Violistin Anne-Sophie Mutter"Musik meint: Zurück zur Muttersprache!"

Schon als Kind grübelte Anne-Sophie Mutter über den Tod nach. Bis heute lindert Musik für sie jeden Schmerz. von 

ZEITmagazin: Frau Mutter, warum berührt Musik unsere Seele?

Anne-Sophie Mutter: Das ist ein Geheimnis. Wir wissen, es gibt eine gewisse Symmetrie, vor allem in der Barockmusik, die uns besonders beschwingt. Vielleicht tun wir uns deshalb mit modernen Klängen so schwer, weil der Goldene Schnitt nicht mehr das Maß aller Dinge ist. Aber unsere Seele will natürlich immer zurück zu dem, was wir kennen, zum Urklang.

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ZEITmagazin: Wenn Sie Modernes einspielen, von Penderecki oder Rihm, müssen Sie da Ihrer Seele einen Schubs geben?

Anne-Sophie Mutter

50, ist im badischen Rheinfelden geboren. Bereits mit sechs Jahren galt die Geigerin als Wunderkind. Eine nach ihr benannte Stiftung fördert heute junge Talente. Soeben erschien von ihr Dvořáks Violinkonzert, das sie mit den Berliner Philharmonikern einspielte. Anne-Sophie Mutter lebt in München.

Mutter: Aus der Komfortzone auszusteigen ist das tägliche Brot eines Interpreten. Fällt es mir leicht? Nein, ohne Frust geht es gar nicht. Ich erinnere mich mit tiefem Schrecken an ein Werk von Wolfgang Rihm, das ich letztes Jahr uraufführte, Dyade, für Geige und Kontrabass. Zwei unterschiedlichere Instrumente vom Klangcharakter und von der Tonlage her kann man sich nicht vorstellen. Rihm hat immer den Witz gemacht, er habe das für einen Bären und eine Elfe geschrieben. Ich habe um das Werk wirklich kämpfen müssen, ich fand es am Anfang sehr sperrig und spröde. Aber wie mit allen Dingen im Leben: Je länger man sich damit auseinandersetzt, desto klarer sieht man. Man beißt sich dann an so kleinen Klanginseln fest und erkennt irgendwann im Nebel eine Struktur. Was leichtfällt, ist im Rückblick immer wertlos. Deswegen ist mir Dyade besonders wertvoll, weil es mir wirklich schwergefallen ist. Am Ende aber habe ich es heiß geliebt.

ZEITmagazin: Ihre Biografie erscheint von starker Kontinuität geprägt, obwohl Sie schon als Kind zu einer berühmten Künstlerin geworden sind.

Mutter: Mir ist einfach nichts Besseres eingefallen. Geige spielen ist das Einzige, was ich einigermaßen ausfüllen kann.

ZEITmagazin: In Ihrem Leben entdeckt man nirgends einen Bruch.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Mutter: Von außen sieht das alles ganz gut aus. Beim Blick vom Mond auf die Erde sieht die Chinesische Mauer wunderschön aus, aber wenn man näher herangeht, sind da auch Risse. Aber ich habe nie zugelassen, dass mein privates Leben, das sich ja nun nicht so ohne jeden Riss gestaltet hat, irgendetwas, das künstlerisch wichtig ist, überschattet. Im Gegenteil: Ich habe jede menschliche Niederlage zu einer musikalischen Weiterverwandlung genutzt.

ZEITmagazin: Ein Beispiel, bitte!

