Die Biologin steigt den steilen Hang des Ferney-Tals hinauf, das Teil eines 200 Hektar großen Naturschutzgebiets im Osten von Mauritius ist. Links und rechts des Pfads wuchert tropische Vegetation in allen Grüntönen, darüber segelt – hellbraun vor weißen Wolkenbergen – ein Flughund. "Tailpus niger, die letzte Säugetierart, die noch übrig ist", sagt Pricila Iranah, "und auch sie steht schon auf der Roten Liste bedrohter Arten." Trotzdem werden Flughunde auf Mauritius gejagt. "Die Leute glauben, dass sie das Obst in ihren Gärten fressen", erklärt Iranah, "aber sie wissen nicht, dass der Flughund eine zentrale Rolle bei der Fortpflanzung heimischer Baumarten spielt." Iranah ist überzeugt: Sollte Tailpus niger von der Bildfläche verschwinden, wird sich der Wald verändern.

In keinem Land der Erde sind mehr Arten ausgestorben als auf Mauritius, einem kleinen Inselstaat mitten im Indischen Ozean. Fast die Hälfte der ursprünglich dort heimischen Flora und Fauna war endemisch, kam also nirgendwo sonst auf der Erde vor. Jede zehnte dieser Pflanzenarten und fast jede zweite Tierart sind ausgestorben, seit der Mensch vor knapp 400 Jahren begann, die Vulkaninsel zu besiedeln. Die unbekannte Pyramiden-Spiralpalme gehört ebenso dazu wie der weltberühmte Dodo, der als flugunfähiger Vogel zur leichten Beute hungriger Seeleute wurde.

Naturschützer wollen retten, was übrig ist. Dafür haben sie sich auf eine heikle Kooperation eingelassen. Ausgerechnet der Export von Affen für Tierversuche in den Laboren Europas und der USA spielt eine Schlüsselrolle beim Erhalt der mauritischen Biodiversität. Nach China ist der Inselstaat die Nummer zwei im weltweiten Geschäft mit Laboraffen.

Bis zu 10.000 Tiere werden jedes Jahr verkauft, ein paar Dutzend auch nach Deutschland. Es ist ein Millionengeschäft – und ein Teil des Profits fließt direkt in den Naturschutz. Außerdem brauchen die Zuchtbetriebe ständigen Nachschub an wild lebenden Affen. Mit der Hatz auf Langschwanzmakaken begeht der Mensch aber nicht etwa weiteren Frevel an der Natur – vielmehr bekämpft er einen der gefährlichsten Feinde der mauritischen Artenvielfalt.

Warum ausgerechnet sein Land zur Insel der aussterbenden Arten wurde, untersucht der Umweltwissenschaftler Vincent Florens an der Universität von Mauritius. "Der wichtigste Faktor war die extreme Zerstörung von Lebensräumen", sagt Florens, "vor allem durch den Wirtschaftsextremismus der Zuckerrohrplantagen." Seit über 200 Jahren bedecken sie einen Großteil der Insel. Diese ist nur halb so groß wie Mallorca, hat aber doppelt so viele Einwohner. Und die verbrauchen für ihre Städte, Straßen und Gewerbegebiete fast den gesamten Rest der Fläche. Vom Regenwald, der Mauritius vor Ankunft der ersten Seefahrer vollständig bedeckte, sind nur Bruchstücke übrig – vor allem an steilen Hängen, die für den Zuckerrohranbau ungeeignet sind.

Auch diese letzten Reste ursprünglicher Vegetation sind in Gefahr. Grund ist die ungezügelte Vermehrung invasiver Arten. Ein aus Madagaskar eingeschlepptes Strelitziengewächs, der sogenannte Baum der Reisenden, breitet sich schnell aus. Es überschattet und zerstört die heimische Vegetation. Die fleischfressende ostafrikanische Riesenschnecke hat bereits mehr als die Hälfte der deutlich kleineren heimischen Schneckenarten ausgerottet. Die größte Sorge aber bereiten dem Biologen die aus Indien eingeschleppten Langschwanzmakaken.

Die Affen zerstören Vogelnester und reißen seltene Orchideen aus

Die Affen haben keine natürlichen Feinde und vermehren sich schnell. Auf der Suche nach Futter sind sie wenig wählerisch. Über Vögel machen sie sich genauso her wie über deren Eier. "40 Prozent unserer Orchideenarten sind ausgestorben, vor allem weil die Affen sie herausreißen und darauf herumkauen", erklärt Florens. Und sie fressen Früchte gern, bevor diese reif sind. Heimische Baumarten wie das Ebenholz können sich deshalb kaum noch vermehren. "Die Affen verursachen massiven Schaden an den letzten Waldresten."

Entschlossenheit und viel Geld sind nötig, um die Affen aus dem Wald zurückzudrängen. Darüber verfügen in Mauritius nur fünf Unternehmen. Sie züchten Affen für den Export. In der Natur gefangene Tiere dürfen sie zwar nicht direkt verkaufen, doch für den Erhalt der Zuchtqualität ist ein ständiger Nachschub an Wildtieren unentbehrlich. Wenn die Fallen in besonders gefährdeten Waldstücken aufgestellt werden, dann sei das eine "echte Win-win-Situation", sagt der Umweltwissenschaftler Florens. Die Natur profitiere sogar doppelt davon: "Sind die Affen erst einmal weg, erholt sich der Wald. Und der Staat erhebt auf jeden exportierten Affen eine Gebühr, die ausschließlich in den Naturschutz fließt."

