Seit ihrem 20. Lebensjahr arbeitet Anna Vogel (Name geändert). Als Erzieherin, als Tischlerin, dann wieder als Erzieherin. Seit ihrem 20. Lebensjahr kämpft Anna Vogel auch immer wieder mit den Stimmen. Sie geben ihr zu verstehen, dass sie auf dieser Welt nichts zu suchen hat. Vogel ist an einer schizophrenen Psychose erkrankt. Sie hat mehrmals versucht, sich umzubringen. Aber Anna Vogel ist noch da. Heute ist sie 56 Jahre alt. "Zu arbeiten und damit Sinn über mich selbst hinaus zu stiften, das war meine Rettung", sagt sie.

"Es ist unstrittig, dass Arbeit günstige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit schwer psychisch Erkrankter hat." So steht es in der neuen Leitlinie für psychosoziale Therapien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Ein Prozent der Menschen in Deutschland ist wie Anna Vogel an einer Psychose erkrankt, fast drei Prozent leiden an einer chronischen Depression und fünf Prozent an einer schweren Angststörung – das sind insgesamt fast 6,5 Millionen Menschen. Viele der Betroffenen wollen arbeiten. Doch nur knapp sechs Prozent der Menschen mit einer psychischen Erkrankung haben eine Vollzeitstelle.

Dabei ist die Inklusion, die Integration Behinderter im Alltag wie im Arbeitsleben, von den Vereinten Nationen zum Menschenrecht erklärt worden: Für Rollstuhlfahrer werden Rampen und Fahrstühle gebaut, Schulen müssen bald behinderten Kindern genauso offenstehen wie nicht behinderten.

Das Recht auf Inklusion gilt auch für psychisch Kranke. Aber mit der Umsetzung hapert es. Zwar wurde die Psychiatrie Anfang der achtziger Jahre geöffnet, die Patienten sollten in Tageskliniken und Wohngruppen behandelt und in das Alltagsleben integriert werden. Der erste Schritt gelang – der zweite nicht. Es entstanden Arbeitseinrichtungen für psychisch Kranke, Wohneinrichtungen für psychisch Kranke, Freizeiteinrichtungen für psychisch Kranke. "Aus der Gemeindepsychiatrie ist eine Psychiatriegemeinde geworden", sagt der Medizinsoziologe Dirk Richter.

Das allgemeine Misstrauen gegenüber psychisch kranken Menschen ist der Grund dafür, dass diese Parallelwelt sich so hartnäckig hält. Hinter dem Misstrauen verbirgt sich eine ganz grundsätzliche Frage: Was ist normal, was verrückt? Innerhalb der Psychiatrie wird das gerade heftig diskutiert, Anlass ist die fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM-V. Darin versuchen amerikanische Psychotherapeuten, die Grenze zwischen normalem menschlichem Verhalten und behandlungsbedürftiger Krankheit zu definieren. Doch viele Psychologen und Psychiater gewinnen mehr und mehr die Einsicht, dass es keine klare Grenze gibt – sondern ein breites Spektrum zwischen krank und gesund, verrückt und normal. Im Alltag kommt diese Erkenntnis jedoch nur langsam an.

Wie also könnte eine Rampe für psychisch Kranke aussehen, wie ein Lift für Menschen mit Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen?

Die Krankheit

Als Anna Vogel zum ersten Mal in die Psychiatrie kam, war sie 13 Jahre alt. Sie hatte mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Psychiater diagnostizierten eine Psychose, gaben ihr starke Medikamente und sagten, sie werde ihr Leben lang krank bleiben. "Da ist in mir das Gefühl entstanden, ich würde nie dazugehören."

Eine schizophrene Psychose ist eine der gravierendsten psychischen Krankheiten; sie macht es den Betroffenen besonders schwer, am Leben teilzuhaben. Doch Psychosen sind vielgestaltig – wie die meisten psychischen Erkrankungen. Manche Erkrankte sind zwischen den Schüben nahezu beschwerdefrei, und viele haben Techniken entwickelt, um mit ihrer Krankheit zu leben.