Seine Hände sind klebrig und weiß wie Papier. Der Mann, der nie ein Mörder war, sitzt in einem drei mal vier Meter großen Raum und schaut auf seine Hände herab. Sie zittern. Mit diesen Händen, so ließ er die Welt 16 Jahre lang glauben, habe er 33 Menschen ermordet, Kinder verschleppt und sich an ihnen vergangen. Diese Hände, so erzählte er es selbst immer und immer wieder, hätten Leichen zerstückelt. Mit diesen Händen habe er Teile seiner Opfer gegessen, Fingerknochen, Füße, Oberarme. Jetzt isst er einen Keks und sagt: "Das habe ich mir alles nur ausgedacht, weil ich endlich jemand sein wollte in dieser Welt."

Die Rechtspsychiatrie Säter im späten Oktober, ein gelber Betonriegel knapp 200 Kilometer nordwestlich von Stockholm. Der Nebel hängt tief über dem nahen See Ljustern, Regen wäscht das Weiß des ersten Schnees von den Straßen. Sture Bergwall, 63, der unter dem Namen Thomas Quick als abscheulichster Serienmörder der schwedischen Geschichte galt, schaut aus dem Fenster. Er sieht da, was er jeden Tag sieht: den grünen Zaun, der sein Leben begrenzt, seit 22 Jahren schon. Er erzählt von dem Tag, an dem die große Lüge begann.

Es ist ein warmer Nachmittag im Frühsommer 1992, zusammen mit seiner Lieblingspflegerin Therese macht er einen Badeausflug. Zu dieser Zeit sitzt Bergwall schon zum dritten Mal in der Psychiatrie. 1969 war er das erste Mal eingewiesen worden, nachdem er vier Jungen sexuell belästigt hatte. 1974, gerade auf Bewährung draußen, fiel er einen Mann in Uppsala auf der Straße mit einem Messer an und stach ihn nieder. Wieder kam er nach Säter. Diesmal ist er hier, weil er, als Weihnachtsmann verkleidet, eine Bank überfallen hat, um sich von dem Geld Drogen zu kaufen. Er ist schon seit seinem 14. Lebensjahr abhängig, schnüffelt Lösungsmittel, nimmt Amphetamine. Bergwall ist kein Mörder, aber bei Weitem auch kein Heiliger. Diagnose: dissoziative Identitätsstörung, Persönlichkeitsspaltung.

Bei dem Badeausflug sagt Bergwall plötzlich den Satz, der die Lawine auslöst: "Was, wenn ich etwas richtig Schlimmes gemacht hätte?" Eigentlich soll er bald entlassen werden, für sein neues Leben hat er bereits den Namen Thomas Quick angenommen, "aber da draußen hat niemand auf mich gewartet, alle hatten sich nach dem Banküberfall abgewandt". Er sieht, wie viel Aufmerksamkeit die Mörder und Vergewaltiger in der Klinik bekommen. Das gefällt ihm. Zu seinem Therapeuten sagt Bergwall: "Stellt euch mal vor, ich hätte einen Mord begangen."

Schlagartig verändert sich sein Leben. Alle hören ihm zu. Und vor allem wird er jetzt therapiert, bekommt Medikamente, die auch seine Drogensucht befriedigen. "Ich habe es sehr genossen, plötzlich beachtet zu werden. Und daraus habe ich meine Schlüsse gezogen." Die Gleichung war kinderleicht: mehr grausame Lügen gleich mehr Aufmerksamkeit. Wenn du nicht geliebt werden kannst, dann kannst du immer noch gehasst werden.

In den folgenden neun Jahren erfindet er eine unglaubliche Geschichte. Als Kind sei er wiederholt von seinem Vater vergewaltigt worden, habe dessen Samenergüsse mitansehen müssen. Danach habe dieser geweint und ihm Preiselbeeren mit Milch gegeben. Der kleine Bruder Simon sei in seinem Beisein von den Eltern gar bestialisch getötet worden, anschließend habe ihn seine Mutter genötigt, Teile der Leiche zu verspeisen. Er gesteht 33 Morde, seine Opfer habe er mal erstochen, mal erstickt, mal erschlagen oder erwürgt.

Fast alle Serienkiller haben einen Modus operandi. Der Kolumbianer Luis Alfredo Garavito ermordete 138 Straßenkinder, der Amerikaner Jeffrey Dahmer gabelte fast alle seiner 17 Opfer in Schwulenbars auf, vergewaltigte sie zwei Tage lang und schnitt ihnen die Köpfe ab. Jack the Ripper trennte jungen Frauen die Kehle durch und behielt ihre Organe als Trophäen. Und Sture Bergwall alias Thomas Quick? Bis auf den Mord an Olof Palme reklamierte er so gut wie jeden berühmten unaufgeklärten Fall des Landes für sich. Mal einen 14-jährigen Jungen, mal ein kleines Mädchen, dann ein niederländisches Touristenpaar. Es passte nichts zusammen. "Und dennoch haben sie mir alles geglaubt", sagt er und lächelt zufrieden.