Museumsdirektoren, Politiker und Kunstfreunde in aller Welt empören sich, Behörden und Bundesregierung geraten in Erklärungsnot und eine erfahrene Staatsanwaltschaft erweist sich als überfordert. Warum konnte der Münchner Kunstfund, die Beschlagnahmung von 96 Gemälden, 140 Aquarellen, 299 Zeichnungen und 675 Druckgrafiken sowie einigen Masken und Plakaten in einer Münchner Wohnung solch eine Sprengkraft entwickeln? Es war leider nicht allein die Kunst, die so explosiv war.

Es war ihre Herkunft. Zum Vorschein gekommen ist der ambivalente Lebenslauf des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt und mit ihm die Geschichte der skrupellosen Nachkriegsdeutschen, die den Kunstraubzug der Nationalsozialisten rasch zu verschleiern wussten. Nur allzu schnell hatten sich die überlebenden Sammler, Händler und Museumsdirektoren mit sich selbst versöhnt. Sie machten ihr Geschäft mit ebenjenen Bildern und Skulpturen, die aus Museen entwendet oder Sammlern und Händlern jüdischer Herkunft gestohlen worden waren. Doch zur Aura eines Kunstwerks gehört immer auch die Geschichte seiner Vorbesitzer. Und diese Vergangenheit holt die heutigen Besitzer der Kunstwerke nun heim – wie Geister, die man nicht mehr vertreiben kann.

Erst am Montagabend dieser Woche veröffentlichte die Staatsanwaltschaft Augsburg zunächst 25 der rund 1.200 Kunstwerke, die bei Cornelius Gurlitt, dem Sohn des Kunsthändlers, von der Polizei sichergestellt worden waren. Bei diesen Bildern gibt es einen sehr dringenden Verdacht auf verfolgungsbedingten Verlust, wie es im Fachjargon heißt. Sie wurden aller Wahrscheinlichkeit nach ihren jüdischen Besitzern während der Nazizeit geraubt. Darunter etwa das Gemälde Sitzende Frau von Matisse, das einst dem Galeristen Paul Rosenberg gehörte, eine Radierung Canalettos, die zur Sammlung David-Weill aus Neuilly-sur-Seine gehörte, und auch jenes Gemälde zweier Reiter am Strand von Max Liebermann, dessen Provenienz die ZEIT bereits vergangene Woche enthüllt hatte, als die Staatsanwaltschaft noch versuchte, ihre Geheimhaltungspolitik weitgehend aufrechtzuerhalten. Das Bild gehörte bis zur Enteignung durch die Nazis dem Breslauer Sammler David Friedmann, dessen Frau und Tochter in Auschwitz umgebracht wurden. Als Hildebrand Gurlitt 1950 den von den Alliierten beschlagnahmten Teil seines Kunstbesitzes zurückverlangte, bezeugte er in einer Liste, dass ebendieses Liebermann-Gemälde aus der Sammlung seines Vaters vor 1933 stammte. Eine Lüge, die ihm die alliierten Kunstkommissare glaubten.

Bei knapp 600 Werken aus dem nun gefundenen Nachlass muss der Verdacht, dass es sich um Raubkunst handelt, erst noch durch Forschungen ausgeräumt werden – mindestens sechs Provenienzforscher sollen nun mit Nachdruck die Herkunft klären. 384 weitere Kunstwerke konnte die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann inzwischen identifizieren, sie stammen aus der Beschlagnahmungsaktion "Entartete Kunst". Gut 300 Kunstwerke werden derzeit der Familiensammlung Gurlitt zugeordnet, an ihnen soll keinerlei NS-Makel haften. Sie müssen bald an den 79-jährigen Cornelius Gurlitt zurückgegeben werden. Man kann sich vorstellen, wie sehr dieser alte Mann jetzt nicht nur von Journalisten und Filmagenten, sondern auch von Kunsthändlern auf der Jagd nach frischer Ware und von Rechtsanwälten auf der Suche nach einem prominenten Mandanten bedrängt wird.

Die Geschichte des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt ist indes kein Einzelfall. In den fünfziger und sechziger Jahren brachte ein regelrechtes Netzwerk aus alten Nazis und jungen Kunsthändlern Werke aus dunklen Quellen in Umlauf, ohne sich auch nur einen Deut um deren Vorbesitzer zu kümmern. Zahlreiche Männer, die vor 1945 hohe Positionen in Galerien, Auktionshäusern oder im privaten Kunsthandel innehatten, konnten nach dem Krieg weitermachen, als wäre nichts geschehen – und das nicht selten sogar mit jenen Kunstwerken, die sie zur Zeit des Holocaust erworben hatten. Niemand forderte die NS-Raubkunst von ihnen zurück, denn sie diente in der jungen Wirtschaftswunderrepublik als Grundstock für den boomenden Kunsthandel – und die Gründung neuer Unternehmen. Und so zog ein altes Unrecht immer neues Unrecht nach sich.

NS-Kunsthändler wie Bernhard A. Böhmer, Ferdinand Möller, Conrad Doebbeke, Karl Buchholz, Bruno Lohse, Karl Haberstock oder Wilhelm Ettle schafften bei Kriegsende etliche Kunstwerke beiseite, um sie nach der Währungsreform in der Bundesrepublik an finanzkräftige Sammler aus dem In- und Ausland zu verkaufen, sobald die von den Alliierten festgesetzten Rückforderungsfristen abgelaufen waren. Was sie noch besaßen, war nach 1945 bestenfalls oberflächlich überprüft worden. Wie Hildebrand Gurlitt konnte man mit der Ausrede durchkommen, man habe schon vor 1933 Kunstwerke gesammelt.

Später fühlten sich auch die bundesdeutschen Behörden nicht verpflichtet, genauer nachzufragen, und das führte dazu, dass bis heute nicht nur Privatsammler, sondern auch öffentliche deutsche Museen vom Kunstraub der Nazis profitieren. So wurden die Restbestände aus dem Besitz von Bernhard A. Böhmer, den die Nazis wie Hildebrand Gurlitt mit dem Verkauf der "entarteten Kunst" ins Ausland beauftragt hatten, 1947 nach seinem Selbstmord im Haus seiner Schwägerin in Rostock sichergestellt. Der Beauftragte der Sowjets übergab sie als Dauerleihgabe dem Museum Rostock zur Aufbewahrung. Zwar wurden etliche Kunstwerke zurückerstattet, doch 7 Gemälde, 6 Plastiken, 23 Aquarelle, 20 Zeichnungen und 537 Druckgrafiken aus ehemaligem Böhmer-Besitz befinden sich noch heute im Kulturhistorischen Museum der Stadt Rostock und werden auf dessen Website gelistet.