Was für ein merkwürdiges Land das hier ist: Es gibt Arbeitsschutzvorschriften, es gibt Tarifverträge und demnächst einen flächendeckenden Mindestlohn. Wie schön. Zugleich jedoch wird geduldet, dass einige Hunderttausend (genau weiß man das nicht) Prostituierte unter ungeregelten, zumeist illegalen, oft verbrecherischen Umständen arbeiten müssen. Weil das nun allzu ruchbar geworden ist, plant die neue Regierung eine Gesetzesänderung.

Doch damit endet das Merkwürdige keineswegs. Deutschland ist eines der moralischsten Länder von allen, jedenfalls glauben das seine Einwohner. Man muss sich rechtfertigen für Hemden, die in Bangladesch genäht wurden, und wenn man unfair gehandelten Kaffee trinkt. Die guten deutschen Bürger überlegen, ob sie einer bettelnden Roma-Frau einen Euro geben sollen, weil der doch am Ende nur irgendeinem kriminellen Clanführer in Rumänien zugutekommen könnte.

Wenn aber dieselbe Roma-Frau oder ihre Tochter in einem Bordell arbeitet, dann interessiert sich kaum einer für die Frage, wohin die dreißig Euro gehen. Dann wird kopuliert und gezahlt. Gefragt wird nicht. Offenbar gibt es eine Zone der Recht- und Anstandslosigkeit, weithin toleriert, viel mehr jedenfalls als Passivrauchen. Was also ist los mit den Deutschen?

Sex ist der Dschungel, in dem noch das Recht des Stärkeren zählt

Oder besser gesagt: Was ist los mit jenen zahllosen Männern (ihre genaue Anzahl ist unbekannt), die regelmäßig ins Bordell gehen? Sind das nur solche, die auch überall rücksichtslos rauchen und mit achtzig Sachen durch die Innenstadt brettern – also die Minderheit der Skrupellosen? Nichts spricht für diese These, alles für ihr Gegenteil: Auch die Netten gehen in den Puff, doch wo die Prostitution anfängt, hört das Gewissen offenbar auf. Sex ist der Dschungel, in dem das Recht des Stärkeren gilt, also das des Zahlenden. Hier ist der Kunde noch König.

Deutschland ist, was die Prostitution betrifft, nicht vorbildlich – wie in so vielen anderen Bereichen –, sondern schlimmer als die meisten anderen europäischen Staaten. Da das nicht mehr zu übersehen ist, ruft man jetzt nach dem Staat, der soll dem Kunden garantieren, dass es moralisch sauber und hygienisch einwandfrei zugeht in den Bordellen. Das kann man fordern, muss es sogar (siehe Pro und Contra im Feuilleton, Seite 50). Und doch wissen alle: Mehr noch als bei der Massentierhaltung ist der Staat allein machtlos, wenn die Gesellschaft nicht rebelliert und der Konsument nicht umdenkt.

Wie kann es sein, dass hierzulande das Fleischessen unter höherem Rechtfertigungsdruck steht als Bordellbesuche? Offenbar denkt das kollektive Unbewusste noch immer, Prostitution sei Ausdruck der immer gleichen Triebnatur des armen Mannes, ein Ventil, das offen bleiben muss, um noch Schlimmeres zu verhüten.

Gäbe es beim Thema Prostitution eine ernst zu nehmende öffentliche Debatte über die Sexualität des Mannes und nicht nur über die Arbeitsbedingungen von Prostituierten, so würde sich schnell erweisen, wie albern das alles rechtfertigende Naturtheorem in Wahrheit ist.