Die Tochter

Das Lügen war für Sonja eine Selbstverständlichkeit. Von der Mutter hatte sie es gelernt, wie mit Messer und Gabel zu essen. Es erschien dem Mädchen als nützliche Fertigkeit, die das Leben leichter macht. Bis Sonja die eine, große Lüge in die Welt setzte. Diese Lüge machte nichts leichter, sondern alles schwer.

Am 29. Oktober 2013 will sie zur Wahrheit zurückkehren. 17 Jahre sind vergangen, Sonja ist längst erwachsen. Morgens um halb acht geht sie aus dem Haus, sie hat zwei Taschen dabei: ihre Handtasche und eine zweite Tasche, in der eine schwarze Perücke steckt, die sie zwei Wochen zuvor im Internet bestellt hat. Im Auto setzt Sonja Faust die Perücke auf und streift eine schwarze Mütze mit Strasssteinchen über das glänzende Kunsthaar.

So verkleidet, sitzt sie eine Stunde später im Zeugenraum des Memminger Landgerichts und wartet.

Sie hyperventiliert.

Sie nimmt Rescue-Tropfen, die nichts ausrichten.

Ihr Anwalt beruhigt sie.

Dann geht die Tür zum Verhandlungssaal auf, und Sonja Faust sieht auf der Anklagebank ihren Vater sitzen. Der schwarze Anzug, die leuchtend blaue Krawatte, das dünne graue Haar. Fast festlich sieht er aus. Er wirkt auf sie gleichzeitig fremd und vertraut. Später wird sie sagen, dass sie in diesem Moment den Impuls verspürt, zu ihm zu gehen und ihn zu begrüßen, aber da sind die Journalisten und die anderen Zuschauer.

Sie sollen ihr Gesicht nicht sehen.

Sie nickt ihrem Vater bloß kurz zu und dreht schnell den Kopf zum Richtertisch. Dahinter prangt das bayerische Staatswappen. Zwei goldene Löwen.

Sonja Faust setzt sich auf den Zeugenstuhl. Die Vorsitzende Richterin fragt: "Möchten Sie etwas sagen?"

Sonja Faust antwortet: "Deshalb bin ich da."

Es ist der zweite Prozess in ihrem Leben. Der erste, 1996, endete damit, dass zwei Justizbeamte ihren Vater in Handschellen abführten. Sieben Jahre lang saß er im Gefängnis.

Sonja Faust ist 33 Jahre alt, verheiratet und dreifache Mutter. Dieser Tag soll ihr Frieden bringen. Es kann aber auch sein, dass er ihr den finanziellen Ruin bringt. Oder beides.

Es ist sehr viel für einen Tag. Es war immer sehr viel auf einmal in Sonja Fausts Biografie.

Am Tag nach dem Prozess, der ihren Vater rehabilitiert, ist Sonja Faust zu einem Treffen bereit. Sie wartet, jetzt ohne Perücke, in einem Café: eine selbstbewusst wirkende junge Frau, sorgfältig geschminkt, etwas müde. Die Bedingung für das Gespräch: Ihr Mann darf dabei sein, ihr Name wird geändert, damit sie und ihre Familie unerkannt bleiben.

Es ist ihre größte Angst, dass die Lüge noch mehr Leben zerstört. Dass es nicht nur heißt: Sie ist eine Lügnerin. Sondern auch: Er ist der Mann einer Lügnerin. Sie sind die Kinder einer Lügnerin.

Die Zeitungen an diesem Tag sind voll von ihrem Fall, Bild zeigt ihren Vater auf Seite 1. Das Bayerische Fernsehen hat berichtet, das Radio. Sie hatte Angst, den Fuß vor die Tür zu setzen an diesem Morgen, aber als sie die Kinder im Kindergarten abgibt, stellt sie ungläubig fest: Alles ist wie immer.

Es ist leicht, mit Sonja Faust ins Gespräch zu kommen. Ihre Wortwahl verrät, dass sie geübt darin ist, ihr Seelenleben zu beschreiben: "innere Ordnung", "Hilferuf", "Selbstwertgefühl".

Beim Reden schaut sie einem in die Augen. Keine Tränen wie am Tag zuvor, als die Vorsitzende Richterin sie fragte: "Warum haben Sie das gemacht?" Manchmal greift ihr Mann, der neben ihr sitzt, nach ihrer Hand. Seltener greift sie nach seiner.

Ihre Kindheit: Lügen und Streit

Sonja Faust erzählt also, wie sie das Lügen lernte. Die Mutter kopierte in das Zeugnis der Tochter falsche Noten hinein, damit es Geschenke von den Großeltern gab. Die Mutter schärfte ihr ein, dem Opa nichts vom Ausflug in den Vergnügungspark zu sagen. Er steckte ihnen oft Geld zu und sollte nicht denken, sie verprassten es. Die Mutter verlangte von ihr, sie solle den Vater eifersüchtig machen: Sag ihm, ich habe einen Freund.

Das war Sonja Fausts Kindheit: Lügen. Und Streit.

Der Vater schreit, beschimpft die Mutter, wird ausfallend, wirft ihr vor, sie habe ihn nicht aus Liebe geheiratet, sondern nur weil Sonja unterwegs gewesen sei.

Die Mutter stichelt gegen den Vater, sie macht ihn schlecht vor Sonja und ihrem Bruder, der drei Jahre jünger ist als sie. Der Vater sei so aggressiv. Ja, genau, diesen Typen habe sie nie heiraten wollen. Er habe bloß Tennis im Kopf.

Eine Kindergärtnerin spricht die Mutter an: Sonja sei oft abwesend, es sei, als schaue sie durch andere hindurch. Ob zu Hause etwas nicht in Ordnung sei? Sonja steht daneben und hört, was die Erwachsenen reden. Sie hat das Gefühl, mit ihr stimme etwas nicht. Ein Gefühl, das sie nicht mehr loslassen wird.

Die Mutter geht mit ihrer Tochter zum Arzt. Er soll Sonjas Absencen auf den Grund gehen. Eine Untersuchung der Gehirnströme bringt kein Ergebnis.

Die Mutter geht mit Sonja zur Psychotherapie. Es ist die erste in einer langen Reihe. "Meine Mutter hat mich ständig zu irgendwelchen Therapien geschleppt", sagt Sonja Faust heute.

Sonja ist ein Grundschulkind, als sie zum ersten Mal versucht, sich umzubringen. Nachmittags läuft sie von zu Hause fort. Auf einer Wiese lässt sie sich in den Schnee fallen. Da liegt sie, ausgestreckt auf dem Rücken, und wartet auf den Tod. Die Mutter wird später sagen, es sei der Vater gewesen, der das unterkühlte Kind gefunden und nach Hause getragen habe. An den Schnee und das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen, kann Sonja Faust sich heute noch erinnern. Aber an keine väterlichen Arme, die sie trugen.

