So mancher ausländische Tourist, der ein paar schöne Tage in einer deutschen Ferienwohnung verbracht hat, weiß wahrscheinlich nicht, welchen Ärger er seinem Vermieter möglicherweise eingebrockt hat. Die Rechtsanwältin Astrid Auer bekommt immer mehr Fälle auf ihren Schreibtisch, in denen sich ein Feriengast einen Film oder ein paar Songs über das WLAN seines Gastgebers heruntergeladen hat, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Denn in fast allen Ländern der Europäischen Union ist der gelegentliche Download von Musik oder Filmen eine Bagatelle. Auer, die auf den Bereich des IT-Rechts spezialisiert ist, sagt: "In Deutschland könnte man es genauso machen." Macht man aber nicht. Hier werden Nutzer von Rechteinhabern streng verfolgt, wenn herauskommt, dass sie sich einen Beitrag von einer illegalen Tauschbörse gezogen haben. Die Technik macht es einem ziemlich leicht, etwas im Netz abzugreifen, was einem nicht gehört. Die Anonymität ist wie der Schutz der Dunkelheit. Man guckt zum Beispiel nicht so genau hin, warum ein aktueller Song umsonst zu haben ist. Wenn dann eine Abmahnung ins Haus flattert, ist bei vielen die Empörung groß. Eltern sind nicht selten über vierstellige Abmahnforderungen schockiert, wenn herauskommt, dass sich ihre Kinder über illegale Plattformen Musik aus dem Internet besorgt haben. Auch in WGs kommt es häufig vor, dass hohe Abmahnungen eintrudeln, in Deutschland sind es Schätzungen zufolge mindestens 100.000 Forderungen pro Jahr.

Es liegt ein Hauch von Wildem Westen über dem Recht im Netz. Jeder nimmt mit, was er bekommen kann. Der eine nutzt die Gelegenheit, sich illegal Dateien zu beschaffen. Und der Rechteinhaber greift sich, wen er gerade packen kann. Das ist meist der Nutzer.

Plötzlich soll man Unterlassungserklärungen unterschreiben, Schadenersatz zahlen und die Kosten des Abmahnanwalts übernehmen, die es häufig in sich haben. Und dann muss man auch noch selbst einen Anwalt bezahlen, der einem raten soll, wie man auf eine Abmahnung reagiert. Das Wort Abzocke ist in Internetforen dazu häufig zu lesen.

Recht und Rechtsempfinden passen im Internet nach wie vor nicht zusammen. Es wird kopiert, runtergeladen, gestreamt. Die meisten surfen mit halb geschlossenen Augen durchs Netz, ellenlange Lizenzvereinbarungen liest man lieber gar nicht, sondern klickt im Zweifel auf den Download-Button. Manches davon ist legal, manches nicht. Die Rechtsanwältin Auer meint: "Man müsste den Nutzer nicht kriminalisieren." Oft sei nicht sofort erkennbar, was illegal sei und was nicht.

Kopiert, runtergeladen, gestreamt

Das sieht Björn Frommer ein wenig anders. Seine Kanzlei vertritt viele große Produktionsfirmen, und sie ist eine der ganz großen, die aktiv abmahnen. Es gäbe tatsächlich günstigere Lösungen, aber nicht, "indem man die Selbstbedienung bagatellisiert, das geht vielleicht in kleinen Ländern, aber nicht im drittgrößten Musikmarkt der Welt, wie dem deutschen. Das würde die Branche noch mehr in Bedrängnis bringen."

Nur, das Recht kommt mit der Entwicklung der digitalen Welt kaum hinterher. Die Verletzungen im Urheberrecht werden mit Instrumenten verfolgt, die den Nutzer ziemlich willkürlich treffen. In vielen Fällen ist der illegale Download technisch gar nicht mehr nachzuverfolgen, vom Betreiber gar nicht zu reden. Wird ein illegaler Download aufgespürt, muss der Nutzer häufig einen unverhältnismäßig hohen Schadenersatz zahlen.

Zwischen Technik und Recht ist längst ein Wettlauf entstanden. Der Streit um die Downloads ist auch deshalb eskaliert, weil im IT-Bereich die technischen Vorgänge überhaupt erst ins Recht eingeordnet werden müssen. Gerichte entscheiden hier oft noch sehr widersprüchlich. Da setzt das technische Fachwissen der auf das IT-Recht spezialisierten Rechtsanwälte an, die das nötige technische Wissen mitbringen. Seit 2006 gibt es sogar einen Fachanwalt für IT-Recht.