DIE ZEIT: Herr Thierse, kann die Kirche Demokratie?

Wolfgang Thierse: Kirche kann Demokratie vielleicht weniger als andere Institutionen, aber auch die anderen funktionieren ja nicht durchweg nach demokratischen Prinzipien: ob Zeitungen, Unternehmen, Krankenhäuser. Nur die Politik muss gänzlich demokratisch sein.

ZEIT: Was erhoffen Sie als Katholik sich von der Umfrage des Papstes?

Thierse: Es gibt auch in der katholischen Kirche bereits demokratische Strukturen wie Synoden, Konzilien, Laiengremien. Ich wünsche mir, dass die gestärkt werden und dass meine Kirche künftig weniger monarchisch geprägt ist als bisher. Ich wünsche mir, dass meine Bischöfe tatsächlich die Laien befragen, denn um sie geht es.

ZEIT: Welche Fragen des katholischen Zusammenlebens müssen am dringendsten diskutiert werden?

Thierse: Die Zurücksetzung der Frauen halte ich für ein großes Problem, auch die dramatische Differenz zwischen der Lebenspraxis vieler Katholiken und der kirchlichen Lehre, etwa zur Empfängnisverhütung oder zur Homosexualität. Pastorale Freundlichkeit reicht da nicht. Wir müssen fragen, ob die Lehre der Kirche nicht oft unbarmherzig wirkt. Deshalb sollten wir das Evangelium vor dem Horizont unseres heutigen Lebensverständnisses neu auslegen.

ZEIT: Am Ende des päpstlichen Fragebogens steht die Aufforderung, Vorschläge zu machen und selber aktuelle Herausforderungen zu benennen. Was würden Sie schreiben?

Thierse: Ich halte mich nicht für so wichtig, dass ich extra befragt werden müsste. Dafür haben wir auch in der Kirche das Prinzip der Repräsentation, genau wie in der Politik. Aber ich wiederhole meine Aufforderung an die Bischöfe, dieses Prinzip auch zu nutzen und eine repräsentative Meinung abzubilden, anstatt einfach selbst die Fragen zu beantworten – damit bei den normalen Katholiken nicht noch mehr Misstrauen entsteht.