Anderes wisse sie noch, sagt sie: Wie er sie mit der flachen Hand schlug, wenn sie eine Drei nach Hause brachte, "eine Schuhbändelverkäuferin wirst du!", schrie er. Wie er sie über den Tennisplatz scheuchte, weil er eine zweite Steffi Graf aus ihr machen wollte. Und als klar war, dass sie keine Steffi Graf würde: wie er von der Arbeit nach Hause kam, die Tennistasche packte und wieder verschwand.

Er war oft nicht da, und wenn doch, dann war es noch schlimmer, als wenn er nicht da war.

Sonja reagiert mit Aufsässigkeit, Rebellion. Sie schlägt sich auf die Seite der Mutter.

Als Sonja ungefähr neun Jahre alt ist, schließt sich die Mutter einer spirituellen Gemeinschaft an. Die Mutter nimmt die Tochter oft mit zu den Treffen, es gibt da eine Kindergruppe, sie malen Mandala-Bilder aus. Und ständig singen sie "Hu", so nennen sie Gott. Ansonsten ist es ganz okay dort. Immerhin gibt es da was zu tun.

Daheim ist es immer weniger okay.

Der Vater hat eine Geliebte. Die Mutter braucht jemanden zum Reden. Es ist niemand da, außer der Tochter. Einmal weckt die Mutter das Mädchen nachts und zeigt aus dem Fenster: Schau, der Vater geht jetzt zu der anderen.

Wieder versucht Sonja, sich umzubringen: Sie schluckt die Krebstabletten ihrer Mutter

Über den Vater sagt die Mutter: "Der will uns alle erstechen, eines Tages rastet der aus."

Sonja, damals elf Jahre alt, glaubt, was die Mutter sagt. Sie erkundigt sich nach einem Frauenhaus. Sie organisiert das Kofferpacken, die Mutter und die beiden Kinder ziehen aus.

Im Frauenhaus erzählt die Mutter der Tochter, der Vater habe sie, die Mutter, einmal vergewaltigt. Sie beschreibt es in allen Einzelheiten. Sonja glaubt auch das, es steigert ihren Hass auf den Vater. Heute hält sie die Geschichte der Mutter für erlogen.

Sie stellt sich jetzt auch diese Frage: Wie sehr hat sie sich von der Mutter treiben lassen, wie viel darf sie von ihrem eigenen Schuldkonto abziehen?

Eine Antwort wird sie nicht mehr bekommen.

Kurz nach dem Auszug bekommt die Mutter die Diagnose Brustkrebs. Sie nimmt Sonja mit zu den Arztbesuchen. Die Mutter sagt: "Der Vater hat mich vergiftet mit seiner Art."

Die Krankheit der Mutter scheint zunächst besiegbar, aber als Sonja 14 ist, kehrt der Krebs zurück. Die Mutter hat jetzt Metastasen in der Wirbelsäule, sie wird nicht mehr lange leben. Sonja versucht wieder, sich umzubringen. Sie schluckt die Krebstabletten der Mutter. Sie will sich vor den Zug werfen.

Sonja kommt in die Psychiatrie. Sie sagt, ohne ihre Mutter könne sie nicht leben.

Eines der Mädchen, mit denen Sonja sich in der Psychiatrie anfreundet, erzählt, dass es vom Vater missbraucht worden sei. Die neuen Freundinnen sind sich einig: Alle Männer sind Schweine. In einer Therapiestunde in der Klinik lässt Sonja das Wort fallen, das alles verändert.

Vergewaltigung.

Sie glaubt, die Lüge kann ihr das Mitleid geben, nach dem sie sich sehnt. Sie glaubt, die Lüge kann allen anderen erklären, warum sie so sonderbar ist, warum sie oft ausrastet. Sie glaubt, die Lüge kann ihren Vater für das bestrafen, was er der Mutter und ihr angetan hat.

Die Lüge kann all das und noch viel mehr. Sie wird nicht nur die Existenz des Vaters zerstören, sondern von nun an auch Sonjas Leben im Griff haben.

Überzeugt von der Glaubwürdigkeit

Der Arzt fragt nach, er will das genauer wissen. Sonja antwortet: Ich möchte da noch nicht drüber sprechen. Sie will sich in Ruhe etwas überlegen.

Als der Arzt den Vater in die Klinik bestellt, um über den angeblichen Missbrauch zu reden, macht Sonja einen Aufstand. Ich habe Angst vor ihm, ich will mich verstecken. In Wirklichkeit will sie vermeiden, dem Vater ins Gesicht zu sehen. Sie muss dann doch mit ihm reden, die Therapeuten sind dabei. Wutentbrannt, erinnert sie sich, verlässt der Vater den Raum.

Jemand aus der Klinik sagt ihr, dass man sie bei Gericht nach Details fragen wird, nach Daten. Ihr fällt der Terminkalender der Mutter ein, die darin ihre Arzttermine eingetragen hat, ihre Krankenhausaufenthalte, die Urlaubsreisen der Großeltern. Anhand des Kalenders strickt Sonja sich drei Geschichten zusammen.

Sie denkt, drei ist eine gute Zahl. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ein Vater seine Tochter nur einmal vergewaltigt. Und mehr als drei Geschichten kann sie sich nicht merken.

Einmal sei der Vater mit ihr in die Wohnung der verreisten Großeltern gefahren, zum Blumengießen, dort habe er sie auf dem Sofa vergewaltigt. Einmal sei die Mutter im Krankenhaus gewesen, da habe der Vater es zu Hause im Wohnzimmer getan. Einmal sei die Mutter nicht zu Hause gewesen, als der Vater von der Arbeit gekommen sei, da sei es im Schlafzimmer passiert.

Sonja überlegt sich, dass es im November kalt gewesen sein müsse, also könnte sie bei der ersten Vergewaltigung einen Skianzug angehabt haben. Sie erinnert sich, dass der Vater sie, als die Mutter im Krankenhaus war, geschlagen hatte – aus den Schlägen macht sie eine Vergewaltigung. Bei der dritten Episode soll es Mai gewesen sein. Sonja stellt sich vor, sie könnte an dem Tag einen Rock und eine Strumpfhose getragen haben.

Wie Bildergeschichten denkt Sonja sich das aus: Sie sitzt auf dem Sofa, der Vater hält ihre Arme nach hinten, streift ihr die Strumpfhose herunter. Sie weiß, wie Sex funktioniert. Im Sommer bevor sie in die Psychiatrie kam, hat sie zum ersten Mal mit einem Jungen geschlafen. So intensiv stellt sie sich die Vergewaltigungen durch den Vater vor, dass sie manchmal, für ein paar Sekunden nur, überzeugt ist, das alles sei wahr.

Sie schreibt ihre Geschichten nicht auf, aus Angst, jemand könnte die Aufzeichnungen finden. Sie muss sich alles merken.

Was sie sich ausgedacht hat, erzählt sie dem Ermittlungsrichter und zwei Gutachterinnen, die ihre Glaubwürdigkeit untersuchen sollen.

Sonja macht Fehler. Mal spricht sie von "drei, vier" Vergewaltigungen, dann sind es 15 bis 20, weil sie denkt, drei oder vier, das sei vielleicht zu wenig. Die Gutachterinnen stören sich nicht an den Unstimmigkeiten.

