Jeff Koons Plastik "Balloon Dog" wurde im November bei Christie's in New York für 43 Millionen versteigert. © Christie's Images/dpa

Ist das nun die ultimative Liebe? Oder nur üble Dekadenz? Warum zahlt ein Kunstsammler die irrwitzige Summe von 26,4 Millionen Euro für ein Bild, das nichts weiter zeigt als ein paar grobe Schlieren in Rot, Blau und Gelb? Das Werk stammt von Gerhard Richter, dem deutschen Übermaler. Er hat jede Menge von dieser Sorte hergestellt, lauter abstrakte Schönheiten, von denen der Künstler selbst sagt, dass sie nichts sagen und nichts bedeuten. Just aber mit dieser bunten Sinnlosigkeit stieg Richter im vorigen Jahr zum König des Kunstmarkts auf: Nie zuvor war für das Werk eines lebenden Malers mehr Geld gezahlt worden.

Und jetzt? Während in München über die Sammlung des Nazihändlers Gurlitt debattiert wird und manche schon meinen, auch damit ließen sich neue Rekordpreise erzielen, besteigt in New York der nächste Herrscher den Kunstthron. Sein Glamour kennt keine düstere Vergangenheit, er ist betont unpolitisch und überstrahlt mühelos die lange vermissten Werke von Dix, Spitzweg oder Chagall. Der Name des neuen Kunstkönigs: Jeff Koons, ein immer bestens gelaunter Amerikaner.

Auch dieser Kunstkönig ist bekannt für großformatige Nichtigkeiten, nur dass sie anders als bei Gerhard Richter hochpoliert sind und wunderbar glänzen. Dienstagnacht wurde sein Balloon Dog (Orange) im Auktionshaus Christie’s versteigert – für den Gegenwert von gleich mehreren Superluxusvillen, umgerechnet 43,46 Millionen Euro. Ein neuer Rekord und ein weiteres Rätsel.

Was nur macht diesen Pudel so wertvoll? Wie so viele Werke aus der Werkstatt des Jeff Koons ist er nicht einmalig, er wurde von einer Assistentenkohorte in Serie fabriziert. Er ist auch nicht sonderlich originell, nicht radikal, nicht tiefsinnig oder gar provozierend. Dieser Pudel ist nur eines: teuer. Und vermutlich deshalb so begehrt.

Denn das zeichnet den Kunstmarkt aus: Egal, wie es dem Euro gerade geht, ob die Weltkonjunktur stottert oder in Fernost ein Taifun die Menschen ins Elend stürzt – das Geschäft mit Bildern und Skulpturen lässt sich kaum erschüttern. Jahr für Jahr meldet die Branche neue Umsatzrekorde, vor allem für die besonders kostspieligen Werke der Gegenwart, die oft teurer sind als die von Rembrandt, Caravaggio oder Veronese. Je mehr Geld in die Kunst hineinfließt, desto begehrter wird sie. Und je begehrter sie wird, desto mehr Geld fließt in sie hinein.

Nicht wenige Menschen sind beeindruckt: Die Kunst scheint das Symbol eines permanenten, sich selbst speisenden Erfolgs zu sein. Anders als beim Kauf einer Theaterkarte, einer CD oder eines Buchs erwirbt der Käufer zusammen mit seinem Kunstwerk stets auch eine Verheißung. Es ist die Hoffnung darauf, dass sich der wahre Wert eines Kunstwerks, in kunsthistorischer wie in finanzieller Hinsicht, erst in der Zukunft zeigen werde. Ein Bild, das heute 10.000 Euro kostet, kann schon in wenigen Jahren den hundertfachen Preis erzielen. Wer Kunst kauft, der demonstriert: Ich glaube an die Zukunft.

Vor Jahren war das noch anders. Da galt es fast schon als unsittlich, quasi atelierfrische Werke – Achtung, die Farbe riecht noch! – zur Auktion zu bringen. Und nicht Rekordsummen sorgten für Schlagzeilen, sondern die Künstler mit ihren Provokationen. Ihr Geschäft war der Zweifel, sie träumten den Traum von einer anderen, besseren Welt. Heute ist das den meisten egal. Die Kunst ist zum globalen Geschäft aufgestiegen, oft oberflächlich, ortlos, ohne einen Hallraum, in dem ihr Funke gewaltig zünden könnte.

Natürlich, einige autonome, kritische Künstler gibt es noch immer, doch die meisten von ihnen verdienen miserabel. Beherrscht wird der Markt von künstlerischen Luxuslieferanten, sie produzieren Statussymbole für die neohöfische Kaste der Superreichen. Ob in Rio, Moskau, Doha oder Boston – überall ist einer wie Jeff Koons gleichermaßen populär. Er hat außer dem Pudel noch mannshohe Äffchen im Angebot, wahlweise auch Hasen oder funkelnde Herzen. Lauter niedliche, wunderbar naive Zeichen der Unschuld und Liebe, die sich gerade deshalb bestens als Insignien der Macht eignen, weil niemand versteht, warum manche Menschen Abermillionen für solche Drolligkeiten ausgeben. Besser lässt sich Überlegenheit nicht demonstrieren. Es gibt keine erhabenere Form, den eigenen Reichtum zu feiern.

Wer mehrere Dutzend Millionen für ein Kunstwerk bezahlt, dem geht es nicht so sehr um eine vernünftige Investition. Vermutlich wird sich eine solche Summe kaum deutlich vermehren lassen. Nein, nicht die Spekulation auf einen finanziellen, sondern die auf einen metaphysischen Gewinn treibt die Käufer zu immer neuen Rekordsummen. Das ist des Pudels Kern: Erst das Geld errettet das Ballon-Tierchen aus seiner Banalität und verleiht ihm einen scheinbar überzeitlichen Rang.

Mehr noch: In den funkelnden Oberflächen der Koons-Skulpturen erscheint das Geld selbst als große Kunst. Der materielle wandelt sich in einen ideellen Wert. Was eben noch abstrakt war, eine kalte Zahlenkolonne, zeigt sich in denkbar schönster und sinnlosester Form. Deshalb ist der Pudel auch auf Hochglanz poliert: damit der neue Besitzer sich herrlich im eigenen Reichtum spiegeln kann. Er hat ja sonst nicht so viel.

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