Steve genoss jeden Arbeitstag, als sei es sein letzter. Besonders gut gefiel ihm die morgendliche Fahrt mit dem Wagen bei Sonnenaufgang. Hatte er erst mal den Stadtverkehr von Washington D. C. hinter sich gelassen, fuhr er die kleinen Serpentinen hinauf durch den Wald und drehte dabei die Musik ganz laut. Rund 32 Kilometer folgte er der Maryland-State-Route-Autobahn in nordöstlicher Richtung, auf den letzten Metern staute sich der Verkehr meistens. Nach einer Dreiviertelstunde erreichte er das Ausfahrtsschild mit der Aufschrift "NSA next right, Employees only" – "National Security Agency nächste Ausfahrt rechts", steht da in weißer und schwarzer Schrift auf rotem und weißem Hintergrund, "nur für Mitarbeiter freigegeben". "Ein bisschen stolz war ich damals schon, dazuzugehören", sagt er am Telefon.

Die NSA-Stadt wird wegen ihres Fokus auf Entschlüsselungen von Daten "Crypto-City" genannt. 10,8 Milliarden US-Dollar werden dafür jährlich ausgegeben. Der Goldspeicher der NSA ist mit millionenfachen Daten gefüllt, gesammelt wurden diese mithilfe des flächendeckenden Ausspähens deutscher und amerikanischer Staatsbürger – und durch die Überwachung der Handys von Regierungschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Daten werden hier, in der Überwachungsstadt, von Computern entschlüsselt und anschließend von Menschen ausgewertet. Eine eigene Polizeieinheit patrouilliert auf den Straßen und vor dem Gebäude, damit kein Fremder Zugang zum NSA-Tresor bekommt. Unter den Mitarbeitern haben die Polizisten wegen ihrer einfarbigen Kleidung den Codenamen "Men in Black".

Fälschlicherweise wird der Alltag eines NSA-Mitarbeiters häufig mit dem von Fernsehagenten wie Carrie Mathison, der Hauptfigur der amerikanischen Serie Homeland, verglichen. Das ist romantisch, aber es entspricht nicht der NSA-Realität. Mathison malt nachts, von unbändigem Ehrgeiz getrieben, in ihrer Wohnung Pfeildiagramme von terroristischen Netzwerken an die Pinnwand. Sie schwankt zwischen Paranoia und Patriotismus und wird schließlich krank.

Steve hat vier Jahre lang als IT-Experte für den zweitgrößten Geheimdienst Amerikas gearbeitet, er war einer von rund 35.000 Mitarbeitern der National Security Agency, die als größte, geheimste und fortschrittlichste Spionageorganisation der Welt gilt. Heute darf er das Hauptquartier, dieses quaderförmige Gebäude mit der schwarzen Glasfassade, die mit einer Schutzschirmtechnik aus Kupfer versehen ist, damit keine elektromagnetischen Signale nach außen dringen können, nicht mehr betreten. Über Kontakte in Washington kommt man schnell in Verbindung mit jungen Exagenten wie Steve. Er will seinen Nachnamen allerdings nicht öffentlich genannt sehen. Vor seiner Anstellung war Steve als Entwickler bei einer Softwarefirma angestellt, heute arbeitet er als IT-Berater in einem großen Unternehmen in Washington.

Die NSA wurde am 4. November 1952 mit dem Auftrag gegründet, ausländische Geheimdienste auszuspionieren. Jahrzehntelang haben die Mitarbeiter unbeobachtet von der Öffentlichkeit gearbeitet. Selbst die Nachricht, der irakische Diktator Saddam Hussein habe während des ersten Golfkrieges vier Jahre lang Geheimdienstinformationen über die Kriegsführung des Irans von der NSA erhalten, löste keine öffentliche Debatte aus. Nach dem Ende des Kalten Krieges war die NSA in der Krise, das Budget wurde um ein Drittel gekürzt, weil plötzlich der Feind fehlte. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 wiederum wuchsen die Mittel um mehr als die Hälfte, weil die Regierung den internationalen Terrorismus als neuen Feind identifiziert hatte.

Seit Juni 2013 steht die NSA im Mittelpunkt des größten Skandals der Geheimdienstgeschichte. Dank des Whistleblowers Edward Snowden werden wöchentlich neue Details über die Spähprogramme der NSA und ihrer Verbündeten bekannt. Snowden arbeitete fast zehn Jahre wie Steve als IT-Spezialist für US-Geheimdienste oder private Dienstleister der Sicherheitsbranche. Monatelang kopierte er sensible NSA-Daten, um sie zu veröffentlichen.

Welche Konsequenzen es haben muss, dass die NSA unbeobachtet von deutschen Nachrichtendiensten alleine im vergangenen Jahr 20 Millionen Telefonverbindungen und zehn Millionen Internetdatensätze in Deutschland ausgespäht haben soll, das muss nun von den Verantwortlichen der amerikanischen Regierung im Gespräch mit deutschen Nachrichtendienstmitarbeitern und der Bundesregierung geklärt werden.