Dies ist ein Buch, wie man es nicht unbedingt aus der Feder von Maxim Biller, dem Gegenwartsrealisten, erwarten würde. Aber ganz aus heiterem Himmel kommt es auch nicht. Es geht in eine Richtung, die seine Moralischen Geschichten , die er wöchentlich im Feuilleton der FAS veröffentlicht, bereits eingeschlagen haben: Groteske Allegorien von zugleich konkreter und überzeitlicher, irgendwie jüdischer Verzweiflungs-Chuzpe. Im Kopf von Bruno Schulz zeigt, wie sich ein Autor durch einen anderen befruchten lassen kann. Man muss diese Novelle deshalb lesen wie eine Dialogkantate zwischen einem toten und einem lebenden jüdischen Schriftsteller. Das heißt, um es gleich zu sagen, wer Die Zimtläden von Bruno Schulz nicht kennt, hat nichts von der Lektüre. Das ist kein Einwand, sondern die perfekte Einladung, Bruno Schulz zu lesen.

Der jüdisch-polnische Schriftsteller, geboren 1892 in Drohobycz in Galizien, hat nur ein schmales Werk hinterlassen, das es aber in sich hat. Es ist ganz Sprache, die die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern erschafft. Schulz ist ein Alchimist der Worte, der den Stoff der Wirklichkeit destilliert, bis nur noch die mythische Essenz der Welt übrig bleibt. Seine Sätze, in ihrer syntaktischen Üppigkeit oft mit denen Prousts verglichen, beginnen wie bei diesem beim Sinneseindruck, aber ragen am Ende immer in eine groteske Unwirklichkeit hinein. Sein Vokabular ist farbenreich wie die Palette eines impressionistischen Malers, und seine Metaphern sind betörend wie der schwere Duft von Lilien, der unsere Sinne benebelt.

Nun können wir seine Bücher nicht lesen, ohne sein späteres Schicksal im Kopf zu haben. Als Bruno Schulz Anfang der dreißiger Jahre seine ersten Geschichten veröffentlichte, wurde er in Polen als großer Sprachmagier gefeiert. Es gelang ihm aber nicht, über Polen hinaus Bekanntheit zu erlangen. Alle seine Versuche, seine Werke ins Deutsche oder Italienische übersetzen zu lassen, scheiterten zu seinen Lebzeiten, obwohl er Fürsprecher wie Joseph Roth hatte. 1938 schrieb Schulz einen Brief an Thomas Mann, der damals in Zürich im Exil lebte, und legte eine Erzählung bei, die er eigens auf Deutsch geschrieben hatte. Weder Brief noch Erzählung sind erhalten. 1942 wurde Schulz im Ghetto von Drohobycz erschossen. Er, der als Zeichenlehrer sein Brot verdient hatte, soll – aber mit letzter Sicherheit lässt sich das nicht rekonstruieren – unter dem Schutz des SS-Hauptscharführers Felix Landau gestanden haben, dessen Villa er mit Fresken auszumalen hatte. Zwischen Landau und dem SS-Scharführer Karl Günther herrschte eine erbitterte Feindschaft. In einem Akt der Revanche soll Günther Schulz erschossen haben.

Die Grausamkeit und Bösartigkeit von Schulz’ Tod ist so furchtbar grotesk, dass sie im Rückblick wirkt wie der Zerrspiegel jener fantastischen Grotesken, mit denen Schulz in seinen Geschichten die Welt von Drohobycz beschworen hatte. Das Verschwinden aus der Wirklichkeit ins Reich der Fantasie ist eines der großen Themen von Schulz’ Schreiben. Im Rückblick wirkt es verzweifelt prophetisch: Als habe er diese Welt in solcher Intensität erblühen lassen, weil er bereits ahnte, dass ihr ihr Lebensrecht genommen würde.

Maxim Biller nun versetzt sich in den Kopf von Bruno Schulz und fantasiert jenen Brief aus, den dieser 1938 an Thomas Mann geschrieben haben könnte. Jedoch nicht in Form einer realistischen Spekulation, sondern im Geist von Bruno Schulz’ eigener Poetologie (und mit einem Schuss Gemeinheit gegen Thomas Mann): Das Fantastische und das Wirkliche, das Manierierte und das Verzweifelte, das Biografische und das Fiktive sind alles gleich lebendige Elemente, um die mythische Essenz einer furchtbaren Apokalypse zu beschwören. Drohobycz wirkt so abgehängt, seine jüdischen Bürger von der Welt vergessen und preisgegeben. Als ahnten sie es, verwandeln sie sich in phantastische Figuren, um der Gewalt der Wirklichkeit zu entfliehen.

Biller imitiert nicht den Sprachstil von Schulz, aber wie ein Puppenspieler lässt er den wirklichen Bruno Schulz im Kreise von dessen literarischen Figuren sich bewegen. In keinem Moment hat man das Gefühl, als müsste sich Biller sonderlich verrenken, um sich im Kopf von Bruno Schulz wie zu Hause zu fühlen. Das meint aber nichts weniger als: Dieser Erzähler, Maxim Biller, ist seinem Geistergesprächspartner Bruno Schulz so nahe, weil er wie dieser vom Holocaust mitgemeint war, auch wenn er erst lange danach das Licht der Welt erblickt hat. Dieser hochpoetische Text inszeniert eine intertextuelle Schicksalsgemeinschaft, die im Schreiben als überzeitliche jüdische Erzähltradition greifbar wird, die Maxim Biller machtvoll, verzweifelt-verspielt und grimmig-melancholisch fortschreibt.

Schulz schreibt an den großen Thomas Mann, um sein Leben vor dem aufziehenden Unheil zu retten. Wenn er, Bruno Schulz, heißt es dann, seiner Schwester Hania erklärte, "dass der Appetit der Deutschen auf Danzig und Oberschlesien nie größer sein werde als ihre Angst vor Polens Verbündeten England und Frankreich, sah ihn die vom Selbstmord ihres Mannes verwirrte Hania wie einen Verrückten an. Sie streichelte seinen Kopf und flüsterte, beim nächsten Krieg würde nicht bloß ihr Haus brennen, das sei so sicher wie die Zerstörung des zweiten Tempels, und sie hoffe nur, es bleibe von ihr und ihm und den Kindern und Jankel mehr übrig als ein bisschen Asche und das, was Bruno über sie in seinen beiden Büchern geschrieben habe."

Es ist nur das übrig geblieben, was Bruno Schulz in seinen Büchern geschrieben hat. Und das, was Maxim Biller in der Zeitlosigkeit des literarischen Generationenvertrags hinzuimaginiert hat. Maxim Billers kleine Novelle ist ein großes Kaddisch.