Schon als Teenager ist Sonja ein Therapie-Profi. Sie sagt: "Ich glaube, dass ich Therapeuten damals ziemlich gut um den Finger wickeln konnte."

Noch bevor der Prozess beginnt, erfährt Sonja, dass die Gutachterinnen ihre Aussage als wahr einstufen. Sie denkt: Das ist ja Wahnsinn, wie man mir glaubt. Und sie denkt: Muss der Vater jetzt ins Gefängnis?

Bestrafen wollte sie ihn. Aber so?

Am Morgen des ersten Verhandlungstags überlegt sie, ob sie überhaupt hingehen soll. Die Mutter, die nicht wissen kann, dass Sonja lügt, es aber vielleicht ahnt, sagt: Jetzt ziehen wir es durch.

Sonja denkt: Oh Gott. Aber sie will nicht als Lügnerin dastehen. Also macht sie weiter.

Als sie vor Gericht aussagen muss, schaut ihr der Vater von der Anklagebank aus ins Gesicht. Am liebsten würde sie aus dem Saal rennen. Sie fängt an zu weinen. Der Vorsitzende Richter denkt offenbar, sie weint, weil der Vater sie vergewaltigt hat. Der Vater muss sich nach hinten in den Saal setzen. Sonja sagt weiter aus. Man kann sie kaum verstehen, aber das Gericht stört sich nicht daran. Sie muss größtenteils nur noch mit Ja und Nein antworten.

Ihre Tränen bekommen die Kraft von Beweisen. Genauso wie Sonjas geschädigte Psyche – für das Gericht ein Beleg, dass auf dem Zeugenstuhl ein missbrauchtes Kind sitzt. Am Ende des zweiten Verhandlungstags wird der Vater in Handschellen abgeführt.

Sonjas Lehrer sagen aus. Die Schülerin habe ständig im Mittelpunkt stehen wollen. Freundinnen sagen aus. Sonja habe so oft gelogen, dass sie irgendwann nur noch mit den Schultern gezuckt hätten: wieder so eine Geschichte.

Die Gutachterinnen sind trotzdem überzeugt von der Glaubwürdigkeit der Zeugin.

Die eine Sachverständige erklärt die unterschiedlichen Angaben über die Anzahl der Vergewaltigungen damit, dass bei Kindern oft mehrere ähnliche Vorfälle in der Erinnerung verschmelzen. Sonja, sagt sie, habe eine nur durchschnittliche Fantasie, sie sei nicht fähig, so ausgefallene Geschichten zu erfinden.

Die andere Sachverständige sieht in Sonjas aufmerksamkeitsheischenden Erzählungen nicht etwa ein Indiz dafür, dass das Mädchen sich etwas ausgedacht haben könnte, sondern "ein typisches Zeichen für das mangelnde Selbstwertgefühl der Betroffenen". Auch dass Sonja rasch wechselnde Beziehungen zu jungen Männern hat, sei ein "typisches Merkmal für in der Kindheit mißbrauchte junge Frauen".

Auf die Idee, Sonja könnte lügen, kommt niemand.

Sie will endlich Ruhe haben

Es wird ein Urologe befragt, der sie vor einer Harnröhrenoperation, nach der ersten angeblichen Vergewaltigung, untersucht hatte. Er sagt, sie sei noch Jungfrau gewesen.

Sonja wird nervös. Den Urologen hatte sie vergessen. Aber seine Aufzeichnungen sind schlampig. Er kann sich nicht mehr genau erinnern. Auf einmal sagt er, er habe ihr Hymen doch nicht untersucht.

Sonja ist gerettet.

Am Ende des dritten Verhandlungstages wird das Urteil gesprochen. Sieben Jahre. Sonja beruhigt sich mit dem Gedanken, es sei gerecht, dass der Vater nun zu leiden habe. Was er der Mutter alles angetan hat!

Nach der Urteilsverkündung steht sie auf dem Flur, die Mutter ist dabei, die Anwältin. Die Mutter sagt: Jetzt hast du’s geschafft. Die Anwältin sagt: Super gemacht, sieben Jahre, das ist selten. Der Vater wird in Handschellen vorbeigeführt. Er ruft ihr zu, dass er sie noch immer liebe. Wie sie ihm das antun könne? Sie solle noch mal nachdenken.

Sonja hält sich die Ohren zu.

Die Lüge hat gehalten. Aber das Mitleid, das Sonja sich erhofft hat, fühlt sich anders an als gedacht. Mutter, Freunde, Therapeuten – alle bedauern sie nun ständig. Sie fühlt sich von Helfern umzingelt. Jede Zuwendung weckt in ihr den Gedanken an den Vater, den sie ins Gefängnis gebracht hat.

Vier Monate nach dem Urteil stirbt ihre Mutter, Sonja pflegt sie bis zum Ende. Wenige Wochen vor ihrem Tod hat die Mutter für Sonja eine Wohnung gemietet, mit ihr Möbel gekauft und einen Motorroller. Der Bruder kommt zu einer Pflegefamilie.

Sonja ist jetzt 16 und allein. Ab und zu schaut jemand vom Jugendamt nach ihr.

Sie stürzt sich in ihre Arbeit. Sie hat eine Ausbildung zur Bürokauffrau begonnen, nebenher jobbt sie als Kellnerin. Wann immer sie gefragt wird, ob sie Zeit hat auszuhelfen, sagt sie Ja. Sie will nicht daheim sitzen und nachdenken.

Der Bruder geht den Vater besuchen und erzählt. Der Vater habe im Gefängnis geheiratet. Der Vater sei im Gefängnis verprügelt worden. Der Vater habe einen Lügendetektortest gemacht, der sei gut für ihn ausgegangen.

Der Bruder sagt, er weiß nicht, wem er glauben soll. Wenn er mit dem Vater redet, glaubt er ihm. Wenn er mit Sonja redet, glaubt er ihr.

Die Oma, Mutter des Vaters, legt ihr einen Zettel vor: Unterschreib das. Auf dem Zettel steht: "Ich möchte mein Gewissen erleichtern und bestätige durch meine volle Unterschrift, daß ich meinen Vater damals wissentlich falsch der Vergewaltigung an mir bezichtigt habe."

Sonja weigert sich.

Der Pfarrer, der sie getauft hat, klingelt bei ihr und bittet um ein Gespräch. Ob ihre jugendliche Fantasie nicht mit ihr durchgegangen sei? Der Pfarrer bietet an, mit ihr gemeinsam den Vater im Gefängnis zu besuchen.

Woher will der Pfarrer wissen, dass sie lügt, warum mischt er sich ein?

Sonja tritt aus der Kirche aus.

Sie denkt sich: Das Gericht hat ihn verurteilt, die müssen doch dem Gericht glauben. Sie will endlich Ruhe haben.

