Ein paar Monate nach dem Ende sucht Lea* verzweifelt nach dem Anfang. Sie sitzt am Küchentisch ihrer Eltern, die braunen Haare offen, graue Leggings, dazu ein schwarzes Top. Ein 15-jähriges Mädchen mit einem herzförmigen Gesicht und einem offenen Blick. Immer wieder stockt sie, es fehlen ihr die Worte für eine Geschichte, die sie immer noch nicht so ganz begreift. War der Anfang vielleicht eine Liebesgeschichte? Das Ende, jedenfalls das offizielle, kennt sie sehr gut. Sie hat bei der Polizei gegen zehn Mitschüler Anzeige erstattet. "Beleidigung auf sexueller Basis" stand im Protokoll. Dort hatte ihre Geschichte dann auch eine Überschrift: Cybermobbing.

Sie sagt, es sei wie eine Welle gewesen: "Es kam einfach – und ich konnte nichts dagegen tun."

Im Hintergrund blubbert das Wasser, Lea gießt Ingwertee auf. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie auf eine Schnellstraße. Autos brausen vorbei, Regen prasselt gegen die Scheibe, ein grauer Herbsttag, Ende Oktober. Vor gut einem Jahr sind Leas Eltern hierhergezogen. Ein kleiner Vorort in einer mittelgroßen Stadt in Westdeutschland. Hier reihen sich Einfamilienhäuser aneinander, mit kleinen Vorgärten und Blumen, die gerade im Wasser versinken, und Gartenmöbel, die sorgfältig mit blauen Planen abgedeckt sind. Früher hat Lea mitten in der Stadt gewohnt. Jeden Morgen nimmt sie nun den Bus zur Schule, 25 Minuten braucht er bis ins Zentrum. Lea wollte nicht auf ein anderes Gymnasium wechseln. Warum auch? Sie fühlte sich wohl, ihre Freundinnen gingen mit ihr in eine Klasse, sie mochte die Lehrer, die Schule.

Sie erzählt jetzt mit ruhiger, klarer Stimme. Von Tobias*, in den sie sich vor über einem Jahr verliebt hatte und den keiner mochte. Ein Macho, sagten ihre Mitschülerinnen. Er habe nur einen Hoden, lästerten die Jungs. Anfang des Jahres trennte sie sich von ihm, fünf Monate lang waren sie da ein Paar gewesen. Es passte einfach nicht, sagt sie heute. War das vielleicht der Anfang? War er es vielleicht, der die Geschichte das erste Mal erzählte? Ein paar Wochen später las sie in einem Onlineforum ihren neuen Spitznamen "Analia". Später hörte sie auch auf dem Schulhof ihre Mitschüler tuscheln. Manche fragten sie ganz direkt, wie genau sie mit Tobias geschlafen hätte und ob das stimmen würde, was sie in den Foren lesen würden. Am Anfang hat sie einfach alles ignoriert. Sie war sich unsicher, was da gerade passierte mit ihr und ihren Mitschülern. Sie hatte sich immer gut mit allen verstanden. An einem Abend im Februar, als sie wieder in einem Onlineforum den Spitznamen entdeckte, ging ihr dieser eine Gedanke durch den Kopf: Ist das Mobbing? Aber das erschien ihr zu verrückt, zu abwegig. Lea und Mobbing, das passte für sie nicht zusammen. Bei Mobbing dachte sie an dicke Mädchen, die auf dem Schulhof gehänselt werden. Den Gedanken hat sie schnell verdrängt.

In der Forschung ist es umstritten, wie weit das Phänomen Cybermobbing tatsächlich verbreitet ist und ob man überhaupt von einem eigenständigen Phänomen – in Abgrenzung zum Mobbing – sprechen kann. Zu schwammig ist allein schon der Begriff: Wann hört Mobbing auf, wann fängt es an? Sind beleidigende Sprüche oder E-Mails über das Gewicht oder das Aussehen einer Schülerin schon Mobbing? Natürlich gibt es wissenschaftliche Definitionen, gleich mehrere. Im Kern umschreiben sie Mobbing als ein "längerfristiges Ausgesetztsein von feindseligen Äußerungen und Handlungen". Aber wie lang ist längerfristig? Wie heftig müssen die Angriffe sein, dass man von Mobbing sprechen kann? Rund ein Drittel der Schüler hat schon einmal Erfahrungen mit verletzenden Angriffen in der virtuellen Welt gemacht, zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Münster und Hohenheim. Bei der Studie fragten die Wissenschaftler nach den Erfahrungen der Jugendlichen mit verschiedenen Ausprägungen von Mobbing im Netz. Am häufigsten fühlten sich die Schüler durch beleidigende E-Mails gemobbt. Letztendlich ist und bleibt es immer auch eine Frage der Opferpersönlichkeit, was als Mobbing empfunden wird, sagen die Experten: Was für den einen schon sehr belastend ist, steckt ein anderer viel besser weg.

Der Mitschüler erklärt: Das hatte so eine Dynamik

Auch Lea dachte zuerst, dass es "schon irgendwie wieder vorbeigehen würde". Sie wollte nicht gleich petzend zu den Lehrern laufen. Wohl auch, weil es eine neue Rolle für sie war, die des Opfers.

Im Sommer dann, Lea hatte sich da schon fast an die Blicke auf dem Schulhof, die Sprüche hinter vorgehaltener Hand und die provozierenden Fragen gewöhnt, wird sie in die WhatsApp-Chat-Gruppe "Max Hausparty" eingeladen. Mit WhatsApp können kostenlos Nachrichten und Fotos verschickt werden – und man kann sich zu einer Gruppe zusammenschließen und miteinander chatten. Zehn andere Jungen aus ihrer Schule waren dort Mitglied. Erst ging es um die Party, wann sie stattfinden sollte, wer kommen darf. Dann schrieb einer, da war Lea gerade in die Gruppe eingetreten: "Analia ist auch hier." Und: "Eichelseecchs" .