Die Bilder sind unvergessen. Es sind Bilder, wie man sie aus der Pornoindustrie zu kennen glaubt: Eine junge, schöne Frau wird von Uniformierten in einen Käfig gesperrt. Sie trägt Handschellen und schlägt die Augen nieder. Ihr Vergehen ist weltbekannt: Sie hat einen der mächtigsten Männer der Erde beleidigt, Geschäftspartner des deutschen Altkanzlers Schröder, Herr über 143 Millionen Menschen und ein Drittel der Erdgasvorräte der Welt. In einem neostalinistischen Schauprozess wurde sie zu zwei Jahren Gulag verurteilt. Seither sitzt sie in ständig wechselnden sibirischen Straflagern, wartet, näht, hungert und wartet weiter.

Nadeschda Tolokonnikowa und ihre russische Band Pussy Riot führen neben den ukrainischen Femen die radikalste feministische Revolte Europas an. Beide Frauenpunkbewegungen konzentrierten sich bisher auf ihre Aktionskünstlerschaft und beschränken sich auf schlanke Forderungen: Verjagt Putin, die Ukraine ist kein Bordell, weg mit der Prostitution. Auf eine eigenständige Theorie der jungen feministischen Revolte hatte man noch gewartet.

Die hat nun ein erfahrener neomarxistischer Überbauveteran nachgereicht. Slavoj Žižek erläutert in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins in einem Briefwechsel mit der 23-jährigen Nadeschda Tolokonnikowa, inwiefern die Aktionen der Künstlerin "die versteckte Kontinuität zwischen Stalinismus und heutigem globalen Kapitalismus sichtbar macht". Er nennt die Inhaftierte ein wenig bundespräsidialhaft "unser aller kritisches Bewusstsein, das im Gefängnis sitzt", und befördert sie zur Portalsfigur eines "stabilen ethisch-politischen Standpunkts" – zu einer aufrechten Jeanne d’Arc im reißenden Strom des haltlosen männlichen Kapitalismus.

Die Antwortbriefe aus dem Lager, in Eile neben der Nähmaschine verfasst und von der Zensur kontrolliert, sprechen eine ungezähmtere Sprache. "Nicht mit den Fäusten, wie die alten Linken", schreibt Nadeschda Tolokonnikowa, "werden wir den Kapitalismus pauschal zurückweisen, produktiver wäre es, mit ihm zu spielen." Nicht Politik, sondern Performance möchte die junge Philosophin machen, nicht Märtyrerin des kritischen Bewusstseins, sondern Nachfolgerin der heiligen Narren, Wahnsinnigen und Kinder sein, die an das Wunder der Verwandlung glaubten. Standpunkte, gar stabile, gibt es für die junge Feministin nicht. Im Zweifel hat die immer schon irgendein Freund von Wladimir Putin bezogen.

Im Streit zwischen dem Starphilosophen und der jungen Frau im Gulag wiederholt sich der alte Streit zwischen dem gesicherten und dem ungesicherten Denken der Revolte, zwischen Helden und Außenseitern des Aufstands. Brilliert haben darin in der Regel die Helden, recht behalten aber die Narren.