DIE ZEIT: Herr Erzbischof, der Papst hat Sie im September zum neuen Leiter der Bischofssynode in Rom ernannt. Was wollen Sie mit Ihrem Fragebogen zu Ehe und Familie erreichen?

Lorenzo Baldisseri: Der Fragebogen hat ein wichtiges Ziel. Wir wollen die aktuelle Lage an der Basis erforschen. Wir wollen aber keine Statistik vom Reißbrett, keine beliebige Umfrage mit einem Sample von tausend Personen. Wir wollen, dass die Pfarrer, die die Lage besser kennen als wir, uns direkte Informationen geben, natürlich auf dem Weg über die Bischofskonferenzen. So hoffen wir, den Puls der Zeit zu messen, nicht in theoretischer, sondern in ganz praktischer Form.

ZEIT: Wie soll denn so ein Befragungsprozess in einer Gemeinde aussehen?

Baldisseri: Man kann zum Beispiel über die Pfarrgemeinderäte gehen. Die dort vertretenen Laien sind Fragen gewohnt, und wenn sie entsprechend vorbereitet werden, geben sie sicher aufrichtig Auskunft. Ich hoffe es!

ZEIT: Unter das Stichwort Familienseelsorge fallen eine Menge heikler Fragen. Aber an der katholischen Lehre werde nicht gerüttelt, hieß es vorab aus dem Vatikan, etwa mit Blick auf die Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene. Was kann sich denn dann überhaupt ändern?

Baldisseri: Es geht nicht um die Änderung der Lehre, sondern um ihre Vertiefung. Das ist fundamental. Es genügt nicht, das Glaubensbekenntnis nachzubeten und die Lehrsätze auswendig zu kennen. Die Lehrsätze sind wichtig, aber wir alle sind suchende Menschen in einer sich schnell verändernden Gesellschaft. Wir müssen unsere Lehren anwenden auf die Wirklichkeit. Das ist eine große Aufgabe der Kirche, die sie übrigens seit 2000 Jahren hat.

ZEIT: Die Realitäten der weltweiten Kirche sind vielgestaltig. Wie wollen Sie die in Einklang bringen?

Baldisseri: Wir müssen zuerst einmal den Katholiken aller Kontinente zuhören. Ich selbst habe 39 Jahre als päpstlicher Diplomat auf vier Kontinenten zugebracht, ich war in Indien, Simbabwe, Haiti, Brasilien. Ich erwarte, dass die Völker außerhalb Europas uns Interessantes mitteilen, nicht nur dem Vatikan, sondern auch den säkularisierten Katholiken in Europa.

ZEIT: Dass der Heilige Stuhl gezielt katholische Laien befragt, und sei es auf dem Weg über die Bischöfe, ist in dieser Form noch nie da gewesen. Haben das alle Bischöfe verstanden?

Baldisseri: Der Papst will, dass eine Erneuerung stattfindet. In ungefähr 20 Tagen werde ich einen persönlichen Brief an alle Ortsbischöfe der Welt verschicken, es sind fast 3000, weil ich mir noch nicht ganz sicher bin, dass der Impuls des Briefes, den wir bereits verschickt haben, von den Bischofskonferenzen verstanden wurde. Wir haben ja gesehen, dass die Bischofsversammlungen in den verschiedenen Nationen unterschiedlich reagieren. Manche sind einfach auch zu langsam.

ZEIT: Warum drängt die Zeit? Weil das kritische Kirchenvolk Antworten will?

Baldisseri: Tatsächlich wollen wir die bisher geläufige Praxis beschleunigen. Um ein Lineamenta (ein vorbereitendes Dokument für eine Bischofssynode, Anm. d. Red.) zu schreiben, brauchte der Vatikan bisher zweieinhalb Jahre. Ich glaube, man kann so etwas auch in zwei Wochen machen: Es hängt davon ab, welche Vorstellungen man von einem solchen Dokument hat. Was wir produzieren, sind nicht fertige Papiere, sondern Arbeitshilfen, die sich nach und nach vervollständigen.

ZEIT: Ist das Vorgehen des Vatikans, wie wir es hier erleben, eine Art "Mauerfall" in der katholischen Kirche?

Baldisseri: Nein, es gibt keinen Mauerfall. Es gibt aber eine pastorale Pflicht, und die besteht in der Sorge für die Menschen. Es ist dieselbe Seelsorge, die Papst Franziskus leistet, wenn er ein Kind oder einen Behinderten umarmt, oder so wie gestern eine Frau persönlich anruft, deren Ehe gescheitert ist, um ihr Trost zu spenden. Die Leute wollen verstanden und begleitet werden. Die Kirche muss, wie der Papst sagt, an die Peripherie der Gesellschaft gehen und an der Seite des Volkes sein. Das ist ein neuer Stil der Annäherung.