Die Beschwerden der Bewohner erreichten Steve Wing, einen Umweltmediziner an der University of North Carolina. Er maß die Emissionen der Agrarfabriken in einem der Schweinezuchtzentren des Bundesstaates und fand hohe Konzentrationen von giftigem Schwefelwasserstoff und Staubpartikeln in Wohngebieten. Wing stellte fest, dass hoher Blutdruck und Atemwegsbeschwerden bei Anwohnern oft mit der Schweinehaltung zu tun haben. "Die Allergene, Gase, Bakterien und Viren, die von diesen Anlagen ausgehen, haben alle das Potenzial, Menschen krank zu machen", sagt der Mediziner.

Mit traditionellen Bauernhöfen haben die Zuchtanlagen wenig gemein. Die meisten sind von der öffentlichen Straße durch einen meterhohen Zaun abgeschirmt, so wie eine Anlage ein paar Kilometer von der Ortschaft New Bern entfernt. Kein Mensch ist zu sehen, nur ein großes Schild warnt: "Zutritt für Unbefugte verboten." Daneben steht ein zerbeulter und angerosteter Container, die dead box. Solche Kisten gibt es an vielen Mastanlagen. Darin entsorgen die Mäster tote Tiere. Regelmäßig holt eine Art Müllabfuhr für Schweine die Container ab. Anwohner klagen, dass deren Deckel manchmal nicht richtig geschlossen werden und Bussarde Fleischfetzen aus den Kadavern reißen.

Die lebenden Schweine werden in Ställen ohne Fenster gehalten. Rohre führen zu nahen Silos, das Futter wird vollautomatisch zugeteilt. Wer genau hinhört, glaubt ab und zu ein Quieken zu hören. Sonst verbreiten nur die mannshohen Ventilatoren Geräusche, sie regeln die Frischluftzufuhr.

Auf dem Feld nebenan bringt ein Gerät, das auf den ersten Blick aussieht wie eine Bewässerungsanlage, die Gülle aus. Eigentlich soll, so ist es Vorschrift, die Gülle auf den Grundstücken der Farm bleiben, in einer dieser violett und pink glitzernden Lagunen. Doch das ist schwierig zu kontrollieren. Und auch die Gülle-Lagunen selbst bergen Gefahren. 1995 brach bei einer der Damm, 95 Millionen Liter Gülle flossen in den Neuse River. Umweltschützer beklagten Millionen toter Fische. Bei starken Regenfällen kann es heute noch vorkommen, dass die Lagunen überlaufen und die Brühe sich ihren Weg bahnt. Als der Hurrikan Floyd Ende der neunziger Jahre North Carolina verwüstete und Flüsse über die Ufer treten ließ, trieben Kot, Urin und tote Schweine zwischen den Häusern.

Dies sind auch Symptome einer industrialisierten Fleischerzeugung. Neun von zehn Schweinen in den USA werden heute in Fabrikmastbetrieben aufgezogen. Smithfield hat das Konzept erfunden; genauer gesagt Joseph Luter III. Er entwickelte ein voll integriertes Geschäftsmodell, das vom Erbgut der Tiere bis zum Schnitzel in der Pfanne alles kontrolliert.

1936 machte sich Luters Vater mit einer Schlachterei im Kolonialstädtchen Smithfield im Bundesstaat Virginia selbstständig, schon als Teenager musste der Sohn mit anpacken. Nach dem Tod des Seniors scheiterte aber Luters erster Versuch als Geschäftsführer. Er verkaufte den Betrieb und wollte mit dem Erlös ein Skiresort eröffnen. Doch die Käufer holten ihn bald zurück, weil der Fabrik die Pleite drohte.

Dieses Mal war Luter fest entschlossen, das zwischenzeitlich in Smithfield umbenannte Unternehmen zum Erfolg zu führen. Als Vorstandschef kaufte er einen Konkurrenten nach dem anderen auf. Er schaffte mehr als 50 Übernahmen in drei Jahrzehnten. Auch im persönlichen Lebensstil ließ Luter seine Anfänge als Metzgerssohn hinter sich. Bald pendelte er zwischen einem Luxusapartment in Manhattan und einem Anwesen im Nobelkurort Aspen in den Rocky Mountains.