Mutter: Mich hat schon früh die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens umgetrieben. Als kleines Kind war ich Spezialist für Beerdigungsauftritte. Ich weiß nicht, warum ich an derart vielen Beerdigungen gespielt habe – beispielsweise auch bei der Beerdigung meiner ersten Geigenlehrerin, Erna Honigberger. Da habe ich ziemlich schlecht gespielt, woran ich heute noch mit Scham zurückdenke. Dieses frühe Beschäftigen mit dem Tod hat dazu geführt, dass da Risse aufkamen im Glauben an Gerechtigkeit oder Wiederkehr. Nun glaube ich tatsächlich daran, dass wir uns wiederfinden werden, aber glauben ist ja nicht wissen. Bei jedem menschlichen Verlust, bei jeder Niederlage, die man auch wegen eigener Verfehlungen einzustecken hat, muss man sich überlegen, wie man damit umgeht.

ZEITmagazin: Und wie haben Sie in solchen Fällen reagiert?

Mutter: Die Musik war für mich nicht nur Katalysator für eigenen Schmerz, sondern auch Sinnfindung für das Leben selbst. Sie war und ist eine Art Mittel gegen das Gefühl der eigenen sterblichen Blödsinnigkeit, der eigenen Überflüssigkeit und Unbedeutsamkeit. Ich habe schon sehr früh Benefizkonzerte gegeben und tue es noch heute. Das ist meine Rettung, um gegen das Chaos des Lebens, seine Ungerechtigkeit und seine Chancenungleichheit, etwas auszurichten.

ZEITmagazin: Liegt aber nicht in der Musik selbst schon Trost?

Mutter: Musik umfängt uns, weil sie nicht nur an unseren Intellekt appelliert. Weil sie die erste Sprache ist, zu der man greift, wenn ein Kind schreit: Man singt! Musik meint: Zurück zur Muttersprache!

ZEITmagazin: Sie haben einen Sohn und eine Tochter. Wie haben Sie sie an die Musik herangeführt?

Mutter: Erst durch Singen, später durch den misslungenen Versuch, sie selbst zu unterrichten. Das kann ich gar nicht empfehlen. Ich wurde gerade wieder von meinem Sohn für die strengen Unterrichtsstunden getadelt. Beide begannen am Klavier. Dann gab es eine ganz kurze Phase der Anfreundung mit der Geige, die wurde aber relativ fix wieder beendet mit dem Satz: "Ach, bei dir klingt es sowieso viel besser!" Ich sagte dann: "Das klang bei mir nach vier Wochen auch nicht besser!" Aber das wollte man nicht hören. Beide sind gut verwurzelt im klassischen Repertoire, aber lieben auch Popmusik. Damit kann ich leben, weil ich weiß: Ich habe einen Grundstock gelegt, und irgendwann wird er sich durchsetzen.

ZEITmagazin: Warum ist es Ihnen so wichtig, öffentlich über nichts Privates zu reden?

Mutter: Weil ich nur als Musiker in der Öffentlichkeit stehen möchte, alles andere ist Pipifax.

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Leserkommentare
  1. Man kann vor Mutter nur den Hut ziehen. In ihrer Natürlichkeit und Skandalfreiheit ist sie ein mahnendes Beispiel für all die Möchtegern-Stars heutiger Coleur, die völlig talentfrei Höhen der Anerkennung und Aufmerksamkeit erklimmen wollen, die ihnen nicht zustehen.

    Ihre bescheidene und offenherzige Art kann man ganz gut in den wenigen Interviews erleben. Gleichwohl schafft sie es ohne, großartig darum zu kämpfen zu müssen, ihre Privatssphäre zu wahren: eben weil sie glaubwürdig und respektvoll auf die Journalie wirkt und sich weder anbiedert noch nach Gusto die Presse für ihre Zwecke missbraucht. Da kennen wir leider andere Beispiele aus der Promiszene.

    Ich verneine mich vor Ihnen und Ihrem Können, Frau Mutter !

    4 Leserempfehlungen
  2. Une image
    éblouissante
    m'appelle, dans
    le son d'un oiseau
    solitaire: c'est
    la voix du soleil,
    le chant du matin
    qui donne une
    poésie.

    Francesco Sinibaldi

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  • Schlagworte Klassik | Anne-Sophie Mutter | Musik
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