Exit aus dem Leben hätten scheiden können. Das überrascht nicht, denn Demenzkranke müssen sich in einem Moment zum Sterben entscheiden, in dem ihr Leben möglicherweise noch lebenswert ist. Eduard aber war entschlossen, den einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen. "Er hat nie gezweifelt", sagt seine Frau.

Trotzdem rang er in den letzten Monaten seines Lebens mit dieser paradoxen Situation. Er notierte: "Das Leben ist noch schön, und du, meine Frau, bist noch schön. Es ist traurig, aber ich muss mich jetzt zum Sterben entscheiden, und ich will es tun." Als er Ruths Namen nicht mehr wusste, warnte der Sterbehelfer, dass die Grenze zur Urteilsunfähigkeit bald überschritten sein könnte. So legten sie einen Termin fest, der es Eduard noch erlaubte, sich von seinen Kindern, Freunden und Bekannten zu verabschieden. Als er kurz vor seinem Todestag seine Frau fragte, ob sie nicht noch eine Woche warten wollten, erschrak sie. "Ich hätte ihn so gern noch länger bei mir gehabt", erinnert sie sich, "aber ich wollte und durfte ihn nicht aufhalten." So antwortete sie: "Lieber, was zählt schon eine Woche, gemessen an fünfzig gemeinsamen Jahren? Leide nicht noch länger."

In der Todesanzeige fehlte jeder Hinweis darauf, dass der ehemalige Pfarrer mithilfe von Exit gestorben war. Auch an der Beerdigung wurde der Eindruck eines natürlichen Todes erweckt. Ruth Schäubli beginnt zu weinen, als sie das erzählt. Der Sterbehelfer habe ihr dazu geraten, sagt sie, er habe sie vor verletzenden Reaktionen schützen wollen. Heute weiß sie: "Es entsprach weder Eduard noch mir, in einer so wichtigen Frage nicht die Wahrheit zu sagen." Ihre Unaufrichtigkeit habe sie beschämt.

Sie streitet so lange mit den Ärzten, bis diese die Freundin endlich sterben lassen

Das schlechte Gewissen ließ Ruth Schäubli keine Ruhe, und so beschloss sie, das Wichtigste zu Eduards Krankheit und Sterben in einem Büchlein mit dem Titel Ich habe Alzheimer – wie will ich noch leben – wie sterben? festzuhalten. Einen ersten Privatdruck von 900 Exemplaren ließ sie sich knapp zehntausend Franken kosten. Entstanden ist ein berührendes, manchmal auch schockierendes Dokument, in dem es um die letzten Dinge im Leben geht. Der Oesch-Verlag nahm das kleine Werk in sein Programm auf und druckte weitere 2.000 Exemplare. Die Autorin erhielt viele Zuspruch dafür. Man bestaunte Eduards Mut, bekräftigte das Recht eines Alzheimer-Kranken, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, wenn der Verfall der geistigen Kräfte absehbar wird, dankte Ruth Schäubli für ihre Offenheit. Kirchliche Kreise hüllten sich hingegen in Schweigen oder verschanzten sich hinter Floskeln. Und aus Pflegeheimen für Demenzpatienten schlug ihr Ablehnung entgegen. Nachdem sie ein Informationsvideo über den Alltag dementer Heimbewohner gesehen habe, sei ihr aber mehr denn je klar geworden, dass Eduard niemals in diese Umgebung gepasst hätte: "Da tragen alte Männer und Frauen bunte Hütchen, halten Papierfähnchen in der Hand und singen ›Wir fahren auf dem See – juhe‹." Das sei nicht seine Welt gewesen. Ja, die Vorstellung, dass auch seine letzten Jahre so ausgesehen hätten, widerstrebt ihr.

Fortan engagierte sie sich für die Anliegen von Exit. Sie reist an Tagungen, exponiert sich bei Podiumsdiskussionen und vernetzt sich mit den deutschen und italienischen Vertretern der Sterbehilfebewegung. Stolz erzählt sie, dass ihr Büchlein in den nächsten Wochen auf Italienisch erscheine. Wenn sie erlebt, wie eine 62-jährige Freundin nach einem Unfall auf der Intensivstation künstlich beatmet wird, obwohl sie genau das in ihrer Patientenverfügung untersagt hat, kann sie nicht schweigen. Gemeinsam mit dem Sohn streitet sie so lange mit den Ärzten, bis diese die Freundin nach sieben Tagen sterben lassen. "In solchen Momenten", sagt sie, "werde ich richtig wütend." Mitgliederwerbung für Exit mache sie trotzdem nicht. Sie wolle aufklären – etwa ihre Nachbarn in der Alterssiedlung in Bassersdorf, denen sie ein Referat über Sterbehilfe gehalten hat. Sie erzählt, ein sehr frommer Mann, der nichts mit Exit am Hut habe, habe sich anerkennend geäußert. Noch nie habe er jemanden erlebt, der so offen über den Tod spreche. Sie zuckt mit den Achseln. Das falle ihr leicht, habe sie doch ein geklärtes Verhältnis zu ihrem Tod: "Ich habe mein Leben, das ist rund. Dann kommt das Sterben, und wieder verlöscht ein Lebensstern. Das ist gut so."