In diesen Wochen wird wieder einmal darüber debattiert, ob in Deutschland zu viele junge Menschen studieren – und zu wenige eine Berufsausbildung machen. Tatsächlich werden dieses Jahr erstmals mehr Schulabgänger ein Studium aufnehmen als eine Ausbildung im Betrieb machen. 482.400 neue Lehrverträge wurden bis Ende September abgeschlossen, dem gegenüber stehen rund eine halbe Million Erstsemester. Doch anstatt sich über die bildungsbegierigen Jugendlichen zu freuen, wird gewarnt vor einer Akademikerschwemme. Der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin sieht die Bundesrepublik bereits von einem "Akademisierungswahn" befallen, auch Teile der Industrie fürchten, der Fachkräftemangel könne sich verschärfen, wenn mehr Menschen in den Hörsaal strömen als in eine Werkshalle.

Stimmt das? Brauchen wir weniger Akademiker, oder brauchen wir vielleicht sogar mehr?

Es geht auch um die gesellschaftliche Aufwertung eines Berufszweigs

Es gibt einen Bereich, in dem sich schon heute beobachten lässt, wie sich die Akademisierung auf einen Beruf auswirkt: in der Gesundheitsbranche, genauer gesagt, in der Pflege.

Bis vor wenigen Jahren wäre ein Pflegeberuf für einen Abiturienten undenkbar gewesen – ebenso ein Studium für Pfleger. Krankenschwestern und Altenpfleger wurden ausschließlich im dualen Berufsbildungssystem ausgebildet, drei Jahre lang, ein Realschulabschluss reichte. Heute gibt es 93 Pflege-Studiengänge, die mit einem Bachelor abgeschlossen werden. Und jedes Jahr kommen weitere hinzu, auch einige Master-Aufbaustudiengänge. Mittlerweile gibt es ganze Hochschulen für Gesundheitsberufe oder sogenannte Gesundheits-Campus, auf denen Pfleger neben Medizinern ausgebildet werden. Vorreiter ist Nordrhein-Westfalen mit elf Studiengängen an sieben Standorten. Andere Länder wie Bayern, Baden-Württemberg und Brandenburg legen jetzt nach.

Ein ganzes Berufsfeld akademisiert sich. Die Zahl der Studienanfänger ist sprunghaft gestiegen, von 574 im Jahr 2005 auf 1754 im Jahr 2012. Im Vergleich dazu schließen jährlich um die 21.000 Pfleger eine Lehre ab. Doch künftig dürften deutlich mehr Bachelors am Bett stehen, zum Wintersemester 2012/2013 waren schon 7.585 Studenten in Pflegewissenschaften eingeschrieben.

Das ist erstaunlich, einerseits. Denn der Beruf des Pflegers gilt eigentlich als unattraktiv. Viele Beschäftigte klagen über hohe körperliche und psychische Belastungen, die Bezahlung ist schlecht. Gleichzeitig steigt jedoch der Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften. Schon jetzt fehlen Zehntausende Pfleger. Die Menschen werden immer älter, und sie leiden oft länger unter mehreren verschiedenen, teilweise chronischen Krankheiten. Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 von jetzt 2,3 auf dann 3,4 Millionen steigen wird.

Bislang werden Pfleger oft noch als Handlanger im medizinischen Betrieb gesehen, als diejenigen, die die Dreckarbeit machen und die Anweisungen des Arztes ohne Widerrede auszuführen haben. Doch das ändert sich gerade. Kranke oder alte Menschen zu pflegen wird eine immer komplexere Aufgabe, auch angesichts der neuen technischen Möglichkeiten bei Diagnose und Therapie. Die Anforderungen an den Beruf und auch an die Ausbildung sind in mehrfacher Hinsicht gestiegen. In anderen Ländern wie den USA, Großbritannien, Schweden oder den Niederlanden ist es schon seit vielen Jahren selbstverständlich, dass medizinische Fachkräfte auf Hochschulniveau ausgebildet werden. Das liegt zum Teil am fehlenden Berufsbildungssystem, aber auch an der Erkenntnis, dass die Versorgung von Patienten mehr ist als Waschen, Füttern und zur Toilette begleiten.