Trotz weltweiter Anstrengungen ist das Poliovirus längst nicht ausgerottet: Hier wird ein afghanischer Junge geimpft. © Noorullah Shirzada/AFP/Getty Images

Die meisten Deutschen kennen die Kinderlähmung nur von Bildern – verblichene Fotos aus dem Biologiebuch oder schreckliche Aufnahmen von Gelähmten in Indien oder Pakistan. Sehr lange her, sehr weit weg. Doch nun taucht das Poliovirus, der Verursacher der Kinderlähmung, wieder auf, direkt an den Außengrenzen Europas: In Israel wird der Erreger regelmäßig im Abwasser nachgewiesen, und in Syrien wurden vergangene Woche von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zehn neue Erkrankungen bestätigt. Ein Bericht der WHO bescheinigte Deutschland darüber hinaus, vor einer neuen Attacke des Virus nur mittelmäßig geschützt zu sein. Die Botschaft ist klar: Das Virus ist keineswegs ausgerottet, wir dürfen uns auf keinen Fall sicher fühlen.

Im Auftrag der Ärzte ohne Grenzen war der Berliner Arzt Tankred Stöbe mehrmals in Syrien. Er wurde Zeuge des Verfalls eines Landes – und eines Gesundheitssystems. "Die Gesundheitsversorgung in Syrien war sehr gut, viel besser als in den umliegenden Ländern", sagt Stöbe. Der letzte Fall von Polio in Syrien war 1999 aufgetreten. Mit dem Ausbruch des Krieges verschoben sich die Schwerpunkte der Ärzte jedoch, die Behandlung von Verletzungen und akuten Krankheiten verdrängte die Impfvorsorge von der Prioritätenliste. "Wir haben auch gegen Polio geimpft", erklärt Stöbe. "Aber um es deutlich zu sagen: Polio ist derzeit nicht die Haupttodesursache in Syrien." Trotzdem sei das Auftreten der Kinderlähmung ein Indikator für ein zusammengebrochenes Gesundheitssystem. Die Polioprävention erlitt einen herben Rückschlag, plötzlich konnte das Virus wieder wüten, vor allem unter Kindern, die noch nicht geimpft werden konnten.

In Deutschland hingegen haben viele Menschen die entsprechenden Einträge im Impfpass. Durch konsequentes Impfen von Kleinkindern konnte ein hoher Prozentsatz an Menschen erreicht werden, die gegen Polioviren immunisiert sind: Die erhobenen Daten zeigen für das Jahr 2011 eine Durchimpfungsrate von 94,7 Prozent unter Schulanfängern in Deutschland.

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Es sieht also eigentlich alles gut aus. Warum nur attestiert die WHO Deutschland dann eine mittlere Poliogefährdung? Weil es auf die Quote ankommt: Die WHO empfiehlt eine Impfrate von 95 Prozent. Deutschland fehlen zwar nur 0,3 Prozentpunkte, doch die sind durchaus relevant. Die Bevölkerung ist nur dann wirksam geschützt, wenn dem Virus jegliche Rückzugsmöglichkeit genommen wird. Jeder Mensch ohne Impfschutz kann ein Hort für den Erreger sein – manchmal ohne selbst zu erkranken. Er verringert so die Chance, das Virus dauerhaft auszuschalten.

Die fehlenden Prozentpunkte sind ein deutliches Zeichen dafür, dass die Wachsamkeit gegenüber der Krankheit weniger wird. Die Nachlässigkeit ist nur zu verständlich: Polio ist seit 21 Jahren aus Deutschland verschwunden, die Öffentlichkeit hat den Schrecken der Krankheit vergessen. Manche Menschen entscheiden sich dann bewusst gegen Impfungen – ohne zu beachten, dass sie so nicht nur sich selbst gefährden, sondern auch andere Menschen, die aus bestimmten Gründen nicht geimpft werden können, obwohl sie es vielleicht wollten.

Das Robert-Koch-Institut schließt nun nicht aus, dass einzelne Menschen in Deutschland an Polio erkranken. Zu einer Ausbreitung würde es hierzulande – dank der hohen Impfrate – in naher Zukunft aber eher nicht kommen. Doch wir dürfen uns nicht zu sicher fühlen: Das ECDC, das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten, schätzt für Europa die Zahl der Kinder, die nicht gegen Polio geimpft sind, auf bis zu zwölf Millionen. Wie schnell das Virus zuschlagen kann, zeigt das Beispiel Syrien.