Wenn sie die Lüge gesteht, denkt Sonja, lässt die Freundin sie fallen, dann wäre sie ganz allein

Am Tag vor ihrem 18. Geburtstag bekommt Sonja Post aus dem Gefängnis. Einen maschinengeschriebenen Brief vom Vater, von der Haftanstalt mit Datumsstempel versehen. Sonja liest: "... möchte ich Dir zu Deinem 18. Geburtstag recht herzlich gratulieren ...", "... mache ich mir große Sorgen um Dein Wohlergehen ...", "... daß ich mich damals für Deine Noten nur deshalb interessiert habe, da Du mir immer wichtig warst ..."

Sonja ist starr vor Schreck.

Sie hat zu der Zeit eine Freundin, die ihr Halt gibt, sie ist die Einzige. Wenn sie ihre Lüge gesteht, denkt Sonja, wird die Freundin sie fallen lassen. Dann wäre sie ganz allein.

Die Lüge klebt an ihr. Sonja macht weiter, immer weiter.

Von ihrem Bruder erfährt sie, dass ihr Vater es abgelehnt hat, ein Formular für die Prüfung der vorzeitigen Haftentlassung zu unterschreiben. Es enthielt einen Satz, in dem er ein Schuldeingeständnis sah.

"Er zieht das durch, und ich kann immer noch nicht sagen, dass ich gelogen habe", denkt sie. Es ist eine Spur Bewunderung dabei. Das hält sie nicht davon ab, kurz vor Ablauf der vollen sieben Jahre an die Justizvollzugsanstalt Straubing zu schreiben.

Sonja tippt in den Computer: "Sie können sich gar nicht vorstellen, unter welchem enormem psychischem Druck und unter welcher Angst und Sorge ich stehe!!! Ich möchte gerne von Ihnen den größtmöglichen Schutz erfahren, den ich nach seiner Entlassung haben kann. Ich habe wirklich sehr große Angst und traue ihm auch alles zu!!!"

Der Brief schützt sie vor der Begegnung mit dem Vater, der sich, für fünf Jahre nach Haftentlassung der Führungsaufsicht unterstellt, ihr nun höchstens auf 200 Meter nähern darf.

Drei Jahre nachdem ihr Vater aus der Haft entlassen ist, lernt Sonja Faust ihren späteren Mann kennen. Sie bekommen einen Sohn, sie kaufen ein Haus. Sonja Faust hat nun selbst eine Familie. Sie ist Mutter. Sie wird ihrem Kind beibringen müssen, was richtig ist und was falsch im Leben. Eines Tages wird ihr Kind fragen, wer sein Großvater ist. Was soll sie dann sagen?

Als sie die Hochzeit und die Taufe vorbereiten, hat sie das Gefühl, dass etwas fehlt. Sehnsucht wäre ein zu großes Wort. Aber sie schreibt ihrem Vater einen Brief: "Du bist Opa geworden." Sie lädt ihn in die Kirche ein. "Trotz allem bist und bleibst Du mein Vater", schreibt sie, "und daran kann man nichts ändern, und deshalb hätte ich Dich auch gerne dabei." In den Umschlag steckt sie zwei Babyfotos.

Er antwortet, er freue sich, dass sie den Mann fürs Leben gefunden habe. "Ich sehe mich aber seelisch nicht in der Lage, ohne Rücknahme Deiner Anschuldigungen zu Deiner/Eurer Hochzeit zu kommen." Der Brief bereitet ihr noch mehr Gewissensbisse. Niemandem kann sie von ihrer Not erzählen, auch ihrem Mann nicht. Sie heftet den Brief ab, in dem Ordner, in dem sie alle Unterlagen verwahrt, die mit der angeblichen Vergewaltigung zu tun haben.

"Ich war wie ein Eiterherd"

Sonja Faust hat jetzt ein Zuhause, wie sie es sich gewünscht hat, aber das Familienleben bekommt ihr nicht. Das Kind, das Haus, der Mann ständig bei der Arbeit oder beim Sport. Sie nimmt acht Kilo ab, wiegt noch 46 Kilo bei 1,68 Meter Körpergröße. Sie entwickelt einen Putzwahn, brüllt Handwerker an, wenn sie nicht nach ihren Vorstellungen arbeiten. Ihren Mann ohrfeigt sie, tritt nach ihm. Sie explodiert und spürt, dass ihre Ehe scheitern wird wie die ihrer Eltern, wenn sich nichts ändert.

"Ich war wie ein Eiterherd", sagt Sonja Faust.

Der Eiter ist die Lüge, die rauswill.

Die beiden beginnen eine Paartherapie. Die Therapeutin fragt sie, was es sei, das in ihr brodele.

Bei einem Abendessen mit ihrem Mann, endlich, erzählt sie alles. Er hört zu, anderthalb Stunden lang. Er ist entsetzt. Und er sagt: "Gott sei Dank, jetzt bist du es endlich los."

Es ist ihre Befreiung. Und der Beginn neuer Probleme.

Sonja Faust will alles geraderücken, so schnell wie möglich. Gleichzeitig will sie nicht ins Gefängnis, das will sie ihrem Sohn nicht antun.

Die Paartherapeutin besorgt ihr einen Rechtsanwalt. Er beruhigt sie: Zwei Jahre auf Bewährung, mehr hat sie nicht zu befürchten. Allerdings ist auch zu erwarten, dass der Staat das Geld, das er an Sonja Fausts Vater zu zahlen haben wird – Haftentschädigung, Verdienstausfall, Rentenversicherungsbeiträge –, von ihr zurückfordern wird. Das kann in die Hunderttausende gehen.

Das Haus der Fausts ist kreditfinanziert. Wenn der Staat Ernst macht und seine Forderung durchbekommt, müssen sie es verkaufen. Sonja Faust und ihr Mann sind sich einig, dass sie alles akzeptieren werden, alles außer Gefängnis. Vielleicht hat sie auch deshalb so eine Angst vor einer Haftstrafe, weil sie aus den Erzählungen des Bruders weiß, wie schrecklich das ist.

Es ist ein Nachmittag im Mai 2009, als Sonja Fausts Mann die Nummer seines Schwiegervaters wählt, mit dem er noch nie gesprochen hat. Dieter Gill hebt ab. Er ist also zu Hause. Sonja Fausts Mann legt wieder auf, sie setzen ihren Sohn in die Babyschale und steigen ins Auto.

Ihr Mann setzt sie bei der Wohnung des Vaters ab. Sie drückt die Klingel, an der ihr Mädchenname steht, und sagt in die Gegensprechanlage: "Hallo, Papa. Ich möchte gern mit dir reden."

Der Vater, älter, grauer, als sie ihn in Erinnerung hat, öffnet die Tür. Anderthalb Stunden gehen sie spazieren.

Sie könne ihm die verlorenen Jahre nicht wiederbringen, sagt Sonja Faust. Aber sie wolle vor Gericht alles geraderücken, damit er aus der Kartei der Sexualstraftäter gelöscht wird. Sie will ihm sein Gesicht zurückgeben.

