Ein Wirtshaus in Friedberg, einer Stadt im schwäbischen Teil Bayerns. Ganz Deutschland diskutiert in diesen Tagen über Flüchtlinge: Sind es zu viele? Wo sollen sie leben? Haben wir Mitschuld, wenn sie vor Lampedusa ertrinken? In immer mehr Orten wird aus abstrakten Debatten konkreter Streit – in Berlin-Hellersdorf, wo sich Gegner und Unterstützer eines Asylbewerberheims gegenüberstehen, in Hamburg, wo die Stadt um den richtigen Umgang mit Flüchtlingen ringt, in Wolgast, wo Asylbewerber von einem Sicherheitsdienst bewacht werden mussten.

Auch im 470-Einwohner-Dorf Anwalting in Bayern kochten die Emotionen hoch, als es hieß: Ihr müsst Asylbewerber aufnehmen. Die ZEIT hat die Menschen, die in diesem Streit bisher mehr über- als miteinander geredet haben, an einen Tisch gebeten. Und da Anwalting noch nicht mal eine Kneipe hat, sitzen sie jetzt im nahe gelegenen Friedberg im holzgetäfelten Wirtshaus: die Flüchtlinge Akhtar Nabi und Ahmed Said*, die beiden Anwaltinger Bürger Georg Engelhard und Werner Zwick, Landrat Christian Knauer von der CSU, dessen Ausländerbeauftragte Sabine Ahlers und Martina Scheicher, die ein Bauernhaus an die Asylbewerber vermietet. Hinzugekommen sind Ursula Gräfin Praschma vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg und der Asylanwalt Hubert Heinhold aus München.

DIE ZEIT: Herr Engelhard, wir sitzen hier zusammen, weil Ihr Dorf kürzlich aus den Fugen geraten ist: Sie alle werden Nachbarn eines neuen Flüchtlingsheims. Erzählen Sie mal.

Nachbar Georg Engelhard: Ja, also ... (räuspert sich) ... ich vertrete unseren wirklich kleinen Ort Anwalting als CSU-Gemeinderat in der Gemeinde Affing, die wiederum zum Landkreis Aichach-Friedberg gehört. Wir sind 470 Bürger. Und vor einiger Zeit haben wir erfahren, dass der Herr Landrat bei uns 40 Asylbewerber unterbringen will. Genaueres wussten wir nicht: Was machen wir mit denen? Und was machen die den ganzen Tag bei uns?

Nachbar Werner Zwick: Wir haben ja keinerlei Infrastruktur, noch nicht mal ein Geschäft.

Nachbar Engelhard: Da kamen Ängste hoch.

ZEIT: Welche?

Nachbar Engelhard: Vor dem Unbekannten, was auf einen zukommt. Genau kann man das nicht benennen.

Vermieterin Martina Scheicher: Ich kann das schon. Frauen sagten: "Ich trau mich nicht mehr aus dem Haus."

ZEIT: Frau Scheicher, Sie haben sich entschlossen, das frisch renovierte Elternhaus Ihrer Mutter ans Landratsamt zu vermieten, als Flüchtlingsunterkunft. Was haben Sie von Ihren Nachbarn zu hören bekommen?

Vermieterin Scheicher: Besonders mein Vater wurde angegangen, er war ja öfter auf der Baustelle, als wir renovierten. Da kamen die Nachbarn voller Besorgnis: "Wir können unsere Kleinen nicht mehr auf die Straße lassen!"

ZEIT: Uns wurde erzählt, manche Anwohner hätten ihre Kinder vor Menschenfressern gewarnt, die da kämen.

Vermieterin Scheicher: Sie haben meinem Vater sogar vorgeschlagen: "Wir helfen dir, andere Mieter zu finden!"

Nachbar Engelhard: Aber nicht alle haben so geredet, Martina, das weißt du. Es ging von "Wir nehmen keinen einzigen!" bis "Wir stehen doch in unserer Christenpflicht!".

ZEIT: Herr Said, bekommen Sie mit, dass in Deutschland derzeit über Menschen wie Sie diskutiert wird? Wissen Sie von der Angst im Dorf?

Ahmed Said ist Syrer. Drei Monate dauerte seine Flucht aus der kriegszerstörten Stadt Hama über Nordafrika bis München, seit wenigen Tagen ist er in Anwalting. Er spricht noch kein Deutsch und auch kein Englisch, ein Dolmetscher übersetzt für ihn. Die beiden reden eine Weile auf Arabisch, Said wirkt verschüchtert.