Es gibt also Krimis, vor denen man besser warnt. Zumindest sollten all die neuerdings habituell Tiefenentspannten die Finger von diesem Buch lassen, die meinen, nun seien wir aber durch mit der deutschen Geschichte und all ihren Lästigkeiten, mit all dem unappetitlichen Gemenge aus Geist, Wahn und Gewalt. Sind wir nicht. Denn Uta-Maria Heim, die vielfach ausgezeichnete und mit allen einschlägigen Bildungs- und Wissensbeständen ausgestattete Krimiautorin aus dem deutschen Südwesten, hat nun ebendort in den Tiefenschichten von Geist, Wahn und Gewalt eine Geschichte freigelegt, wie sie grauenvoller kaum sein könnte. Und deutscher. Und geistreicher.

Wem sonst als dir., mit Punkt, so heißt das neue Buch von Uta-Maria Heim, ganz wie die Widmung im zweiten Band des Hyperion, von 1799, die der arme Dichter Hölderlin seiner fernen Liebe Susette Gontard zudachte, als er sie als Diotima für alle Zeiten Literatur werden ließ. Über die kann man promovieren, daran kann man scheitern, man kann auch wahnsinnig darüber werden, zu begreifen, wie Hölderlins geistige Welt um 1800 beschaffen war, der Dichter ist ja selbst in furchtbarer geistiger Not gestorben. Wem sonst als dir.: So heißt in diesem Krimi also auch Christian Schöllers gescheiterte Promotion über Hölderlin, verfasst in Tübingen, in einem Haus, in dem Schöllers Mutter im Jahr 1990 erstochen aufgefunden wird. Vermutlich hat der Sohn sie getötet, ergibt ein Indizienprozess. Schöller sitzt seither in einer Psychiatrie ein, nicht in irgendeiner, sondern in Grafeneck: jener schwäbischen Institution, in der die nationalsozialistische "Euthanasie"-Mordak tion 1940 Tausende kranker Menschen das Leben kostete. In dieser Anstalt, ja, hatte Schöllers Mutter 1940 als Küchenmädchen gearbeitet.

Reicht das an deutscher Verdichtung? Keineswegs. Heim gelingt es, eine veritable RAF-Geschichte einzuweben, auch diese gut schwäbisch, denn Schöllers Schwester Irene ist als Schülerin unter die Terroristen gegangen, bis sie, ja, nach der Wende in die DDR entkam und sich dort 1990 das Leben nahm, kurz vor der Ermordung der Mutter. Und in diesem Plot ist auch noch Raum für eine ukrainische Halbschwester, die im Zweiten Weltkrieg vom deutschen Soldatenvater Schöller gezeugt wurde: nichts für Tiefenentspannte.

Als Richter K., der einst 1990 das Urteil über Schöller gefällt hat, merkt, dass es ein Fehlurteil war, setzt diese Geschichte an. Heute. Und man versteht: Schöller hat nur Hölderlins Kreuz tragen wollen. Einer muss es ja tun.

Die Autorin Uta-Maria Heim spricht literarisch all die historischen Sprachen ihres Roman, alles Dialekte des Schwäbischen: hölderlinsch, nationalsozialistisch, terroristisch, deutsch-ukrainisch, juristisch. Und nein, es geht nicht gut aus, das Ganze. Wirklich nicht.