Es wird noch vier Jahre dauern, bis Sonja Faust an einem Oktobermorgen eine schwarze Perücke aufsetzt und sich auf den Weg nach Memmingen macht. Vier Jahre des juristischen Hin und Hers, in denen sie Angst hat, dass man ihr, die endlich nicht mehr lügt, die Wahrheit nicht abnimmt. Der Verteidiger ihres Vaters befragt sie zwei Tage lang. Eine neue Gutachterin überprüft ihre Glaubwürdigkeit. Diesmal fragt die Sachverständige genau nach. Ihr Gutachten ist 291 Seiten lang.

In all den Jahren ist es für Sonja Faust zu einem Automatismus geworden, ihre Lüge zu wiederholen. Jetzt sorgt sie sich, die alten falschen Worte könnten sich in ihre Sätze schleichen.

Sie darf ihren Vater in diesen vier Jahren nicht sehen. Sie sind Beteiligte eines Verfahrens, niemand soll argwöhnen, er übe Druck auf sie aus. In dieser Zeit bekommt Sonja Faust zwei weitere Kinder. Sie gibt sich Mühe, ihren Kindern eine gute Mutter zu sein. Sie hält sich selbst dazu an, sie zu loben. Von ihren eigenen Eltern wurde sie nie gelobt, sagt sie. Aber sie weiß, dass Kinder Lob brauchen. Manchmal muss ihr Mann sie daran erinnern.

Wenn sie den Kindern sagt, dass man nicht lügen darf, kommt ihr das seltsam vor. Ausgerechnet sie.

Im Gerichtssaal in Memmingen fragt die Vorsitzende Richterin: "Was ist für Sie heute das Schwierigste?"

Sonja Faust antwortet: "Die Schuldgefühle meinem Bruder gegenüber", dann macht sie eine Pause und fügt hinzu: "und meinem Vater gegenüber."

Am Ende der Zeugenvernehmung sagt die Richterin: "Frau Faust, wir zollen Ihnen Respekt, dass Sie diesen Weg gegangen sind."

Als das Urteil verkündet wird, ist Sonja Faust wieder daheim. Im Radio hört sie: Der Vater ist freigesprochen.

Sonja Faust muss kein Strafverfahren fürchten, was sie getan hat, ist verjährt. Aber die Oberstaatsanwältin hat in ihrem Plädoyer gesagt: "Selbstverständlich wird der Freistaat Bayern sich alles, was er an Entschädigungen zu zahlen hat, bei ihr wiederholen. Verurteilt kann sie nicht mehr werden, aber sie hat die Lebensgrundlage ihrer Familie aufs Spiel gesetzt durch den Widerruf."

Sonja Faust läuft mit Kopfschmerzen durchs Haus.

Warum hat Sonja ihm das angetan?

Sie ist erleichtert, dass sie ihre Aussage hinter sich gebracht hat. Aber die Schuld ist nicht weg, wahrscheinlich wird sie für immer bleiben.

Ist das jetzt gerecht, fragt sie sich, dass sie alleine die Verantwortung tragen soll? Nicht die schlampigen Gutachter? Nicht das Gericht, das sich bereitwillig auf die Gutachter verlassen hat?

Im Treppenaufgang hat sie Familienfotos aufgehängt, es ist eine Art Stammbaum. Auch ein Foto des Vaters ist dabei. Manchmal fragt der große Sohn: "Wer ist der Mann?"

Bisher hat Sonja Faust immer gesagt: "Das ist der Opa", und war froh, dass keine Nachfragen kamen.

Jetzt überlegt sie, wie viel Zeit sie wohl verstreichen lassen soll, bis sie ihren Vater anruft. Was ist in so einem Fall angemessen? Eine Woche? Zwei?

Sie wünscht sich sehnlichst, dass sie wieder einen Vater hat und die Kinder einen Opa haben. Sie will, dass sie wieder eine Familie werden. Auch wenn sie im Moment nicht weiß, wie das gehen soll.

von Tanja Stelzer

Der Vater

Dieter Gill glaubte immer, das Leben belohnt diejenigen, die sich anstrengen. Das wollte er seiner Tochter mitgeben. Sonja war ein begabtes Kind, sportlich, intelligent, außerdem hübsch. Gill wollte, dass sie etwas aus sich macht. Doch ihr rebellischer Charakter stand ihr im Weg. Von mir hat sie das nicht, dachte Gill. Er ist niemand, der auf Umsturz sinnt. Er will, dass die Dinge in ihrer vorgesehenen Ordnung bleiben.

Der 29. Oktober 2013 sollte der Tag des Triumphes werden, auf den er 17 Jahre lang gehofft hatte. Endlich würden alle erfahren, dass er das Opfer einer unglaublichen Lüge war.

Am Morgen hat er Sekt kalt gestellt. Jetzt sitzt er bei einer Pizza vor dem Fernseher, sieht die Nachrichten, in denen sie seinen Freispruch melden, und hat keine Lust auf den Sekt.

Gill kann die Erleichterung nicht feiern. Er denkt an seine Tochter. Wird sie das alles verkraften? Vormittags im Gerichtssaal hat Sonja geweint und geschluchzt. Dreimal musste der Anwalt ihr ein Taschentuch reichen, während die Vorsitzende Richterin von ihr wissen wollte, wie in Gottes Namen sie als junges Mädchen auf die Idee gekommen sei, ihren Vater der Vergewaltigung zu beschuldigen. Ob sie nicht begriffen habe, welche Folgen das haben würde.

Sonja, die in Wahrheit anders heißt, ist jetzt 33 und selbst Mutter. Aber sie weint immer noch wie das Mädchen, das sie mal war, denkt Gill. Wird sie es schaffen, trotz allem ein gutes Leben zu haben? Dass Gill sich das fragt, ist vielleicht merkwürdig, denn er ist es ja, der dieses Martyrium hinter sich hat. Aber sie ist seine Tochter.

Warum hat Sonja ihm das angetan? Muss er sich fragen, was er falsch gemacht hat? Wann wurde die Weiche in Richtung Katastrophe gestellt? Diese Gedanken gehen ihm an diesem Abend durch den Kopf, am Tag der Wahrheit.

Im Februar 1980 bekommt Gill einen Anruf von seiner Frau aus Sonthofen. Seine Tochter sei jetzt auf der Welt. Er wäre bei der Geburt gern dabei gewesen, aber er musste im 110 Kilometer entfernten Bad Wörishofen bleiben, wo er gerade seine Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister abschließt. Am nächsten Tag fährt er in die Klinik und hält zum ersten Mal seine Tochter auf dem Arm. Sie scheint ihm ein außergewöhnlich schönes Baby zu sein.

Gill ist damals 29 Jahre alt. Seine Frau wird sich zu Hause um Sonja kümmern, er wird das Geld verdienen. Er will ein guter Vater sein. Aber Sonja und er werden nicht glücklich miteinander.

Kurz bevor seine damals 14-jährige Tochter behauptet, er habe sie vergewaltigt, verbringt Gill eine Woche mit ihr und ihrem jüngeren Bruder an der Côte d’Azur in einem Hotel mit Swimmingpool. Auf dem Film, den Gill mit der Videokamera aufnimmt, ist Sonja zu sehen. Sie knutscht im Pool mit einem Jungen. Gill freut sich, dass seine Tochter beim anderen Geschlecht gut ankommt, aber dieses Verhalten findet er seltsam. Sonja kennt den jungen Mann doch gar nicht. Er sagt ihr das, und sie giftet ihn an, wie eigentlich immer in dieser Zeit. Als er aber einmal diskret einer der hübschen Hotelangestellten hinterhersieht, macht sie einen Aufstand. Die Pubertät, glaubt Gill, das Mädchen ist durcheinander. Sie wird schon zu sich finden.

