DIE ZEIT: Frau Katzer, Sie forschen zum Thema Cybermobbing und bieten an Schulen Mobbingpräventionskurse an, um die Schüler für dieses Thema zu sensibilisieren. Hat das Mädchen Lea aus unserer Geschichte richtig reagiert?

Catarina Katzer: Absolut. Es war gut, so schnell und so konsequent einzuschreiten – und auch sehr mutig. Letztendlich kann es, je länger es geht, immer nur noch schlimmer werden. Es ist auch für die Täter wichtig, schnell Konsequenzen zu spüren und zur Verantwortung gezogen zu werden.

ZEIT: Der Gang zur Polizei war nicht übertrieben?

Katzer: Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt. Wir müssen in diesen Fällen auch Härte zeigen, das kann eine Anzeige sein – oder auch dadurch, dass ein Polizist in die Klasse kommt und mit den Schülern das Gespräch sucht. Jemanden von außen dazuzubitten, kann die Ernsthaftigkeit des Themas unterstreichen. Gleichzeitig fällt es den Schülern oft leichter, mit einem Fremden über bestimmte Vorfälle zu sprechen.

ZEIT: Wird Cybermobbing an den Schulen ernst genug genommen?

Katzer: Die meisten Schulen wissen, dass dieses Thema Teil der Lebenswelten der Schüler ist. Oft geschieht diese Auseinandersetzung jedoch nur sehr punktuell – und nicht nachhaltig genug. Es gibt dann mal einen Projekttag oder eine Motto-Woche. Aber es fehlen Strukturen, die eine dauerhafte Auseinandersetzung garantieren und die gleichzeitig eine grundlegende Einstellung der Schule signalisieren: Wir tolerieren ein solches Verhalten nicht. Leider reagieren viele Schulen erst, wenn ein Mobbingfall vorliegt – das ist aber viel zu spät.

ZEIT: Fürchten die Schulen um ihren Ruf?

Katzer: Oft herrscht bei den Schulen die Hoffnung, dass sich die Geschichte wieder im Sande verläuft. Manchmal passiert das ja auch, aber für die Opfer ist gerade das sehr schlimm. Letztendlich ist es auch in der Außenwirkung viel besser, wenn die Schulen schon ein Mobbingkonzept haben. Das kommt bei den Eltern auch gut an.

ZEIT: Wie könnte eine sinnvolle, nachhaltige Präventionsarbeit aussehen?

Katzer: Es ist wichtig, dass diese Arbeit nicht an den Schülern vorbei geschieht, sondern dass sie mit einbezogen werden. Sonst haben die Jugendlichen schnell das Gefühl, dass die Erwachsenen ihnen etwas aufstülpen, was nicht viel mit ihrer Welt zu tun hat. Man muss unbedingt die Jugendlichen mit ins Boot holen.

ZEIT: Wie könnte das aussehen?

Katzer: Zum Beispiel dadurch, dass man Schüler ausbildet, die dann an ihren Schulen Mitschüler oder auch Eltern beim Umgang mit dem Internet oder den sozialen Medien beraten.

ZEIT: Einer der Täter sagt später, hätte Lea vor mir gestanden, hätte ich aufgehört. Fehlt es den Jugendlichen an der Fähigkeit, ihr Verhalten im Netz richtig einschätzen zu können?

Katzer: Tränen sieht man im Netz nicht. Oft haben die Täter kein Gefühl dafür, was sie mit ihrem Verhalten anrichten können – und dass man auch mit SMS oder Facebook-Nachrichten in die Privatsphäre eines anderen Menschen eindringt. Es fehlt an der Fähigkeit, die Eigendynamik und Wirkung im Netz richtig einschätzen zu können. Diese wird – auch im Unterschied zum klassischen Mobbing – häufig unterschätzt. Selbst manche Täter werden auch von dieser Dynamik in der virtuellen Welt überrollt.