DIE ZEIT: Herr Sinn, die EU will gegen die deutschen Exportüberschüsse vorgehen, die Bundesregierung sagt, es handle sich um ein Zeichen der Stärke des Landes. Wer hat recht?

Hans-Werner Sinn: Ein Exportüberschuss ist ein Zeichen der Stärke der Exportindustrie, aber nicht der Stärke der Volkswirtschaft insgesamt.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Sinn: Ein Land mit einem Überschuss im Export führt weniger Waren aus dem Ausland ein, als es an das Ausland verkauft. Wir liefern also zum Beispiel eine Werkzeugmaschine nach Griechenland, ohne dafür unmittelbar eine adäquate Gegenleistung zu bekommen. Ein Exportüberschuss ist deshalb zunächst einmal für das exportierende Land ein Verlust von Gütern.

ZEIT: Die Waren werden aber bezahlt.

Sinn: Das ist richtig, wir erhalten normalerweise Finanztitel – Anleihen und andere Wertpapiere – aus den betreffenden Ländern. Damit sichern wir uns den Anspruch auf zukünftige Warenimporte. Maschinen heute gegen Oliven oder Wein in der Zukunft.

ZEIT: Klingt für ein Land mit alternder Bevölkerung nach einem guten Deal.

Sinn: Aber nur, wenn der Einsatz irgendwann zurückkommt und ordentlich verzinst wird. Das ist aber immer weniger der Fall. In den letzten fünf Krisenjahren wurden die Exportüberschüsse zu drei Vierteln mit Geld bezahlt, das sich Not leidende Euro-Länder gedruckt haben.

ZEIT: Druckt das Geld nicht die Europäische Zentralbank (EZB)?

Sinn: Als die privaten Kapitalgeber zu hohe Zinsen von den Krisenländern verlangten, hat die EZB es den nationalen Notenbanken erlaubt, die teuren privaten Kredite aus dem Ausland mit billigen Krediten aus den lokalen Druckerpressen zu ersetzen. Im Übrigen sind auch die wenigen Finanzanlagen, die wir noch erwerben, von zweifelhaftem Wert. In Griechenland zum Beispiel gab es einen Schuldenschnitt. Ein Teil der deutschen Ersparnisse im Ausland wurde also einfach ausradiert.

ZEIT: Was wäre die Alternative?

Sinn: Es wäre besser gewesen, mehr in Deutschland zu investieren, um die heimische Wirtschaft produktiver zu machen. Die Exportwirtschaft hat gute Geschäfte gemacht, aber weite Teile der Bevölkerung haben davon nicht profitiert.