Zwei Monate später, im Herbst 1994, sitzt er Sonja in einer jugendpsychiatrischen Klinik gegenüber. Sie behauptet allen Ernstes, er habe sie vergewaltigt. Gill erinnert sich, dass die Therapeuten ihn ansehen, als müssten sie Sonja vor ihm schützen. Er sagt: "Sonja, das stimmt doch gar nicht." Sie ruft: "Doch, das stimmt!", und haut mit der Faust auf den Tisch.

Am 16. Juli 1996 beginnt der Prozess vor dem Landgericht Kempten. Die Anklage wird verlesen, Sonja wird befragt. Gill sitzt auf der Anklagebank. Er hört, wie seine Tochter von seinem Geschlechtsteil spricht, das er in sie hineingesteckt habe.

Zwei Glaubwürdigkeitsgutachterinnen halten Sonjas Angaben für wahr. Gill wundert sich, dass sie seine Tochter offensichtlich kein einziges Mal gefragt haben, ob sie die Unwahrheit sagt. Diese Frage scheint auch der Vorsitzende Richter Sonja nicht zumuten zu wollen. Gill, dem Angeklagten, schnürt es die Kehle zu vor Ekel und Entsetzen bei der Vorstellung, seiner Tochter diese Dinge anzutun.

Sein Verteidiger, dem er das fünfstellige Honorar bar in seine Kanzlei in einer Münchner Prachtstraße bringen musste, streitet sich mit dem Richter um irgendein Detail, irgendeinen Paragrafen. Gill überblickt das nicht. Er denkt: Mein Schicksal liegt in den Händen dieser Leute, doch es geht hier gar nicht um mich. Es geht um Juristen und ihr Gehabe. Aber gut, diese hohen Herren, Studierte, Doktoren, werden sich ja wohl nicht hereinlegen lassen von einer verstörten Jugendlichen mit kruden Fantasien.

Am zweiten Prozesstag, einem Freitag, wird Gill im Gerichtssaal wegen dringenden Tatverdachts verhaftet. In Handschellen wird er im Polizeipräsidium von Kempten in eine Viermannzelle geführt. Er ist so unvorsichtig, den anderen Häftlingen zu sagen, er werde beschuldigt, seine Tochter vergewaltigt zu haben. Als er sich auf der Pritsche ausruht, merkt er, dass sich jemand über ihn beugt. Er schlägt die Augen auf. Vor seinem Gesicht sieht er zwei Finger. "Ich stech dir die Augen aus, du Kinderficker", sagt einer der Totschläger, mit denen er hier einsitzt.

Am Montagmorgen steht Gill wieder im Gerichtssaal. Er trägt noch dasselbe Hemd, das er am Freitag aus dem Schrank geholt hat. Am Abend wird das Urteil gesprochen: sieben Jahre Haft wegen Vergewaltigung in drei selbstständigen Fällen, jeweils in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch eines Kindes. Sieben Jahre, das sind 2.556 Tage.

"Bitte glauben Sie mir"

Gill ist jetzt ein verurteilter Vergewaltiger, aber er will in seiner Tochter keinen schlechten Menschen sehen. Sie ist überfordert, sie kommt nicht zurecht, denkt er. Ihre Mutter, von der Gill sich getrennt hat, hat Brustkrebs und wird sterben. Schon als Kind war Sonja schwierig, ganz anders als andere Kinder. Aber woher kommt diese Wut auf ihn? Gill wird auch in den folgenden 17 Jahren keine Erklärung finden, nur ein paar Erinnerungen.

Einmal, Sonja ist damals etwa fünf Jahre alt, klettert sie eine Rutsche hoch und bleibt oben wie erstarrt stehen. Gill sieht, wie die anderen Kinder sie drängen, hinunterzurutschen. Sie aber scheint gar nicht wahrzunehmen, was um sie herum passiert. Dann plötzlich kommt sie zu sich.

Das Kind braucht mehr frische Luft, denkt Gill. Es muss in einen Sportverein, Bewegung hilft. Gill ist sportlich, er weiß das.

Seine Frau sieht es anders. Sie bringt Sonja zu einer Therapeutin, die sie wegen der Absencen behandeln soll. Blödsinn, denkt Gill. Seine Tochter ist doch nicht verrückt.

Die Therapeutin ist Mitglied in einer spirituellen Gruppe, für die Sonjas Mutter sich bald auch begeistert. Gott nennen sie dort "Hu", sie singen Liebeslieder für ihn. Sonja fährt mit ihrer Mutter ein- bis zweimal in der Woche zur Therapiestunde und an vielen Wochenenden zu den Treffen der Gruppe. Gill wäre es lieber, seine Tochter würde in die Kirche gehen, wie alle anderen. Aber seine Frau nennt Pfarrer abfällig "Kuttenbrunzer". Wenn sie mit Sonja am Samstagmorgen zu den Treffen fährt, stellt sie ihm manchmal ein paar Kartoffeln und eine Schale mit Quark hin, damit er was zum Mittagessen hat.

Sonja will jetzt nur noch selten mit ihrem Vater Fahrrad fahren, sie geht nicht mehr mit ihm zum Schwimmen und zum Skilaufen. Früher hat ihr das doch Spaß gemacht. Ihr Bruder spielt im Fußballverein mit, weil Gill ihm das vorgeschlagen hat, und fährt samstags zu Turnieren.

Sonja dagegen ist bockig und schnell wütend auf ihren Vater. Sie muss lernen zu folgen, denkt er. Sie soll doch gute Noten schreiben, soll ihre Hausaufgaben machen, ihr Zimmer aufräumen. Aber sie will nicht. Ständig wirft sie ihm vor, dass er sie nicht verstehe. Sie ist noch ein kleines Mädchen, und doch erinnert sie ihn schon an seine ewig meckernde Frau, mit der Gill sich jetzt fast jeden Tag darüber streitet, was für Sonja richtig ist.

Ginge es nach seiner Frau, würde alles, worauf es ihm ankommt, in seinem Haus nichts mehr zählen: Vernunft, Strenge mit sich selbst und anderen. Er sagt: Sonja, komm, wir lesen etwas. Seine Frau sagt: Du setzt sie unter Druck. Er sagt: Sonja, wir gehen Tennis spielen. Seine Frau sagt: Lass sie in Frieden.

Sie behauptet jetzt, sie habe ihn nur geheiratet, weil sie schwanger war. Sie sagt das, als Sonja danebensteht. Er weiß nicht, wohin mit seinen Zweifeln an den mütterlichen Fähigkeiten seiner Frau. Ist Kindererziehung nicht etwas, das Frauen von Natur aus können?

