Er ist nicht in Paris. Vor Jahren hätte man ihn dort antreffen können. Jetzt lebt Jerome Charyn wieder in New York. In Greenwich Village im zehnten Stock eines alten Apartmenthauses. Vom Dachgarten hat er eine weite Sicht über das südliche Manhattan. Es ist der 30. September, der letzte Moment, an dem sich Republikaner und Demokraten noch auf einen Haushaltskompromiss einigen könnten. Am nächsten Morgen werden die Abgeordneten den Staat ins Koma des Shutdown versetzen. Während Charyn auf einem Tischchen Platz für Möhrenkekse schafft, knurrt er: "Die sind doch komplett verrückt! In mehr als fünfzig Jahren des Schreibens bin ich nicht auf so etwas Wahnsinniges gekommen."

Dabei ist in Jerome Charyns Büchern schlechthin alles möglich, auch der größte Wahnsinn. Oder wie soll man das anders nennen, wenn Isaac Sidel, selbst ein Jude aus der Bronx und damals Deputy Chief Inspector der New Yorker Polizei, nicht nur seinen Schüler, den blauäugigen Polizisten Manfred Coen, umbringen lässt, sondern auch beinahe die ganze jüdische Familie Guzmann ausrottet? Das war im ersten Band von Charyns Sidel-Saga, in Blue Eyes von 1975. Jetzt, am Ende des soeben auf Deutsch erschienenen elften Bandes mit dem Titel Unter dem Auge Gottes, wird Isaac Sidel, der den Guzmanns seinerzeit vorkam wie "der Würgeengel, den der Lord Adonai geschickt hat", Präsident der Vereinigten Staaten sein.

Mit Isaac Sidel hat Jerome Charyn eine enigmatische Figur entworfen, von der mythischen Kraft eines Sherlock Holmes, einen zerrissenen Helden, passend zum Ausgang des 20. Jahrhunderts. "Je mehr er mordet, desto höher steigt er", sagt Charyn. "Sidel ist so etwas wie ein Geist oder ein Gespenst, den unsere Welt hervorgebracht hat. Die Welt ist verrückt, und er hat was von ihrer Verrücktheit und jede Menge von ihrer Gewalttätigkeit. Aber Sidel glaubt auch an das Gute, besonders an die Armen. Er ist eine Art Mönch. Er hat 79 Dollar auf dem Konto. Er strebt nicht nach Reichtum, Geld nutzt er nur als Mittel zum Zweck. Keiner kann ihn kaufen."

Das klingt eindeutig, aber Jerome Charyn gehört nicht zu den Autoren, die ihr Werk schlüssig interpretieren. Er ist als Gesprächspartner schwierig zu packen. Selbst einfache Tatsachenfragen lösen in dem Mann, der ursprünglich Maler werden wollte, Assoziationswellen aus. Nichts scheint hier fest. Der 76-jährige Charyn lebt in seiner Arbeitshöhle immer noch wie ein Einwandererjunge. Bildschirm und Laptop balancieren auf Konstruktionen aus Sperrholz. Zur winzigen Küche schlurft Charyn in blauen Filzpantoffeln auf einem schmalen Pfad zwischen halb ausgepackten Koffern und Stapeln aus Büchern und Papier. Er hat keine Zeit, um innezuhalten und Ordnung zu schaffen. Seit Unter dem Auge Gottes 2012 herauskam, hat er bereits einen Roman über die Lyrikerin Emily Dickinson veröffentlicht, und vor wenigen Tagen erst ist I Abraham erschienen, weitere 460 Seiten, auf denen Charyn sich in das Chaos des amerikanischen Bürgerkriegs zurückimaginiert hat.

Während er Teeblätter aus dem Küchenregal klaubt, das mit gestapelten Medikamentenschachteln eher einem Apothekerschrank ähnelt, beantwortet Charyn die erste noch gar nicht gestellte Frage. "Kaum jemand versteht, worum es in der Kriminalliteratur geht. Alle denken, das sei eine Erzählform, in der Geschichten über Rätsel und ihre Auflösung erzählt werden. Dabei ist sie eine Raumbeschreibung. Für mich beginnt sie mit Dashiell Hammett, mit seiner unglaublich genauen Alltagssprache, seiner hellen Wahrnehmung dessen, was Verbrechen ausmacht. Hammett hat als erster diese besondere Landschaft entworfen, er ist ein großer Erfinder wie Hemingway."

Wir werden an diesem Nachmittag immer wieder auf das Schreiben zurückkommen, auf Isaac Sidel, den Polizisten, Mörder und Mafiafreund, auf die Kriminalliteratur und auf Charyn selbst, der abwehrt, wenn ich ihn einen der wichtigsten Kriminalschriftsteller unserer Zeit nenne. Die Erinnerung an Hammett, das vermeintlich unerreichte Vorbild, hat Charyn in gedrückte Stimmung versetzt. Er kommt auf Michelangelos Selbstbildnis in der Sixtinischen Kapelle zu sprechen. Der Künstler als Märtyrer, der seine Haut vor sich herträgt. Das ist Charyns Vorbild. "Als Schriftsteller bleibt man immer ein Lehrling. Niemals erreicht man, was einem vorschwebt. Im besten Fall hast du dein Leben lang geschrieben, und es ist nicht mehr dabei herausgekommen als eine Landkarte deines Gesichts." Was hätte er nicht alles noch machen wollen! Ein Hauch von Vergeblichkeit hängt in der Luft.