Im Krimi ist es gängige Praxis, den Charakter eines Ermittlers durch die Wahl des Autos zu illustrieren. Film und Fernsehen haben das Motiv der automobilen Visitenkarte ausgereizt, vom wegweisenden Steve " Bullit" McQueen im Mustang bis zur Tatort- Ermittlerin Lena Odenthal im BMW. Aber auch der Krimi in Buchform setzt gern solche Zeichen.

Im Falle des Athener Kommissars Kostas Charitos ist die Sache klar: Seinem alten Fiat Mirafiori hielt Charitos bis zuletzt die Treue, als Nachfolger ist ein Seat das Höchste der Gefühle. Kein Protzen mit PS, keine technischen Finessen, das Auto wird hier als reines Vehikel betrachtet. Auch in Abrechnung, dem letzten Band der Trilogie der Krise von Petros Markaris, mäandert Charitos nun wieder in seinem Seat durch die chronisch verstopften Straßen Athens, wirft einen Blick in heruntergekommene Seitenstraßen, konstatiert den Verfall einstmals blühender Stadtteile: Die Zeichen der Krise sind allgegenwärtig. Im neuen Fall aber rumort unter dem Boden der Gegenwart die Vergangenheit.

Psomí, Paideía, Elefthería – "Brot, Bildung, Freiheit" – heißt der Roman im Original und zitiert damit den Schlachtruf der Studenten des Athener Polytechnikums. Ihr Aufstand und seine gewaltsame Niederschlagung am 17. November 1973 leiteten das Ende der Junta-Herrschaft ein. Wenn sich dieses Datum nun zum 40. Male jährt, werden in Griechenland wieder große Kundgebungen zu erwarten sein.

Und jetzt das: Nacheinander werden in Athen ein erfolgreicher Bauunternehmer, ein Professor für Strafrecht und ein umtriebiger Gewerkschaftsführer aus nächster Nähe erschossen. Alle drei gehörten zu den Aktivisten der Generation Polytechnikum. Sie haben aktiv gegen die Junta gekämpft. Wer könnte ein Interesse daran haben, solch anerkannte Helden aus dem Leben zu schießen? Die Rechtsextremen? Die Anarchisten? Oder sind hier nach 40 Jahren offene Rechnungen beglichen worden?

Schnell stellt sich heraus, dass es viele Gruppen gibt, die ein hinlängliches Mordmotiv haben könnten, und auch viele Einzelpersonen. Außer ihren jeweiligen Günstlingen scheint nämlich kaum jemand so richtig zu trauern über den Tod dieser drei vermeintlichen Stützen der Gesellschaft.

Es sind zentrale Themen, über die Petros Markaris in diesem Buch nachdenkt: Was geschieht, wenn eine neue Generation ein altes, als ungerecht erkanntes System überwindet? Setzen sich neue Ideen durch, oder werden alte Strukturen zum eigenen Vorteil genutzt? Im Blick auf Nordafrika sind diese Fragen heute wieder von brennender Aktualität. Markaris aber geht es um Griechenland, diesen "traurigen Rest längst verblichener Großtaten", wie sein Kommissar kühl konstatiert. Ein Land, in dem die Jungen um ihre Zukunft ringen müssen.

Aber wie? Der Erzähler Markaris entwirft das (Wunsch-)Bild einer jungen Generation, zu der auch Charitos’ Tochter Katerina gehört, deren Aktivitäten von Solidarität und Menschlichkeit getragen sind. Der Entwurf wirkt zunächst überzeugend, gerät dann aber hier und da allzu plakativ. In manchen Passagen könnte man sich an ein Lehrstück von Brecht – den Markaris ja ins Griechische übersetzt hat – erinnert fühlen. Aber zum Glück ist Petros Markaris ein gewiefter Erzähler, der seine Figuren mit großer Sympathie schildert, lebendig und alltagsweise. Das macht Abrechnung insgesamt zu einer angenehmen und in sich stimmigen Lektüre und beschert der Trilogie einen vorsichtig optimistischen Abschluss.

Formal hält es der Autor mit seinen Romanen übrigens genauso, wie sein Kommissar es mit den Fahrzeugen hält: unaufgeregte Zuverlässigkeit statt technischer Experimente. Der Roman-Motor schnurrt zufrieden, und der Kommissar erweist sich dabei wieder einmal als humorvoller und gewissenhafter Begleiter, der den Blick schärft für das Panorama griechischer Befindlichkeiten.

Töricht, wer hier nach mehr PS riefe.