Nie hat er ihr Lachen gehört, nie hat sie sich in seinen Augen verloren. Im Leben sind sich der Junge und das Mädchen nie begegnet, im Tod sollen sie vereint sein. Ihre Vermählung wird heute stattfinden, an ihrem gemeinsamen Grab.

Es ist fünf Uhr morgens, mit raschen Schritten läuft Yang Xiong einen Schlammweg entlang. Yang, ein kleiner, drahtiger Mann Anfang 50, ist Feng-Shui-Meister. Er hat in dieser Nacht schon ein Päckchen Zigaretten geraucht, eine steckt noch in seinem Mund, eine andere hinter seinem Ohr, gleich wird er sich die neue an der alten anzünden. Es ist dunkel, nur gelegentlich tauchen Scheinwerfer vorüberfahrender Autos den Weg, der auf eine Anhöhe führt, in gleißendes Licht. Rauchende Männer stehen am Wegesrand, die Gesichter vor der Zeit gealtert. Sie schauen und sagen kein Wort.

Yang ist um halb drei in der Nacht in der Kreisstadt Yanchuan aufgebrochen, einem tristen Ort in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi. Seine Dienstleistungen umfassen: "Prüfung eines Heiratskandidaten unter astrologischen Gesichtspunkten. Wahl eines Glück verheißenden Hochzeitsdatums. Auswahl des besten Standorts für Wohnhäuser, Läden oder Gräber gemäß Feng-Shui-Prinzipien. Begräbnisse und Geisterhochzeiten." Mit der Auswahl eines Grabes, einem Begräbnis und einer Geisterhochzeit hat ihn die Familie des verstorbenen Li Xianying betraut. Da Geisterhochzeiten im modernen China nicht gern gesehen sind, möchten die Familie und andere Trauernde nicht mit ihrem echten Namen genannt werden.

Yang erreicht das Ende des Weges, er nickt zwei Musikern zu, die im Staub kauern. Einer hält eine Trommel, der andere eine Suona, eine Art traditioneller chinesischer Oboe. Er passiert die kleinen windschiefen Hütten, in denen Wanderarbeiter hausen, gleich dahinter liegt die Leichenhalle, dort schlafen die Toten. Hier hat Li Xianying darauf gewartet, dass sie eine Braut für ihn finden.

Ein halbes Dutzend Männer wuchtet Xianyings hölzernen Sarg auf die offene Ladefläche eines Transporters, wo schon ein zweiter Sarg steht. Mit Besen und Schippe streicht der Feng-Shui-Meister in der Leichenhalle über die verwaiste Totenbahre, er flüstert Unverständliches, in der Sprache der Geister, er nimmt die Seele des Toten auf. Dann tritt er hinter den Transportwagen, klopft mit einem kleinen Beil auf dessen Hinterseite, er bedeutet den Seelen, loszufahren. Macht euch auf die Reise – die Reise in die Unterwelt.

Ruckelnd setzt sich der Wagen in Bewegung. Mutter und Schwester des Toten knien auf der Ladefläche vor den Särgen, sie bewegen den Körper im Rhythmus ihres Weinens und Wehklagens. Den ganzen Weg lang werden sie klagen, 40 Kilometer weit. Der Wind trägt ihre Trauer über Hügel und Felder in den Morgen hinein.

Li Xianying, der Bräutigam, war einer, der nie auf irgendjemand hörte, sagt sein Onkel Li Yinyan. Machte einfach, was er wollte. Mit 13 schmiss er die Schule und lernte erst Koch, dann Fensterbauer. Zur Arbeit war er nicht geboren. "Drei Tage fischen, zwei Tage das Netz in der Sonne hängen lassen", so sei er gewesen, sagt der Onkel. Am liebsten hing er in Internetbars rum und spielte Computerspiele. Fast immer kam er zu spät nach Hause. Sein bester Freund sagt, er sei einer gewesen, der das Leben schöner macht. Großzügig und immer zu Späßen aufgelegt. "Seit er weg ist, fehlt etwas. Als mangele es einer Speise plötzlich an einer wichtigen Zutat."