Bernd Sahling, der 2004 für die Blindgänger den Deutschen Filmpreis erhielt, macht Filme über Kinder und Jugendliche, über ihr Leben, ihre Schwierigkeiten. Vor allem aber macht Bernd Sahling Filme, deren Anspruch es ist, den Radarschirm von Erwachsenen wie den von Nichterwachsenen zu erreichen. Letztere sind eine Zuschauergruppe, die man sich unter den Bedingungen gegenwärtigen Medienkonsums nicht kompliziert genug vorstellen kann. Ein durchschnittlicher Zehnjähriger kennt heute YouTube rauf und runter, er hat ein Dutzend Blockbuster im Kino gesehen und im Fernsehen eine wilde Mischung aus CSI Miami und Kika genossen. Zumindest ein Zehnjähriger, der so aufwächst wie Sascha: Im gestressten Kleinbürgerhaushalt einer alleinerziehenden Mutter, nicht unter dem wachsamen Auge bildungsbürgerlich orientierter Eltern.

Dies ist bei jeder Minute von Sahlings neuem Film Kopfüber mitzubedenken, um die präzis ausgemessene Gratwanderung zu honorieren, die der Regisseur zwischen Problemstudie und Plotspannung unternimmt. Denn ein Filmdrama über die Krankheit ADHS so zu inszenieren, dass Zehnjährige im Kinosessel sitzen bleiben, aber nicht mit dämonisierenden Übertreibungen abgespeist werden, ist wahrlich keine Kleinigkeit.

Sascha, die Hauptfigur von Kopfüber, bliebe garantiert nicht sitzen. Sascha kann sich auf nichts länger als zwei Minuten konzentrieren. Wenn er im Supermarkt ein Glas Gewürzgurken holen soll und bei den Getränken vorbeikommt, hat er die Gurken schon vergessen, schiebt sich ein paar Dosen unter den Anorak und wird als Ladendieb erwischt. Sascha ist verhaltensauffällig, cholerisch und übersteuert, dazu ein Schulversager. Das Durcheinander in seinem Kopf verhindert das Ordnen von Buchstaben zu Worten. Den Weg in die Kriminalität hat der Zehnjährige schon halb geschafft, den zum Lesen und Schreiben nicht. Die Mutter schwankt zwischen Empathie und vergeblicher Strenge.

Lehrerschaft, Ärzteschaft, Jugendamt, Polizei – der Chor staatlicher und medizinischer Institutionen versammelt sich um den schwierigen Fall. Sascha bekommt schließlich einen Erziehungshelfer. Er heißt Frank, und allein diese Figur, dieser Zigarettenraucher und Bizepstrainierer, der so gar nichts vom Stereotyp des pädagogischen Gutmenschen an sich hat, bewahrt den Film davor, ins Fahrwasser eines wohlmeinenden, aber langweiligen Diskussionsbeitrags zum Thema ADHS zu geraten.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kopfüber indes, in konzentrierter Ruhe gefilmt, ist ein geradezu klassisches Drama im Sinn des unlösbaren, also mitreißend tragischen Konflikts. Sascha erhält, nachdem bei ihm ADHS diagnostiziert wurde, Medikamente. Sie helfen ihm, den Analphabetismus zu überwinden. Aber sie verändern sein Wesen. Sie machen aus dem ruhelosen und unkontrollierten einen müden und antriebsschwachen Jungen. Sascha kann jetzt lesen. Ein unschätzbarer Gewinn. Aber das lesende Kind ist nicht mehr es selbst. Und dieser Verlust lässt sich unmöglich gegen den Gewinn aufwiegen. Es gibt, anders gesagt, in dieser Geschichte kein Richtig und kein Falsch, keine über- und keine unterlegene moralische Entscheidung. Genau das aber macht Kopfüber so spannend. Man sitzt im Kino und vergisst, dass man eigentlich wenig Lust hatte auf einen Film über das durchpalaverte Allerweltsthema ADHS. Die Chance, dass es jugendlichen Zuschauern genauso geht, ist gar nicht so klein.