Chemnitz, ein Samstag im Herbst: Felix Kummer, Kopf der Band Kraftklub, und sein Vater Jan sitzen in einem Café. "Ich will nicht nach Berlin", dieser Song machte Kraftklub Anfang 2012 im ganzen Land berühmt; ihre Hymne auf die Provinz wider den Hauptstadt-Hype. Die Provinz, die Kraftklub liebt, heißt Chemnitz. Hier ist Felix geboren, hier lebt sein Vater, der in der DDR einst selber Musiker war mit der Band "AG. Geige". Kraftklubs erstes Album "Mit K" war eine Art Verkündigung neuen ostdeutschen Stolzes – und spielte ironisch mit dem Karl-Marx-Städter Underdog-Image. Eine bessere PR-Kampagne hätte es für Chemnitz nicht geben können. Zumal die Band auch noch ankündigte, ein ganzes verfallenes Viertel der Stadt reanimieren zu wollen: den Brühl. Voriges Jahr zogen die Musiker mit ihrem Stammklub, dem Atomino, hierher. Jetzt muss der Klub, den ihr Vater Jan in seiner Freizeit mit anderen betreibt, aber schon wieder schließen, auf Druck von Anwohnern hin. Das Brühl-Projekt ist gefährdet. Wissen die Alten nichts anzufangen mit dem Glück, solche Jungen wie Kraftklub zu haben? Verspielt Chemnitz sein letztes Kapital – hält die vergreisende Stadt keine Jugend mehr aus?

DIE ZEIT: Felix Kummer, vor einem Jahr haben Sie und Ihre Band mit zwei Hits dafür gesorgt, dass Chemnitz bundesweit als coole Underdog-Stadt wahrgenommen wurde. "Ich komm aus Karl-Marx-Stadt", sangen Sie, und: "Ich will nicht nach Berlin". Aber jetzt gefällt Ihnen Ihr Chemnitz auf einmal doch nicht mehr so gut. Wieso das?

Felix Kummer: Sagen wir: Der Rausch ist gerade etwas verflogen. Ich lebe seit meiner Geburt in Chemnitz und sehe hier neuerdings einfach die Perspektiven für mich schwinden. Das hat auch damit zu tun, dass der Klub, in dem wir unsere ersten Auftritte hatten, in dem wir ständig abhingen und den unser Vater ehrenamtlich mit betrieb – dass dieser Klub gerade schließen musste. Das Atomino.

ZEIT: Sie hatten vor, zusammen mit vielen Freunden ein Viertel in der Innenstadt von Chemnitz neu zu beleben, den Brühl. Dazu gehörte der Umzug des Klubs dorthin.

Felix Kummer: Ja, und jetzt müssen wir schon wieder weg von dort. Ein Vermieter, der Häuser in der Nachbarschaft besitzt, hat uns verklagt, weil wir ihm zu laut waren. Und er hat gewonnen. Das ist einfach ein schlechtes Zeichen: Der Brühl war immer der letzte Funke Hoffnung für mein junges Leben, das ich hier fristen wollte. Ich mag es doch auch, in Berlin zu sein: Du gehst aus dem Haus, und überall sind Leute. Du kannst an jeder Ecke einen Kaffee trinken. Da steh ich drauf. Wir hofften, dass so etwas auch in Chemnitz entstehen könnte. Jetzt erstickt die Stadt aber an der eigenen Stille. Sie ist zu leise.

ZEIT: Und früher war das anders?

Jan Kummer: Aber hallo! Da spreche ich jetzt mal als Älterer. Zu DDR-Zeiten waren dort Bars, Klubs, Kneipen, Galerien. Das Ding war voll! Nach der Wende ist es nie wieder gelungen, den Brühl zu beleben. 80 000 Leute sind aus Chemnitz weggezogen. Nun haben wir die absurde Situation, dass alle in der Stadt sich nach Urbanität sehnen – und gleichzeitig ein zentrumsnaher Boulevard leer steht.

Felix Kummer: Diese Urbanität fehlt total. Ich nehme Chemnitz inzwischen stärker von außen wahr. Ist ja klar, wir sind als Band viel unterwegs. Überall ist Spektakel. Aber wenn wir zurückkommen, ist das Erste, was uns auffällt: die Ruhe hier.

ZEIT: Klingt doch erholsam.

Felix Kummer: Im ersten Moment ist es auch schön. Wenn du aber eine Woche da bist, kommt dir schon der Gedanke: Mann, irgendwie ist es schräg – dass du an einem Donnerstag einfach keine Chance hast, irgendwo auszugehen! Ich will als 24-Jähriger nicht in einer toten Stadt leben. Chemnitz wird immer mehr zum Kurort. Man wünscht seiner Stadt doch nicht, ein Kurort zu sein! Die Ruhe in unseren Städten ist aus dem Ruder gelaufen. Damit meine ich jetzt nicht den Straßenverkehr, den ja jeder erduldet. Ich meine, dass die Langeweile regiert, dass der Trubel, das wilde Leben fehlen. Die Ruhe eskaliert. Es gibt keine Geräusche mehr.

ZEIT: Man könnte Ihnen andererseits vorwerfen, dass Sie ganz schön viel Wirbel um die Schließung eines kleinen Klubs machen. Zumal sich ein Ausweichquartier für das Atomino angeboten hat.

Jan Kummer: Wir sind uns schon bewusst, dass das Atomino nicht der Nabel der Welt ist. Wir werden uns auch nicht an das Tor ketten und Protestcamps veranstalten. Es geht aber um etwas Grundsätzlicheres, ein gesellschaftliches Problem: Die Leute sind so saturiert, dass sie von nichts mehr behelligt werden wollen. Ich meine, wir hatten hier vor nicht allzu langer Zeit eine Revolte gegen den Spießerstaat DDR! Und jetzt protestieren auf einmal alle gegen Lärm, Lärm, Lärm. Immer, wenn was los ist, wird gemeckert oder die Polizei gerufen. Egal, ob es um Jazz am Rathaus geht, um Latin Dance neben der Markthalle oder jetzt um das Atomino. Die Menschen halten offenbar keine Lautstärke mehr aus. Der Gipfel war neulich die Geschichte mit dem Springbrunnen am Rosenhof.