Felicitas Weigmann – gelernte Krankenschwester, ehemalige Prostituierte und heute Bordellbesitzerin – hat eine kleine Kulturrevolution losgetreten, auf die sie bis heute stolz ist. Im Jahr 2001 verabschiedete die erste rot-grüne Bundesregierung ein Prostitutionsgesetz, das zu den liberalsten der Welt zählt, und Weigmann war dabei. Auf einem Foto sieht man sie neben der damaligen SPD-Frauenministerin Christine Bergmann und der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Kerstin Müller mit erhobenem Sektglas im Bundestag stehen, glücklich lachend.

Heute findet kaum noch jemand an dem Prostitutionsgesetz etwas zu feiern. Das Regelwerk, das Huren aus der Gosse holen und sie sozial absichern sollte, hat ausgerechnet in den Augen von Frauenrechtlerinnen das Gegenteil bewirkt. An diesem Donnerstag erscheint Alice Schwarzers neues Buch Prostitution. Ein deutscher Skandal. Das rot-grüne Gesetz, schreibt Schwarzer, habe den Frauen nur geschadet und aus Deutschland ein "Zuhälterparadies" gemacht, in dem aus ganz Europa Busladungen von Freiern einerseits, und hilflosen Rumäninnen und Bulgarinnen andererseits herangekarrt würden. Flatrates, "All-you-can-fuck"-Etablissements, "Gang-banging", bei dem eine Frau mehrere Freier zugleich über sich ergehen lassen muss, und "Airport-Muschis" für die ganz Eiligen – das sei die Landschaft, die Rot-Grün geschaffen habe.

Schwarzer ist sicher, 90 Prozent der Prostituierten seien Armuts- und Zwangsprostituierte; außerdem seien 90 Prozent von ihnen laut "internationaler Studien" bereits als Mädchen missbraucht worden. Für keine ihrer exorbitanten Zahlen nennt die Autorin seriöse Quellen. Im Grunde sieht Schwarzer in der Prostitution ein Muster für alle Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Ihr Hauptvorwurf an Rot-Grün: "Dieses Gesetz wurde für Menschenhändler und Zuhälter gemacht."

Prostitution sollte ein Beruf unter vielen werden, ein Angestelltenverhältnis. Dazu brauchte es Arbeitgeber – also musste die "Förderung von Prostitution" straffrei gestellt werden, die vorher als Zuhälterei verurteilt worden war. Zuhälterei – finanzielle Ausbeutung und Zwang – blieb strafbar, ebenso wie Menschenhandel. Aber die Förderung der Prostitution war nun legal.

Felicitas Weigmann ist eine der Bordellbesitzerinnen, die von dem Gesetz profitiert haben. Schwarzers Kritik treibt sie zur Weißglut. "Die Situation war doch damals die: Wer Huren Zimmer zu Wucherpreisen vermietete, blieb straffrei", erzählt Weigmann, die heute Schirow heißt. "Aber wer Kleenex und Kondome und ein schönes Café zur Kontaktanbahnung bereitstellte, war ein Verbrecher. Ich habe hier die Arbeitsbedingungen hergestellt, die ich selbst früher auf dem Straßenstrich in der Kurfürstenstraße gern gehabt hätte."

Als Weigmanns Café geschlossen werden sollte, entschloss sie sich, vor Gericht einen Präzedenzfall zu schaffen – das war der Anfang des rot-grünen Gesetzes. Das Gericht entschied, sie dürfe ihre Konzession behalten: Die Einstellung der Gesellschaft zur Prostitution habe sich gewandelt. Entscheidend sei nicht "Sittenwidrigkeit", sondern Freiwilligkeit, Einvernehmlichkeit, Selbstbestimmung.

Das passte nahtlos zu dem Wertewandel, den die frisch installierte rot-grüne Koalition in der Sexualpolitik in Gang setzen wollte. Ein Festival der Minderheiten wollte man feiern und die Ausgestoßenen aus den Schmuddelecken holen: Schwule und Lesben bekamen die Homoehe, Kinder sollten besser vor sexuellem Missbrauch und Gewalt geschützt werden. Und Prostituierte sollten sich sozialversichern können.