Leonie* ist ein ideales Versuchskaninchen. Kurz bevor sie im Sommer in die erste Klasse kam, erfuhr die Sechsjährige, dass sie nun auch ihre Nachmittage an der Schule verbringen wird. Leonie hat mit den Schultern gezuckt und keine Fragen gestellt. Sie weiß ja nicht, wie es früher war, als es in ihrer Stadt noch Horte gab, in denen man die Kinder nach der Schule betreute. Als das Hamburger Großexperiment GBS – Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen – eine schöne Utopie war und das neue staatliche Betreuungsprogramm dem Test von Kindern und Eltern noch nicht standhalten musste.

Inzwischen verbringen in Hamburg 37.000 Grundschüler wie Leonie den Nachmittag im Klassenzimmer, dort, wo sie auch vormittags sitzen und lernen. "Synergieeffekte" nennt das die Bildungsbehörde, endlich werden die Räume an den Schulen nicht nur für den Unterricht genutzt. Das spart Kosten und erhöht die Zahl der betreuten Schüler enorm. 10.000 mehr sind es im Vergleich zum früheren Hortsystem.

So manch anderes Bundesland blickt da neidisch nach Norden. Nichts beschäftigt deutsche Kultusminister neben der Dauerfrage nach der richtigen Schulstruktur zurzeit stärker als der Ausbau der Ganztagsschulen. Im Bundestagswahlkampf forderte die SPD ein Acht-Milliarden-Euro-Programm des Bundes und Parteichef Sigmar Gabriel den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Auch Angela Merkel versprach, mit den Ländern über eine bessere Betreuung der Schulkinder zu reden. Eine künftige Große Koalition also wird sich an diesen Ankündigungen messen lassen müssen. Längst fragt niemand mehr, ob Ganztagsschulen politisch überhaupt gewünscht seien. Eltern machen Druck. Wenn ihre Kinder Krippe und Kita verlassen, erwarten sie das nächste verlässliche Betreuungsangebot. Spätestens seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz hat sich die Debatte um die Ganztagsschulen gedreht.

Vor zehn Jahren noch saß die Angst vor der staatlichen Vereinnahmung der Kinder bei konservativen Politikern und Eltern tief, gleichzeitig aber schmerzten die Wunden des ersten Pisa-Schocks; Deutschlands Bildungssystem kämpfte gegen den Stempel der Minderwertigkeit und der Ungerechtigkeit. Die Aussicht auf mehr Ganztagsschulen galt schnell als eine Art Heilsversprechen. Durch mehr Zeit in der Schule könne man Schüler individueller fördern und die Chancengleichheit verbessern, also auch Kinder aus schwächeren sozialen Schichten besser unterstützen.

Rund 6.300 Ganztagsschulen gab es 2003 in Deutschland. 2011 waren es bereits mehr als 17 700. Das sind 54 Prozent aller Schulen bundesweit. Ausgelöst wurde dieser Anstieg vom wohl größten schulischen Investitionsprogramm in der deutschen Geschichte: 2003 spendierte die damals rot-grüne Bundesregierung den Ländern vier Milliarden Euro für den Ausbau ihrer Ganztagsschulen.

Was aber ist seitdem passiert?

Einst kahle Steppe, gleicht die deutsche Ganztagsschullandschaft heute eher einem bunten und unübersichtlichen Flickenteppich. Jedes Bundesland hat sich mit eigenen Prioritäten und Vorstellungen verwirklicht. Zwar nahm man das "rote Geld", wie man es in Bayern und Baden-Württemberg gern nannte, am Ende doch an, das Bemühen um übergreifende pädagogische Konzepte und Qualitätsstandards aber wurde als "Eingriff in die Bildungshoheit der Länder" abgeschmettert. Die Folge: Wo Ganztagsschule draufsteht, ist häufig nicht mehr als eine verlängerte Pausenaufsicht drin. Unbeobachtet und frei von Kontrollen experimentieren Schulen im konzeptionslosen Vakuum vor sich hin.

Hamburg hat den Ansturm auf die Ganztagsschulen völlig unterschätzt

Bis heute gebe es keinen Konsens darüber, was eine Ganztagsschule wirklich leisten solle, sagt Heinz Günter Holtappels, Professor für Schulmanagement am Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. "Was genau versprechen wir uns denn davon? Welchen Bildungsbegriff sollte die Ganztagsschule haben?"