Heinrichs Helden erschaffen sich durch Sprache einen eigenen Kosmos: Frerk liebt Wörter, die seiner Meinung nach passender für Gegenstände sind – nicht Gabel, sondern "Fressforke", nicht Flasche, sondern "Schluckpulle". Maulina liebt es, sich ihrem "Maul" hinzugeben und sich dabei in allerlei Wortschöpfungen ("Maulplosion", "Maulbeben", "Maulnami") hineinzusteigern. Anders als in seinen Büchern für junge Erwachsene – sein Roman Räuberhände (Mairisch 2007) ist seit 2013 Pflichtlektüre im Hamburger Zentralabitur – habe er sich bei den Kindergeschichten ganz der "Fabulierkunst" hingegeben, so Heinrich. Er sollte aufpassen, dass sich diese Wortspielereien nicht abnutzen. Gleichwohl haben sie etwas Anarchisch-Schöpferisches und Kindlich-Verspieltes, das sein junges Publikum begeistert aufnimmt. Bei Lesungen brüllen die Kinder lauthals "Frerk, du Zwerg!" wie die hänselnden Mitschüler und "Brät-Brät", den Schlachtruf der Zwerge. Beim geheimen "Popelversteck" und bei den frech-aufmüpfig-genervten Bemerkungen von Maulina wird gegrinst, gegiggelt und mit einem "Siehste"-Blick zu den Eltern geschielt. Heinrich packt die Kinder da, wo es Spaß macht. Er steht oder sitzt in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen vor seinem Publikum. Er ist für einen Erwachsenen auch ein bisschen klein – wie Frerk. Er ist auch ein bisschen wild – wie Maulina. Und er muss wohl ein bisschen verrückt sein – wie sonst käme er auf solche Geschichten! Die vorzulesen bereitet ihm selbst eine Riesenfreude. Er bringt einen Musiker mit, der den Frerk live mit Klängen und Geräuschen vertont. Er turnt noch bei mehr als 40 Grad vor einer Kindergruppe herum, bis er nass geschwitzt ist. Er zeigt kleine Filme, die er zu seinen Büchern dreht (kann er, hat Filmregie studiert). Maulina wird gerade in Freiburg in eine Art Doku-Theaterstück umgearbeitet. "Mir geht es ums Geschichtenerzählen", sagt Heinrich. "Es ist schön, dabei viele Mittel zur Verfügung zu haben, mit denen ich spielen kann."

Finn-Ole Heinrich ist ein Macher. Jemand, der kein lauwarmes Mittelmaß erträgt. Und jemand, der aufrichtiges Interesse an seinem Publikum hat. Er stellt den Kindern Fragen ("Seid ihr auch schon mal umgezogen? Musstet ihr dann auch in eine neue Schule?"). Er trifft den Ton – im Gespräch und in seinen Texten. Er erzählt bei allen Gags auch von Konflikten, wie Kinder sie kennen: Trennung der Eltern, umziehen und neue Freunde finden, gehänselt werden. "Man darf sein Publikum nicht unterschätzen. Nur weil Kinder sich an einer Stelle amüsieren, heißt das ja nicht, dass sie das Ernste nicht verstehen", sagt Heinrich. Fragen die Kinder nach einer Lesung, geht es um die ernsten Themen: "Zieht denn Maulina irgendwann wieder zurück?" – "Was ist eigentlich mit Pauls Eltern?" – "Beschweren sich die Nachbarn nicht über Maulinas Wutausbrüche?"

"Das ist doch Quatsch", sagt Maulina zu ihrem Großvater, "wenn man nur über alles lacht, ändert sich doch nichts." Ein Satz, den auch der Autor als Antwort auf die Frage geben würde, warum er nicht einfach mal nur eine lustige Geschichte erzählt. Finn-Ole Heinrich geht gern an Grenzen. Er zwingt seine Leser, dahin zu schauen, wo es wehtut, auf das, was man nicht wahrhaben will. Da ist etwa Maulinas Mutter, die zwei Jahre lang mit niemandem spricht. Die eine Krankheit verdrängt und dann ihre Tochter packt und ein Königreich zerstört. Verantwortungslos? Vielleicht. Aber vor allem menschlich. So etwas passiert. So ist das Leben. Er wolle "keine Botschaften in die Welt blasen", aber er halte auch nichts davon, Kinder zu beschützen, sagt Heinrich. "Lasst sie nicht erst 14 werden und sich dann selber ihre Wahrheiten suchen."

Einen Haken allerdings hat dieses wunderbare Buch: Es ist nur ein Auftakt, der erste Band einer Trilogie. Maulina 2 ist für das kommende Frühjahr angekündigt, Teil 3 folgt im Herbst 2014. Drei Bände, die in drei Sommern spielen – das mag konzeptionell durchdacht sein, doch der Leser erfährt davon erst ganz am Schluss, nachdem das Buch abrupt endet. Das ist ärgerlich und unverständlich. Warum nur diese Dreiteilung? Er habe keinen 600-Seiten-Wälzer schreiben wollen, sagt Heinrich. "Ich mag einfach keine so dicken Bücher, die schrecken mich ab. Erst recht, wenn ich mir Kinderhände daran vorstelle." Andererseits habe er schnell gemerkt, dass er für diese Geschichte Platz brauche.

Doch nur weil man Schreckliches aufteilt, wird es nicht weniger schwer. Das holt Finn-Ole Heinrich in diesen Tagen selbst ein. Neben Lesetour und Theaterarbeit bleiben ihm nur noch wenige Wochen, um die dritte Maulina zu schreiben; Band 2 ist bereits fertig. Nun kommt das große Finale. "Unfassbar traurig und schmerzhaft" werde es, und "das ist genau mein Ding", sagt Finn-Ole Heinrich. Aber er sagt auch: "Ich habe echt Schiss davor, das aufzuschreiben!"