Es war ein sonniger Tag im Mai 1980. Ich war in der Bücherei der norddeutschen Heidestadt Soltau und suchte nach leichter Lektüre. Leicht zu tragen auf einem Waldspaziergang, unangestrengt zu lesen im Schatten eines Baumes. Doch da standen sie vor mir im Regal: vier dicke Bände einer Werkausgabe des Autors Friedrich Glauser. Glauser? Friedrich Glauser? Wer zum Teufel war das? In meinen fünfzehn Berufsjahren als Buchhändler und Bibliothekar hatte ich den Namen nie gehört. Aber das hier waren immerhin sieben Romane, neunzehn Erzählungen und zwei umfangreiche autobiografische Texte, knapp 2.000 Seiten immerhin: wirklich kein schmales Werk.

Ich blätterte die Bände durch und blieb bei dem Titel Wachtmeister Studer hängen. Aha – das ließ auf einen Krimi schließen, auf womöglich spannende Unterhaltung, und in der Tat: Gleich auf der ersten Seite hatte sich ein Häftling am Zellengitter aufgeknüpft, und schon betrat der Fahnderwachtmeister Studer von der Berner Kantonalpolizei die Szene, "ein älterer Mann, an dem nichts Auffälliges war: Hemd mit weichem Kragen, grauer Anzug, der ein wenig aus der Form geraten war, weil der Körper, der darin steckte, dick war."

Die Leibesfülle kam nicht von ungefähr, denn dieser Studer, das klärte sich später, liebte deftige Kost, trank auch gern einen Roten, und das keineswegs in Maßen, schmauchte Brissagos, die leicht gekrümmten Zigarren, und bewegte sich äußerst ungern. Ein behäbiger, durch und durch bodenständiger Mann also, vor allem aber ein ruhig ermittelnder Wachtmeister mit großem Verständnis für die Gestrauchelten und schicksalhaft in Schuld Verstrickten. Ein ungewöhnlicher Fahnder.

Mit ihm nun tauchte ich ein in die verschiedenen Atmosphären der Schweiz in den dreißiger Jahren, in abgelegene Dörfer und Gehöfte, in Amts- und Wirtsstuben, Gärtnereien und Gartenbaumschulen, in Heil- und Pflegeanstalten hinter hohen Mauern und in offene Kolonien. Ich las und las in diesen Maitagen und war von Kapitel zu Kapitel, von Buch zu Buch mehr fasziniert. Denn all das erschien mir so vertraut, so nah und doch auch wieder fremd. Dieser Klatsch und die Intrigen, die "hohen Herren" und die Kartenspieler bei Schluck und Schnack, den Stumpen zwischen die schmalen Lippen geklemmt, verschlossen gegenüber allen neugierig Fragenden. "Glaub mir, lieber zehn Mordfälle in der Stadt als einer auf dem Land", musste sich auch Wachtmeister Studer sagen lassen. "Auf dem Land, in einem Dorf, da hängen die Leute wie Kletten aneinander, jeder hat etwas zu verbergen. Du erfährst nichts, gar nichts." Das kannte ich, obwohl nur auf Zeit in der Heidestadt Soltau und Umgebung, als "Stadtschreiber" im Giebelzimmer hoch über dem dahinplätschernden Mühlbach. In dieser Gegend hatte allerorten die Aktion "Unser Dorf soll schöner werden" gegriffen, und die dunklen Seiten der Stadtgeschichte, die Naziaufmärsche und die zahlreichen Transporte ins nahe gelegene KZ Bergen-Belsen, waren aus der Chronik getilgt worden. Das "Landeserziehungsheim Druhwald" lag weit außerhalb, und wer dorthin abgeschoben worden war, galt im Ort als drogensüchtiger Krimineller. Mit dem Studer an meiner Seite sah und erlebte ich das neu, genauer hinschauend nun und oft über Stunden nur zuhörend, breitbeinig abhockend und ausharrend, mitunter abstürzend in Suff und Kiff.

Zugleich aber war ich auch dem Autor der Studer-Geschichten ein wenig näher gekommen, diesem Friedrich Glauser, glaubte zumindest, das Wesentliche zu wissen: "1896 geboren in Wien, von österreichischer Mutter und Schweizer Vater ... Matura in Zürich ... Dadaismus ... unter Vormundschaft gestellt ... Verhaftung wegen Mo(rphium) ... Fremdenlegion ... Belgien Kohlegruben ... Handlanger in einer Baumschule ... Gärtner ... freier Schriftsteller ..." Stichworte aus einem von Glauser selbst verfassten Lebenslauf. Hinweise auf ein ungewöhnliches Leben. Aus Gründen, die ich nach wie vor nicht eindeutig benennen kann, reizte es mich, dem nachzugehen. Es war der Beginn einer bis heute andauernden Reise auf den Spuren eines Autors, dessen Porträts auf den Schutzumschlägen der damaligen Werkausgabe sowohl einen unendlich traurig blickenden jungen Mann mit etwas abstehenden Ohren wie auch einen älteren, verschmitzt lächelnden Glauser zeigten. Und er hatte noch mehr Gesichter. Dieser Friedrich Glauser ist in alldem, was er geschrieben hat, mehr oder weniger präsent, und liest man seine Geschichten genau, zeichnet sich das Bild eines von Sucht und Suche ("nach dem Glück") getriebenen Außenseiters ab: ausgeschlossen von der Gesellschaft, immer wieder weggeschlossen.

Als Dreizehnjähriger rannte er seinem vom Säufer zum Abstinenzler gewandelten Vater davon. Wenig später schnüffelte er Äther und Chloroform und unternahm einen Selbstmordversuch wegen eines Freundes, der sich einem anderen zuwandte. Im Dada-Zürich bereitete er mit Hugo Ball und anderen Aktivisten "Sprachsalat" zu, hatte Affären mit Dienstmägden und Damen und machte horrende Schulden. Er erkrankte an einer Lungenentzündung und bekam Morphium gespritzt. Fortan bewegte er sich in dem Kreislauf Beschaffungskriminalität, Verhaftung, Knast und/oder Internierung zwecks Entzug und Therapie. Das blieb so bis auf wenige Auszeiten. In diesen Monaten aber, hauptsächlich während seiner Internierung in der Heilanstalt Waldau bei Bern, entwarf und schrieb er den Wachtmeister Studer, wurde von der Kritik hoch gelobt, bekam Angebote für weitere Romane und Geschichten: Hock ab, Glauser, und erzähl’ er ... Doch er hatte nicht mehr lange zu leben. Nur drei Jahre blieben ihm für seine fünf Wachtmeister-Studer-Romane, viele Feuilletons, Autobiografisches und lange Briefe – aus der Anstalt an Vormund und Vater, an seinen Verleger und die Lebensgefährtin. Er sah und benannte seine Schwächen, seine verhängnisvolle Sucht. Er jammerte mitunter, aber er fluchte auch und schrieb weiter, bis zu seinem tödlichen Zusammenbruch am Vorabend seiner Hochzeit in Nervi bei Genua. Er starb in den ersten Stunden des 8. Dezember 1938 – zeitlebens nur kurz beachtet, dann über Jahre so gut wie vergessen, mir aber in seinem Leid und seiner Ausgegrenztheit ein Zeitgenosse, aktuell mehr denn je.