Luters Vorbild war der Agrarriese Tyson Foods, der Geflügelzucht im industriellen Stil betrieb und die gesamte Wertschöpfungskette kontrollierte. Doch niemand hatte das bis dahin mit vergleichsweise anspruchsvollen Tieren wie Schweinen versucht.

Der Durchbruch gelang Luter mit der Übernahme von Murphy Family Farms. Auch dahinter verbarg sich ein zum Branchenriesen mutierter Familienbetrieb. Den Gründer Wendell Murphy nannte man in seiner Heimat North Carolina ehrfürchtig "King Hog", den Schweinekönig – nicht nur weil Murphy der größte Züchter war, sondern auch weil er gewaltigen politischen Einfluss besaß. Als Abgeordneter und als Senator setzte er viele Gesetze durch, die seine Branche begünstigten: von Steuersubventionen bis hin zur Abschwächung von Umweltauflagen. Im Klima der freundlichen Politik wurden die Fleischkonzerne im vergleichsweise armen Bundesstaat North Carolina immer größer und mächtiger. Smithfield gehört heute sogar das Erbgut der Tiere.

Die meisten Farmer in North Carolina sind inzwischen Lohnmäster und abhängig von den Großen der Branche. "Farmer kann man sie eigentlich nicht mehr nennen", sagt Sandra, deren Familie ihren Hof in neunter Generation bewirtschaftet. Die Mittdreißigerin, eine studierte Molekularbiologin, will ihren Nachnamen nicht öffentlich nennen, um Ärger zu vermeiden. Sandras Familie hat keine guten Erfahrungen mit der Auftragsmast gemacht. Es habe sich dabei zwar nicht um Smithfield gehandelt, sagt Sandra, aber das Konzept sei vergleichbar: So gut wie alles werde vom Auftraggeber vorgegeben, von den Jungtieren bis hin zur Futtermischung. "Was den Leuten bleibt, ist das Risiko", sagt sie. Viele verschuldeten sich mit Hunderttausenden Dollar, um die Anlagen nach den Vorgaben der Konzerne zu bauen. Bevor ihr Vater die Stallungen abgezahlt hatte, verlangte der Großabnehmer plötzlich teure Neubauten. Als der Vater sich weigerte, kam die Kündigung. Statt einer Altersversorgung blieben Schulden, die die Familie bis heute abträgt. Manchmal, berichtet Sandra, warten die Konzerne auch Wochen mit der Lieferung neuer Jungtiere. In dieser Zeit verdient der Mäster kein Geld, muss aber weiter Hypotheken abstottern. "Das frisst schnell alle Reserven auf, und dann ist man ausgeliefert", sagt sie.

Sandras Familie zieht seit Kurzem wieder Schweine auf – allerdings in Freilandhaltung, nicht in fensterlosen Fabriken. Viel verdienten sie damit nicht, sagt Sandra. Doch seit der Nachricht von der Übernahme durch Shuanghui gehe unter den Vertragsmästern erst recht die Angst um. "Die Bedingungen waren ja schon hart", sagt Sandra, "aber keiner weiß, wie das bei den Chinesen aussehen wird."

"Die meisten Vegetarier, die ich kenne, sind Neurotiker"

Bei seinem Aufstieg brachte Smithfield nicht nur Umweltschützer und Anwohner gegen sich auf. Die Tierrechtsorganisation Humane Society prangerte 2011 die Haltungsbedingungen der Schweine als "grausam" an. Die Aktivisten kritisierten, dass trächtige Sauen monatelang in enge Käfige gesperrt wurden, in denen sie sich kaum bewegen konnten. Smithfield hatte 2007 zugesagt, diese Käfighaltung innerhalb von zehn Jahren einzustellen. Wegen der Rezession hatte das Unternehmen das Vorhaben allerdings zwischendurch gestoppt. Im Bericht für das Geschäftsjahr 2013 erklärte Smithfield, bei 38 Prozent der eigenen Zuchtanlagen inzwischen auf diese Käfige zu verzichten – also nur beim kleineren Teil.