ZEITmagazin: Frau und Herr Klarsfeld, wie haben Sie sich kennengelernt?

Serge Klarsfeld: Ich sah Beate auf dem Bahnsteig der Metro-Station Porte de Saint-Cloud in Paris. Es war der Tag, an dem Adolf Eichmann vom israelischen Geheimdienst in Argentinien gekidnappt wurde: der 11. Mai 1960. Ein seltsamer Zufall, jedenfalls passend für unsere Ehe.

Beate Klarsfeld: Ich wollte als junge Frau raus aus Deutschland. Es hätte genauso gut London sein können, aber dann ging ich als Au-pair nach Paris, weil eine Freundin von mir auch dorthin ging. An dem Tag nahm ich die gleiche Metro wie Serge. Ich war auf dem Weg zur Sprachschule, wo ich Französisch lernte, er fuhr zur Universität. Wir leben heute noch im selben Viertel, direkt an der Porte Saint-Cloud. Würden wir aus unserer Wohnung ein Loch nach unten bohren, würden wir genau auf den Bahnsteig fallen, auf dem wir uns begegnet sind.

ZEITmagazin: Wer hat wen angesprochen?

SK: Ich fragte Beate, ob sie Engländerin sei, obwohl ich wusste, dass das nicht stimmte. Sie antwortete mit Nein. Das war der Beginn unserer Unterhaltung.

ZEITmagazin: Was war Ihr erster Eindruck?

BK: Er war ein hübscher junger Mann, ich fand ihn anziehend. Ich war ja auch nach Paris gekommen, um Franzosen kennenzulernen. Und an der Sprachschule studierten mit mir nur andere Ausländer. Ich habe mich gefreut, dass er mich ansprach.

ZEITmagazin: Sie sind Jude, Herr Klarsfeld, Ihr Vater wurde in Auschwitz getötet, Sie selbst entkamen den Nazis nur knapp. Wie reagierten Sie, als diese Frau am Bahnsteig Ihnen sagte, sie sei Deutsche?

SK: Oh, ich wusste sofort, dass sie deutsch ist, schon bevor sie es mir sagte. Sie sah einfach sehr deutsch aus, und ich kannte ihre Sprachschule, wo viele deutsche Mädchen Französisch lernten. Mit jungen Deutschen hatte ich selbstverständlich überhaupt kein Problem.

ZEITmagazin: Wie war es für Sie, Frau Klarsfeld, als Sie erfuhren, dass Serge Jude ist?

BK: Ich bin in Berlin zur Schule gegangen und hatte zwei jüdische Mitschüler, die aus der Immigration zurückgekommen waren. Aber man redete damals wenig über den Holocaust, auch die Geschichtslehrer klammerten das Thema aus. Serge ist ja Historiker, durch ihn erfuhr ich vieles, was ich nicht wusste. Seine Mutter erzählte mir, wie sie sich mit Serge und seiner Schwester in einem Wandschrank vor einem Nazikommando versteckte, während ihr Mann in der Wohnung festgenommen wurde. Das war für mich als Deutsche sehr bewegend.

ZEITmagazin: Sie haben später gemeinsam Alois Brunner, der genau dieses Nazikommando befehligte, in Syrien aufgespürt. Viele andere Nazis, die Sie gejagt und gefunden haben, konnten nur dank Ihrer Arbeit vor Gericht gestellt werden, wie Klaus Barbie oder Kurt Lischka. War Ihr Leben jemals in Gefahr?

SK: Es gab natürlich Drohungen per Telefon und per Brief. Einmal klebte unter unserem Auto eine Bombe mit Zeitzünder, aber sie explodierte zu früh, mitten in der Nacht in der Tiefgarage, und nicht wie geplant morgens, wenn ich mit unserer Tochter Miriam dringesessen hätte. Ein anderes Mal bekamen wir ein Paket, es kam mir verdächtig vor, und ich habe es glücklicherweise zur Polizei gebracht. 500 Gramm Dynamit, 300 Gramm Tapeziernägel. Wäre es explodiert, wären alle Menschen im Raum gestorben. Einmal hat uns also der defekte Zeitzünder gerettet, einmal meine Intuition. Wir waren oft in gefährlichen Situationen, in Beirut, Damaskus, in Teheran, Südamerika ... überall.

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ZEITmagazin: In Anbetracht all dieser Gefahren – hatten Sie große Angst?

BK: Angst um mein Leben hatte ich eigentlich nie. Widerständler in der Nazizeit sind geköpft worden, was konnte mir schon passieren? Ich wusste natürlich, dass ich was riskiere, ich wurde ja auch einige Male festgenommen, in Prag zum Beispiel saß ich mal einen Tag lang im Gefängnis.

SK: Wenn man weiß, wofür man kämpft, ist man mutiger als im normalen Leben.

ZEITmagazin: Sie sind jetzt seit 50 Jahren verheiratet. Was ist Ihr Geheimnis?

SK: Wir sind immer zusammen. Das ist doch die beste Art, miteinander zu leben, wenn man sich liebt: immer zu zweit zu sein. Ich glaube, ein Paar, das zusammen lebt und arbeitet, vielleicht eine Bäckerei oder Fleischerei hat, dass so ein Paar sehr stark ist, weil es alles zusammen macht: Kinder, Arbeit, Urlaub ... alles.

BK: Wenn man als Ehepaar gemeinsame Projekte verfolgt, bindet einen das stärker aneinander.

ZEITmagazin: Spüren Sie in Ihrer Beziehung noch typische deutsch-französische Unterschiede?

SK: Ich überlasse Beate gerne die Arbeit und nehme es nicht so genau mit der Ordnung.

BK: Ich habe da schon noch eine preußische Genauigkeit ...

ZEITmagazin: Könnten Sie sich vorstellen, noch mal in Deutschland zu leben?

BK: Nein. Nur wenn in Frankreich Marine Le Pen an die Macht käme, würde ich es mir vielleicht überlegen.

ZEITmagazin: Wenn man sich mit Ihnen unterhält, fällt auf, wie oft Sie miteinander lachen. Welche Rolle spielt Humor in Ihrer Ehe?

SK: Ohne Humor hätten wir unsere Arbeit gar nicht machen können. Man muss privat glücklich und fröhlich sein, um das alles aushalten zu können.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er ist Franzose, lebt in München und gehört seit 2009 zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.