Für den Maler Max Beckmann, von den Deutschen noch immer hoch verehrt, waren zerfetzte Gesichter, zertrümmerte Beine, war das ganze blutige Schlachten, das am Ende mehr als 17 Millionen Menschenleben fordern sollte, vor allem eines: die allerschönste Inspiration. "Meine Kunst kriegt hier zu fressen", schrieb er von der Front. "Draußen das wunderbar großartige Geräusch der Schlacht, diese eigenartig schaurig großartige Musik. Wie wenn die Tore zur Ewigkeit aufgerissen werden, ist es, wenn so eine große Salve herüberklingt." Es beschere ihm ein "wildes, fast böses Lustgefühl, so mitten zwischen Tod und Leben zu stehen".

Heute ist der fast wilde, fast böse Beckmann als Coverboy zu bewundern. Sein Gesicht ziert den Katalog und auch die Plakate der großen Ausstellung, die gerade in Bonn begonnen hat und davon erzählt, wie sehr der Erste Weltkrieg die Kunst veränderte. Warum er zahllose Künstler in den Bann schlug. Ihren Stil verwandelte. Und der Moderne den entscheidenden Schub gab. Ohne den Krieg, so muss man die Ausstellung verstehen, wäre die Kunst eine andere. Der Militarismus malte mit!

Nicht nur Beckmann, auch Dix, Kirchner oder Macke waren entflammt. "Um Reinigung wird der Krieg geführt und das kranke Blut vergossen", schwärmte Franz Marc. Und Lovis Corinth war stolz, "dass heute deutsche Kunst an der Spitze der Welt marschiert". Max Liebermann wiederum entwarf für die patriotische Zeitschrift Kriegszeit ein Titelbild, es zeigt einen Trupp Soldaten, frohgemut ins Feld stürmend. Untertitel: Marsch, Marsch, Hurrah!!

Das weiß man doch, werden einige sagen. Oft schon gehört, die Sache mit dem Kriegsrausch der Künstler, Schreiber, Intellektuellen. So geballt aber wie jetzt in Bonn waren die blutige Gier (und das spätere Leiden daran) noch nie zu besichtigen. Viele Maler, die bis heute in Deutschland meist als Opfer gelten – verfolgt vom Hitlerregime –, lernt man hier neu zu sehen. Und die Moderne, eben noch progressiv, vermeintlich freiheitsliebend, erweist sich als janusköpfig. Sie bekommt ein zweites, gewaltverzerrtes Antlitz.

Denn was bedeutet es, wenn Kirchner auf die Insel Fehmarn reist, sich eine Grashütte und einen Einbaum baut, als träume er von einer anderen, unverdorbenen Welt, als suche er ein Südseeleben an der Ostsee? Was spricht aus dem Bild, das er dort 1912 malt, drei Segelboote und das offene Meer, das sich bedrohlich zur Kugel verformt, fast als würde es gleich aus dem Bild herausströmen und die Idylle mit sich reißen? Bei Kandinsky stößt derweil ein Reiter machtvoll ins Horn, unterwegs durch verworfene Farblandschaften. Picasso zerlegt malend Musikinstrumente bis zur Unkenntlichkeit. Das kommt einem heute kaum mehr bemerkenswert vor: Es sind klassische Bilder, viel zu gewöhnlich, um damit eine Ausstellung über den Krieg beginnen zu lassen. Und doch fängt sie so an.

Gewiss, der Kurator Uwe Schneede hätte auch eine Skulptur von Ernst Barlach in den ersten Raum stellen können, den Rächer, der in bösartiger, alles zerstörender Wucht sein Schwert gegen den Feind schwingt; es war Barlachs Antwort auf die Kriegserklärung der Engländer. Doch derart martialisch wurden damals die wenigsten Künstler. Viel eher nistete ihre Kampfeslust in dem, was heute unkämpferisch erscheint: im normalen Weltverdruss. 1909 schrieb Beckmann, ein Krieg wäre "für unsere heutige ziemlich demoralisierte Kultur gar nicht schlecht", weil so "die Instinkte und Triebe alle wieder mal an ein Interesse gefesselt würden". Er litt wie viele Künstler auch an der eigenen Freiheit, daran, dass in der Kunst alles denkbar erschien – und deshalb so wenig sinnvoll und notwendig. Im Krieg sollte sich das ändern.

Ästhetischer Extremismus schlug um in politische Wirklichkeit

Endlich hatten die Maler und Bildhauer wieder einen Auftrag, endlich konnten sie für etwas einstehen. Kunst war nicht länger nur Stil, sondern unterwegs in höherer Mission.

Dieses Geltungsfieber hatte sich allerdings rasch gelegt, auch das zeigt die Bonner Ausstellung. Nicht nur Beckmann hatte bald genug vom ersehnten "Leben". Nun beherrschte das Grauen viele Werke, verwüstete Landschaften bei Vallotton, bittere Trauer bei Kollwitz. Andere Künstler fanden sich auf den Trümmern ihrer eigenen Bildsprache wieder. So schrieb Fernand Leger, bekannt für seine kubistische, die Wirklichkeit zerstückelnde Malerei: "Etwas Kubistischeres als einen Krieg wie diesen gibt es nicht, wo ein Mann mehr oder weniger ordentlich in mehrere Stücke zerfetzt und in alle vier Himmelrichtungen geschleudert wird." Die Wirklichkeit hatte seine Bilder ad absurdum geführt. Oder zur Kenntlichkeit entstellt?

Lange träumte die Avantgarde vom radikalen Neuanfang. Ästhetischer Extremismus, das war der Traum, sollte umschlagen in politische Wirklichkeit – und machte so die Künstler empfänglich für die Extreme des Krieges.

Die Bonner Ausstellung verzichtet klugerweise aufs Moralisieren. Sie erzählt nur eine Kunstgeschichte, die anders ausgeht als üblich, blutiger. Hier stehen am Ende selbst jene Künstler, die gegen den Wahnsinn anrannten, als Kriegsgewinnler da. Denn was wäre aus den Dadaisten geworden ohne den Militarismus? Hätte es ihre überschäumende Lust am Unsinn, ihren Protest gegen Zucht und Ordnung überhaupt gegeben? Und was ist mit Duchamp, der mit seine Konzeptwerken alle ideologische Aufladung abstreifen wollte – ist seine Kunst denkbar ohne Verdun?

Mit diesen Fragen nach der vernichtenden und der pervers-produktiven Kraft des Krieges verlässt man die Ausstellung. "Meine Kunst kriegt hier zu fressen", hatte Beckmann geschrieben. Hier kriegt das Auge zu denken, lässt sich aus Bonn berichten.

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