Artenschutz oder Spiel mit dem biologischen Gleichgewicht

Doch dieses Koppelgeschäft ist umstritten. Die British Union for the Abolition of Vivisection (BUAV) hat eine Kampagne gegen die mauritische Laboraffenzucht gestartet. "Es heißt, die Affen seien eine Plage, doch es geht um ein großes Geschäft", kritisiert der lokale Vertreter der Tierschutzorganisation. Die Unternehmen machten Millionenprofite mit Tierquälerei. "Die Affen sind an ein freies Leben in der Natur gewöhnt, dort sperrt man sie in Käfige mit Betonboden."

Naturschutz auf Kosten der einst eingeschleppten Tiere ist für den Tierschützer mit der Kultur seines Landes nicht vereinbar. Jeder, der auf Mauritius lebe, sei schließlich irgendwann eingewandert – aus Europa, Afrika, Asien. Echter Naturschutz wäre es, "die gefangenen Affen wieder in die Wildnis zu entlassen, damit sie Familien gründen können." Zudem verehre eine Mehrheit der Bevölkerung den hinduistischen Affengott Hanuman.

Pricila Iranah, selbst Hindu, hält diese Sicht für Bambi-Romantik. Aus eigener Erfahrung weiß sie, welches Unheil die Affen für den Artenschutz im Ferney-Tal bedeuten. "Die Flughunde, Vögel, Insekten und die heimischen Blumen und Bäume – sie haben doch auch ein Recht zu überleben."

Im Artenschutz altes Gleichgewicht wieder herzustellen ist allerdings ein tückisches Unterfangen – besonders der Versuch, invasive Arten mit neuen Einwanderern zu bekämpfen. Beos, von Zuckerfarmern eingeführte Starenvögel, die die Felder von Grillen befreien sollten, sind selbst zur Plage geworden. "Man sieht sie überall, und sie richten viele Schäden an", sagt Pricila Iranah.

Um invasive Arten wieder loszuwerden, setzt sie auf die chemische Keule. Die Ausbreitung des Baums der Reisenden an den steilen Hängen des Ferney-Tals will sie nicht mit der Axt stoppen, sondern mit einer Herbizid-Spritze in den Stamm. Sonst bestehe die Gefahr, dass der Schädling sich über die abgehackten Reste wieder vermehrt.

Der Tierexport bringt jedes Jahr eine Million Dollar für den Artenschutz

Egal, welche Mittel ergriffen werden – das Geld ist extrem knapp. Iranah ist die einzige für den Naturschutz angestellte Mitarbeiterin des kleinen Schutzgebiets. Es gehört einer halbstaatlichen Stiftung, doch finanziert wird es ausschließlich privat, von einem der größten mauritischen Unternehmen. Es ist in der Zucker-, Textil- und Tourismusindustrie aktiv – und im Affenexport. Der Zuchtbetrieb mit mehreren Tausend Tieren befindet sich direkt neben dem geschützten Ferney-Tal. Iranah sieht das nicht als Widerspruch, sondern als Chance: "Es wäre eine echte Hilfe, wenn uns die Züchter mit ihren Fallen auch bei der Bekämpfung der Affenplage helfen würden."

Etwas besser ist die finanzielle Situation des staatlichen Nationalparks. Aus der Abgabe auf den Affenexport steht jedes Jahr eine knappe Million Dollar für den Artenschutz zur Verfügung. Doch dieses Geld werde schlecht genutzt, klagt der Umweltwissenschaftler Vincent Florens. In der Biodiversitäts-Konvention hatte sich Mauritius dazu verpflichtet, jedes Jahr hundert Hektar von invasiven Arten zu säubern. "Doch nach fünf Jahren haben sie gerade mal 50 Hektar geschafft", sagt er und schiebt die Schuld dafür vor allem dem Missmanagement der zuständigen Ministerien zu. Dort werde Artenschutz bloß als Luxus gesehen, auf den man im Zweifel verzichten könne.

"Etwas Druck von außen könnte das schnell ändern", sagt Florens. Dieser Druck dürfte entstehen, wenn das Land an Attraktivität verliert. Da der Tourismus eine der wichtigsten Devisenquellen für Mauritius bilde, sei ein positives Image wichtig, gibt der Umweltwissenschaftler zu bedenken. "Unsere Entscheidungsträger sind sehr aufmerksam, wenn es um den Ruf unserer Insel im Ausland geht."

Auch das Lager der Affenzuchtgegner hofft auf Druck von außen. Der lokale Vertreter der BUAV rechnet mit zunehmender internationaler Unterstützung für die Kampagne gegen die Zucht von Affen und deren Export. Als eine der empfindlichsten Angriffspunkte hat er Air France ausgemacht, die letzte Fluglinie, die bereit ist, Versuchstiere von Mauritius nach Europa zu transportieren. Die Kurierdienste sind ein lukrativer Nebenverdienst, doch das Hauptgeschäft mit dem Tourismus wird sich die Airline deswegen nicht verderben lassen wollen.

Es war die erste Welle der Globalisierung mit Sklavenhandel und Plantagenwirtschaft, die den Beginn des Artensterbens auf Mauritius ausgelöst hat. Und es ist die Globalisierung, die für eine rasante Ausbreitung invasiver Pflanzen- und Tierarten sorgt. Jetzt hoffen Arten- wie Affenschützer, dass ihnen die Aufmerksamkeit der globalen Öffentlichkeit bei der Durchsetzung ihrer jeweiligen Ziele hilft.

Anmerkung der Redaktion, 19. März 2014: Zwischen der Recherche für diesen Text und seiner Veröffentlichung in der ZEIT im November 2013 sind mehrere Monate vergangen. In der Zwischenzeit hatte ein früherer lokaler Mitarbeiter der Tierschutzorganisation BUAV diese Tätigkeit beendet. Im Text wurde er aber noch als BUAV-Vertreter zititert. Auf seinen Wunsch haben wir nachträglich seinen Namen aus dem Artikel entfernt.