Sebastian Diemer möchte das Verhalten von Menschen vorhersagen. Seine Vision: Viele Daten, richtig verknüpft, zeichnen ein präziseres Bild der Zukunft als Experten. Vergangenes Jahr hat der 26-Jährige mit seinem Partner Alexander Graubner-Müller eine Firma gegründet, ein Start-up namens Kreditech. Im Juli haben sie ihre neuen Büros in der Hamburger HafenCity bezogen.

Kreditech hat Algorithmen entwickelt, die berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Mensch seine Rechnungen oder Kreditraten begleicht. Es geht um Bonität, Kreditwürdigkeit – das sogenannte Scoring. Das Besondere dabei sind die Daten, aus denen Kreditech Vorhersagen errechnet: Freunde bei Facebook, Bewertungen bei eBay und andere Spuren, die ein Mensch im Netz hinterlässt.

Mit dieser Technologie möchte das Unternehmen eine Art Welt-Schufa werden. Die Schufa rechnet in Deutschland auf Basis klassischer Daten die Rückzahlungswahrscheinlichkeit eines jeden Menschen aus, den Score. Beantragt jemand in einer Bankfiliale einen Kredit, fragt die Bank diesen ab. Kreditech möchte nun eine Schufa der neuen Generation werden, und zwar in Ländern, in denen es bislang kein mit der Schufa vergleichbares System gibt. "In Ländern wie Deutschland ist es kein Problem, etwas über die Bonität eines Menschen zu erfahren", sagt Diemer, "aber in Ländern wie Russland sieht das ganz anders aus." Dort gebe es kein schnelles, einfaches System, die Banken kompensierten ihr höheres Risiko mit höheren Zinsen. In Russland etwa lag der durchschnittliche Zinssatz für Privatkredite 2012 laut Weltbank bei neun Prozent – weit höher als die 2,7 Prozent, die in der Schweiz verlangt wurden, in der es einen der Schufa ähnlichen Verein gibt. Daten für Deutschland wies die Statistik nicht aus.

Aktuell ist Kreditech in Spanien, Polen, Tschechien, Mexiko und Russland aktiv, 2014 sollen Argentinien und Peru hinzukommen. In diesen Ländern will Kreditech, wie die Schufa in Deutschland, ihre Bonitätsnoten an Banken und Händler verkaufen. Bisher vergibt die Firma selbst nur Kleinkredite und nutzt dabei ihre Vorhersagen. So will sie Daten ermitteln, Erfahrungen sammeln und die Technologie verfeinern. Von 2014 an will die Firma ihr Scoring-Verfahren als Dienstleistung anbieten.

Während die Schufa ihre Vorhersagen vor allem aus Daten der Vergangenheit berechnet, greift Kreditech in Echtzeit auf Informationen von Facebook, eBay oder Amazon zurück. Die Software setzt in Sekunden aus bis zu 8.000 Variablen ein Bild des potenziellen Schuldners zusammen und vergleicht es mit ihren Erfahrungen. Ähnelt der Typ eher jemandem, der Geld stets pünktlich zurückgezahlt hat, oder dem notorischen Preller?

Kreditech nutzt beispielsweise die Zahl der Freunde, die jemand bei Facebook hat, das Computermodell, das er benutzt, oder die Zeit, die der Kunde benötigte, um das Antragsformular auf der Website auszufüllen. Die Algorithmen prüfen, ob die Adresse des Antragstellers mit dem aktuellen Standort übereinstimmt, den sein Smartphone oder seine IP-Adresse verrät. Wichtig ist laut Diemer vor allem Kongruenz: Ergeben die Variablen ein stimmiges Gesamtbild, das Vertrauen weckt, oder widersprechen sie sich?

Den Zugriff auf ihre Konten bei Facebook oder Amazon müssen die Kunden zuvor genehmigen. Ist die Erlaubnis erteilt, werden eine Recherche bei Amazon nach Ratgebern für Privatinsolvenzen oder negative Bewertungen beim Onlineauktionshaus eBay zum Indiz für eine schlechte Kreditwürdigkeit. Je entblößter das digitale Ich, desto besser für Kreditech. Kleine Ausreißer unter den Variablen fallen weniger ins Gewicht, wenn die Daten sonst ein passendes Bild ergeben.

Für deutsche Datenschützer klingt das nach einem Albtraum. "Ich glaube nicht, dass die Nutzer verstehen, was sie da eigentlich alles preisgeben", sagt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Er sieht diese Art Scoring mit Sorge. Die Geldnot und Naivität der Menschen würden dabei ausgenutzt, fürchtet er.