Gill beginnt eine Weiterbildung. Er will sich beim Landratsamt als Verwaltungsangestellter bewerben. Es wäre ein Aufstieg, er würde mehr Geld verdienen. Aber er muss dafür abends und am Wochenende viel lernen. Gill nimmt das auf sich, um besser für seine Familie sorgen zu können.

Die Zahlenkolonnen vor Augen, gelingt es ihm, den Gedanken zu verdrängen, dass Sonja, noch ein Grundschulkind, versucht hat, sich umzubringen. Sie hat sich in den Schnee gelegt, um zu erfrieren. Auch wenn er auf dem Tennisplatz steht und Bälle schlägt, fühlt er sich besser.

Am besten fühlt er sich, wenn er mit Angelika zusammen ist, die er im Schwimmbad kennengelernt hat.

Sie ist zwei Jahre älter als er, hat eine ruhige und besonnene Art und arbeitet als Sekretärin in einer Klinik. Sie hat sich etwas aufgebaut, das gefällt ihm.

Gill gibt sich wenig Mühe, seine Bekanntschaft vor seiner Frau zu verheimlichen. Einmal geht er abends aus dem Haus, um Angelika zu besuchen, und sieht, wie seine Frau aus dem Kinderzimmerfenster zu ihm hinunterschaut und mit dem Finger auf ihn zeigt. Neben ihr steht Sonja.

Heute denkt er, er hätte sich früher von seiner Frau trennen sollen. Klare Verhältnisse hätte er schaffen müssen, um Sonja weniger zu belasten. Entscheiden, sprechen, handeln, so macht man das. Er hat es versäumt.

Nach dem Prozess wird Gill in die Justizvollzugsanstalt Straubing gebracht, ein Gefängnis für Schwerverbrecher. Es gibt einen fünftägigen Zwischenstopp in Stadelheim in München. Warum, weiß Gill nicht. Daran wird er sich gewöhnen: Als Häftling hat er kein Recht, Ursachen und Gründe zu erfahren.

Zu der Ärztin auf der Krankenstation von Stadelheim sagt Gill: "Ich bin unschuldig, bitte glauben Sie mir." Er erzählt, sie hört zu. Dann sagt sie: "Ich glaube Ihnen." Gill bricht zusammen. Er kann nicht aufhören zu weinen.

Er weint auch, wenn er fast 20 Jahre danach seine Erinnerungen beschreibt. Gill trägt ein gebügeltes Hemd, er sitzt auf dem Sofa, gelehnt an Angelikas Häkelkissen. Von der gemeinsamen Wohnung im achten Stock eines Hochhauses hat er einen freien Blick in den Himmel und auf die Berge, in denen dicke Herbstwolken hängen.

Angelika und er haben 1998 im Gefängnis in Straubing geheiratet. Keinen Tag hat sie geglaubt, dass er schuldig ist. Sie hat ihn jede Woche in Straubing besucht. Das Gefängnis ist knapp fünf Zugstunden von Sonthofen entfernt. Angelika steht jeden Samstag um vier Uhr auf. Sie teilt sich die zwei Stunden Besuchszeit pro Monat so ein, dass sie ihn viermal eine halbe Stunde lang sehen kann.

Vor jedem Treffen mit seiner Frau muss Gill sich ausziehen. Nackt steht er vor den Vollzugsbeamten. Nach dem Besuch wieder: Hose runter, damit sie sehen können, dass seine Frau ihm nichts zugesteckt hat, obwohl ja bei den Treffen immer ein Beamter dabei ist. Gill sehnt sich nach Angelika, aber diese Demütigung macht ihn fertig. Er schweigt und joggt im Gefängnishof, um nicht auszurasten.

Gill trägt jeden Tag eine grüne Hose, ein grünes Hemd und die Häftlingsschuhe. Will er seine Pflanzen umtopfen, muss er einen Antrag schreiben. Die Anträge werden manchmal vergessen. Der Strafgefangene Gill, Dieter, Justizvollzugsanstalt Straubing, füllt ein neues Formular aus: "Ich beziehe mich auf meinen Antrag aus dem letzten Monat und bitte erneut um das Umtopfen von zwei Pflanzen in größere Töpfe."

Mit den anderen Häftlingen spricht er wenig. Die drei, mit denen er sich eine Zelle teilt, finden trotzdem heraus, weswegen er verurteilt wurde. Sie schlagen den vermeintlichen Kinderschänder zusammen.

Sieben Jahre ohne Sinnesfreuden

Nach zwei Jahren bekommt Gill eine Zelle für sich allein. Der Nachteil ist, dass jetzt das Klo nicht mehr vom Raum abgetrennt ist, sondern mitten in der Zelle steht. Er weiß, dass Zimperlichkeiten hier fehl am Platz sind, aber es widerstrebt ihm, im selben Raum zu essen, zu schlafen und aufs Klo zu gehen.

Sieben Jahre Gefängnis bedeuten: kein gemeinsames Einschlafen, kein gemeinsames Aufwachen mit der Frau, die er liebt. Sieben Jahre kein Sex. Kein Kuss, ohne dass einer der Beamten zusieht. Es bedeutet: keine Sinnesfreuden mehr. Mieses Essen, immer dieselben Gerüche, derselbe Blick aus dem Fenster, dieselben Gesichter.

Gill bringt es nicht fertig, Sonja zu hassen. Zu ihrem 18. Geburtstag schreibt er ihr einen Brief, der mit den Worten schließt: "Es grüßt Dich Dein Vater, der Dich trotz allem noch lieb hat und noch an das Gute in Dir glaubt."

An den Vorsitzenden Richter, der ihn verurteilt hat, geht der Brief: "Ich muss es Ihnen wieder schreiben, dass Sie auch Sonja mit dem Urteil großen Schaden zugefügt haben, denn wie soll sie mit dieser Lüge ein ganzes Leben zurechtkommen, selbst wenn sie die Lüge eines Tages zugibt?"

In der Zeitung liest Gill von einem vier Jahre lang unschuldig Inhaftierten, der nach seiner Entlassung den Richter erschoss. Das darf ihm nicht passieren. Gill wird sich nicht vergessen. Er wird seine Unschuld beweisen. In der Gefängnisbibliothek leiht er sich die Strafprozessordnung aus.

Tennisfreunde gründen den Unterstützerkreis "Gerechtigkeit für Dieter Gill"

Er beantragt, eine Schreibmaschine erwerben zu dürfen. Im Bücherregal über seiner Pritsche reihen sich die Leitz-Ordner mit den Protokollen und Gutachten aus seinem Prozess, mit den Briefen, die er an diverse Gerichte schreibt. Er findet so viele Widersprüche in Sonjas Aussagen, so viele Mängel in den Gutachten, das muss den Leuten doch auffallen, denkt er.

In einem flüchtigen Bekannten aus dem Tennisclub, einem ehemaligen Oberstleutnant der Bundeswehr, findet Gill einen Mitstreiter. Der Tennisfreund gründet den Unterstützerkreis "Gerechtigkeit für Dieter Gill". Seine Mitglieder treffen sich jeden Mittwochabend, um Beweise zu sammeln, die für einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens nötig sind.

