Die Kinder wohnen in der großen Stadt. Es ist Krieg. Der Vater kommt zu Besuch. Er trägt Uniform und hat ein Kriegsgesicht. Beim Abendessen gibt es einen letzten Blick auf die bürgerliche Familie, deren Untergang hier bevorsteht. Am nächsten Morgen trägt der Vater (Ulrich Matthes) sein Kriegsgesicht zurück an die Front, die Kinder kommen zur Großmutter aufs Land. Wir sehen eine Kate, Hühner, Holzschuppen, eine imposante Alte (Piroska Molnár) mit einem unentzifferbaren Indianergesicht, die, wie man bei Agota Kristof (1935 bis 2011) lesen kann, unter ihren sieben Röcken nichts weiter anhat und ihre Notdurft überall im Stehen verrichtet.

Der Roman Das große Heft von Agota Kristof hat, als er 1986 in Paris und 1987 in Berlin veröffentlicht wurde, dem an literarische Kältezustände schon hinlänglich gewöhnten Publikum noch einmal einen späten, überwältigenden Schock versetzt. In tiefgefrorener, auf den französischen Grundwortschatz beschränkter Sprache erzählte die 1956 aus Ungarn geflohene und im Schweizer Exil lebende Autorin noch einmal von den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges, der alles zerschlug, das Urvertrauen, die Liebe, die menschlichen Bindungen und die beseelte Sprache, in der von alldem einmal erzählt wurde. Im Roman wird gemordet, geprügelt, vergewaltigt, gestorben, so unaufgeregt und nebenbei, wie man Kartoffelsuppe löffelt oder Wasser und Brennholz ins Haus schleppt.

Diese Beiläufigkeit zu verfilmen, war schwer vorstellbar. János Szász gelingt es mit sensationellem Feingespür, beinahe so, als sei er selber von der brodelnden Unterkühlung seiner Helden angesteckt. Die Roman-Zwillinge schreiben alles, was ihnen bei der Großmutter widerfährt, in ein "großes Heft" und haben sich, um zu entscheiden, ob das, was sie schreiben, "gut" oder "nicht gut" ist, eine sehr einfache Regel gegeben: "Der Aufsatz muss wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen." In Filmbilder und Filmtöne übersetzt, heißt das – keine Geigenteppiche, kein Elends-Chic, keine Opulenz, dafür Nüchternheit, Konzentration, intime, unfrisierte Bilder (Kamera: Christian Berger). Ab und zu eine Trommel, die schlägt wie ein Herz, das nicht weiß, ob es nicht lieber stehen bleiben möchte.

Die Leute nennen die Großmutter "Hexe", die Großmutter nennt die beiden Kinder "Hundesöhne", einzig in den Briefen der Mutter flackern die hohl gewordenen alten Floskeln der Liebe und des Sentiments noch einmal auf wie längst verglühte Sterne. Die Kinder üben sich in der Abtötung der Seele und im Ertragen der inneren und der äußeren Schmerzen. Sie schlagen und beschimpfen einander, hungern und morden Tiere und Menschen. Im Gehäuse einer im Schnellkursus erworbenen heroischen Empfindungslosigkeit werden sie den Krieg, den Abschied von den Eltern und den Anblick des Lagers überleben, in dem gleich neben ihrem Haus gefoltert und gemordet wird. Nachts liegen sie auf dem warmen Lehmofen Wange an Wange, morgens zerkleinern sie gemeinsam Holz, gemeinsam werden sie von der Pfarrhausmagd im Waschtrog verführt, gemeinsam begraben sie die Großmutter, nachdem sie ihr Versprechen gehalten und die Alte nach dem zweiten Schlaganfall vergiftet haben. Da ist ihre Mutter schon lange tot, gestorben im Kugelhagel vor der Haustür, als sie die Kinder wieder abholen wollte. Gebannt folgt man dem zwischen stolzer Desillusion und kindlicher Verpanzerung schwankenden Mienenspiel der Zwillinge László und András Gyémánt. Erst die allerletzte Anpassungsübung an das Katastrophenjahrhundert, in dem sie geboren sind, wird sie zu Meistern der Kälte machen: über die Leiche des Vaters hinweg überquert einer der beiden das Minenfeld, das sie im kalten Krieg vom Westen abschneidet. Der andere bleibt allein zurück im Haus der Großmutter, gleich hinter der Grenze.

In der vollkommenen Vereinsamung vollbringen sie die letzte Verwandlung in den seelenlosen Menschen des neuen Zeitalters. So bewegend wie in diesem Film ist seine Geschichte lange nicht erzählt worden.