Was tut der Mann, der ins Bordell geht? Er bezahlt für etwas, das genuin auf Gegenseitigkeit angelegt ist, und macht es damit zu etwas Einseitigem, um sich dann zugleich von der Frau vorspielen zu lassen, dass es nicht einseitig sei, während er doch weiß, dass sie weiß, dass das Unfug ist. Das ist ungefähr so natürlich wie eine Peking-Oper – inszeniert von Federico Fellini.

Man muss sich das bloß in anderen Lebensbereichen vorstellen: Welcher Mann würde mit jemandem Fußball spielen, der nur so tut, als spiele er Fußball? Wer bezahlt für Reden ohne Zuhören? Welcher Single richtet ein Kinderzimmer ein?

Warum dann beim Sex? Legen wir das Paradox des käuflichen "Sex" noch etwas tiefer: Der Mann bezahlt in Wirklichkeit nicht für den Sex, sondern für die Abwesenheit der Frau als Person, als Mensch, damit macht er aus der stärksten denkbaren Vereinigung die größte Entfremdung.

Je länger man darüber nachdenkt, desto seltsamer wird die Prostitution, desto verzweifelter kommt sie einem vor. In früheren Zeiten war es üblich und kulturell gelernt, andere Menschen zum Objekt zu machen, man hatte schwarze Sklaven und Leibeigene. Da ließ man sich den Spaß nicht dadurch verderben, dass der andere keinen hatte. Da war das Bordell noch Austragungsort männlicher Überlegenheit, heute ist es Schauplatz der Dürftigkeit. Da geht dann der Mann aus seiner quotierten Firma, steigt in sein emissionsarmes Auto, fährt durch verkehrsberuhigte Straßen, um schließlich in einem Bordell eine Frau dafür zu bezahlen, dass sie verschwindet, während er sie penetriert, um eine Sau rauszulassen, die wahrscheinlich schon lange nicht mehr in ihm ist? Er will ganz Mann sein, wo er behandelt wird wie ein kleiner Junge, der auf Bestellung jeden Tag Kindergeburtstag feiern will.

Natürlich lag der Grund für die Prostitution immer schon außerhalb des Bordells. Früher floh man vor der Moral des Katholizismus, heutevielleicht vor der des Feminismus und der Emanzipation. Das Bordell ist die Fluchtburg des modernen Mannes vor der noch moderneren Frau mit ihren widersprüchlichen Bedürfnissen und Anforderungen. Nur, ist es deswegen schon zwingend, dieses komplizierte, verlogene, nicht minder anstrengende Simulationsspiel im Bordell aufzuführen? Lohnt sich die Mühe der wirklichen Nähe nicht, ist das Verschiedenheitsspiel unter Gleichen nicht weit aufregender?

Darüber wäre zu reden.

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