Die Unterstützer erreichen, dass ein bekannter Hamburger Anwalt Gills Verteidigung übernimmt. Im Jahr 2001 beantragt er die Wiederaufnahme, Gill hat zu diesem Zeitpunkt zwei Drittel seiner Strafe abgesessen. Gerade hat er sich geweigert, das Gesuch um die Aussetzung seiner Reststrafe zu unterschreiben. In dem Formular stand ein Satz, der einem Geständnis gleichkommt. Gill will keine Milde. Er will einen Freispruch.

Er bekommt einen Brief seines Verteidigers: Das Landgericht Memmingen verwirft die Wiederaufnahme als unzulässig. Gill setzt sich an seine Schreibmaschine und hackt eine Antwort an den Rechtsanwalt in die Tasten: "Ihre Zeilen vermitteln mir natürlich nur wenig Hoffnung und sind wohl eher dazu geeignet, den Lebensmut zu verlieren. Ich werde aber trotzdem versuchen, das mir zugefügte immense Unrecht und die damit verbundenen seelischen Qualen weiter zu ertragen und weiter zu kämpfen."

Der Verteidiger legt gegen die Ablehnung des Wiederaufnahmeantrags Beschwerde beim Oberlandesgericht München ein. Das Gericht weist sie als unbegründet zurück.

Dieter Gill wollte immer dort leben, wo er geboren wurde, wollte eine Frau haben. Er wollte Kinder haben. Er wollte Tennis spielen und eine ordentliche Arbeit, das darf man vom Leben ja wohl verlangen.

Stattdessen sitzt er jetzt in einem Hochsicherheitsgefängnis und bettelt das Bundesverfassungsgericht an, ihm zu glauben, dass er seine Tochter nicht vergewaltigt hat. Die Hüter der deutschen Verfassung lehnen die Annahme zur Entscheidung ohne Begründung ab.

Gill verbüßt jeden einzelnen Tag seiner Haftstrafe. Am 25. Juli 2003 kommt er frei.

Es klingelt an der Tür. Durch die Gegensprechanlage hört er: "Hallo, Papa." Es ist Sonja. "Ich möchte gern mit dir reden", sagt sie. "Moment", stammelt er, "ich bin verabredet, ich sage das ab." Er muss seinem Tenniskameraden Bescheid geben, Ordnung muss sein. Vor allem aber muss er für einen Moment einfach nur dastehen und sich sammeln.

Unten vor der Tür erschrickt er, wie dünn Sonja ist. Er hat sie zuletzt vor 13 Jahren im Gerichtssaal gesehen. Sie war ein junges Mädchen damals, und er trug Handschellen und rief ihr zu: "Ich liebe dich trotzdem, Sonja."

Sie gehen ein paar Schritte. Dann sagt sie, es tue ihr unendlich leid, was sie ihm angetan habe. Sie wisse, dass sie nicht mehr alles gutmachen könne, aber sie wolle wenigstens das gutmachen, was jetzt noch möglich sei.

Gill denkt: Warum hat sie die Lüge immer wieder erneuert? Warum hat sie kurz vor seiner Entlassung an die JVA Straubing geschrieben, sie habe Angst vor ihm, sodass er strengere Auflagen für die fünf Jahre Führungsaufsicht bekam? Er denkt daran, was Angelika aushalten musste, er denkt an seine Mutter, zu deren Beerdigung er drei Tage vor seiner Entlassung nicht durfte, weil er sie schon zwei Wochen zuvor am Sterbebett besucht hatte. Er hat nach der Haft keinen Job mehr gefunden, er nimmt Psychopharmaka, er kann nicht schlafen, und wenn doch, hat er Albträume. Aber muss ein Vater seiner Tochter nicht alles verzeihen?

Sonja fällt ihm zum Abschied um den Hals. Seine Arme hängen herunter.

Er nimmt sich einen neuen Verteidiger, wieder einen prominenten Strafrechtler, und beauftragt ihn, einen erneuten Antrag zur Wiederaufnahme des Verfahrens zu stellen. Als der Rechtsanwalt ihm rät, bis zur Gerichtsverhandlung keinen Kontakt zu Sonja zu haben, ist er fast erleichtert.

Auch jetzt, da Sonja die Vorwürfe widerruft, ist der juristische Kampf für Gill noch nicht gewonnen. Man könnte ihm unterstellen, er habe seine Tochter beeinflusst. Inzwischen kennt er die Justiz. Er weiß, dass das Gericht versuchen wird, sein Urteil um jeden Preis zu halten.

Es dauert noch einmal vier Jahre, bis die Rechtskraft des Fehlurteils am Dienstag vergangener Woche, am 29. Oktober 2013, beseitigt wird. Gill hat eine Entschädigung vom Freistaat Bayern zu erwarten. 25 Euro pro Hafttag, dazu Verdienstausfall, Anwaltskosten und einiges mehr.

Die Liste der Leute, denen Gill ihre Schuld nachsehen muss, ist lang.

Er weiß noch nicht, ob er den Bekannten aus dem Tennisclub verzeihen kann, die ihm die Hand nicht mehr geschüttelt haben, seit er aus der Haft entlassen wurde.

Er weiß nicht, ob er den fahrlässigen Gutachterinnen verzeihen kann, von denen eine immer noch als Kinder- und Jugendpsychiaterin arbeitet. Es wird ihm schwerfallen, der Memminger Oberstaatsanwältin, die den Wiederaufnahmeantrag trotz Sonjas Widerruf zunächst für unzulässig hielt, ihre Feindseligkeit nachzusehen.

Unvorstellbar erscheint es ihm, sich jemals mit dem Vorsitzenden Richter auszusöhnen, der ihn ansah, als wäre er Abschaum, und dessen vom deutschen Staat hoch bezahlte Urteilskraft durch ein paar Mädchentränen zunichtegemacht wurde.

Dieser Richter ruft am Tag nach dem Freispruch morgens um Viertel nach acht bei Gill an. Er bittet um ein Treffen, sie beide verbinde doch ein Schicksal. "Ich überlege es mir", sagt Gill. Er zittert vor Wut, als er auflegt. Er fragt sich, warum der Richter es so eilig hat. Will er seine nun erwiesene Schuld wieder loswerden? Will er Sonja dafür verantwortlich machen, dass die Justiz ihre Anschuldigungen nie überprüft hat?

Gill will versuchen, Frieden zu schließen, aber er will sich nicht drängen lassen. Er hat 17 Jahre lang gewartet, dass man ihm Glauben schenkt. Er wird jetzt derjenige sein, der das Tempo vorgibt. Er muss den Juristen nicht mehr hinterherrennen, ihre Fristen einhalten, ihre Formulare ausfüllen. Die Juristen sollen sich jetzt gedulden, während er sich überlegt, was als Nächstes kommt.

Er will damit beginnen, seiner Tochter zu vergeben. Er will, dass sie wieder eine Familie werden. Auch wenn er im Moment nicht weiß, wie das gehen soll.

von Elisabeth Raether