Pro: Eine Gesellschaft, die Prostitution anerkennt, ist zynisch. Eine Bestrafung der Freier signalisiert: Frauen wie Pizza zu kaufen ist unnormal

Vorab eine Feststellung: Man kann Prostitution nicht abschaffen. Aber wer das Wünschen noch nicht verlernt hat, wünscht sich eine Welt ohne Krieg, ohne Mord, ohne Ausbeutung. Eine Welt, in der Tiere nicht in Schlachtfabriken enden und in der man Frauen nicht ins Bordell schiebt wie eine Tiefkühlpizza in den Ofen. Eine Welt, in der niemand so arm ist, dass er seine Geschlechtsteile vermieten muss an jeden, der das Geld dafür hat. So weit der Traum.

Wieder in der sogenannten Wirklichkeit angekommen, wird alles entsetzlich kompliziert. Da gibt es Gesetze, Laufhäuser, Clubs, Verrichtungsboxen, Straßenstrich und Escortdamen der Extraklasse, die ein Tantra-Studium abgeschlossen haben. Es gibt die "naturgeile Doris", die "versaute Türkin" und die "Sklavin Ivona", die "keine Tabus" kennen. Und es gibt Männer, die es gut finden, gegen Geld mit der "naturgeilen Doris" zu schlafen, obwohl die Doris ohne Geld niemals mit ihnen schlafen würde. Das Geschäftsmodell Sex gegen Geld hat viele Spielarten, aber es funktioniert seit ein paar Tausend Jahren immer nach dem selben Prinzip: Ein Mann kauft sich den Körper einer Frau, und die Frau tut so, als ob sie das toll findet. In Deutschland nennt man das seit der Legalisierung der Prostitution im Jahr 2002 einen "ganz normalen Beruf", und Frauen, die Männern ihren Körper verkaufen, nennt man "Sexarbeiterin", was so ähnlich klingt wie Metallarbeiterin, Sozialarbeiterin oder Geistesarbeiterin.

Und nun kämpft die alte Spaßbremse Alice Schwarzer wieder einmal dafür, die Prostitution zu verbieten und die Männer, die sich Frauen kaufen, zu ächten. In Frankreich, wo dieser Vorschlag bereits zur Gesetzesvorlage gereift ist, wird am heutigen Donnerstag ein Protestappell von Bordellgängern wie dem Autor Frédéric Beigbeder veröffentlicht, die sich ihr Vergnügen beim Sexeinkauf nicht verderben lassen wollen. Aber auch in Deutschland wird debattiert: Ist Schwarzers Vorstoß nicht eine üble maternalistische Bevormundung selbstbewusster und freier Körperteilverkäuferinnen und -käufer?

Ich finde eindeutig: nein. Die Schweden sehen die Sache in meinen Augen ehrlicher. Sie sagen: Eine Gesellschaft, die Prostitution als Beruf oder Wirtschaftszweig anerkennt, ist eine zynische Gesellschaft. Die Legalisierung der Prostitution ist Resignation, sie nutzt nicht den Frauen, sondern den Männern, die sie ausbeuten, einsperren, einschüchtern und derartige Wuchermieten für ihre Bumsbuden fordern, dass die Frauen zu maximaler "Auslastung" ihrer Geschlechtsorgane gezwungen sind. Zugegeben: Es gibt "Teilzeithuren" und "Studiobetreiberinnen", die im Netz und in den Medien behaupten, dass es ihnen "Spaß" mache, sich zu verkaufen, und die versichern, dass sie ihre Menschenwürde in diesem Handel nicht verletzt sehen. Aber die "naturgeile Doris" und die "Sklavin Ivona" im Flatrate-Bordell, das damit wirbt, "absolut abspritzwürdig" zu sein, gehören nicht dazu. Und sie sind in der überwältigenden Mehrzahl. Nicht ihnen, aber den Männern, die ihre soziale und seelische Notlage "abspritzwürdig" finden, sollte man, nun ja, zumindest an den Kragen gehen.

In Schweden hat man gute Erfahrungen mit dem "Gesetz zum Verbot des Kaufs sexueller Dienste" gemacht. Es geht dabei vor allem um eine Veränderung der Blickrichtung. Die Schweden finden es jetzt nicht mehr "normal", dass Männer sich Frauen kaufen. Die Huren-Folklore, wie sie seit dem Beginn der Männerherrschaft bis zu Toulouse-Lautrec und Clemens Meyer besungen und bepinselt wurde, ist plötzlich schal. Die männliche Zentralperspektive auf die Welt bekommt einen Riss.

Iris Radisch