DIE ZEIT: Herr Weidmann, wie wichtig ist stabiles Geld für Sie?

Jens Weidmann: Meine wichtigste Aufgabe als Präsident der Bundesbank ist es, für Preisstabilität zu sorgen. Dafür stehe ich, dafür steht diese Institution seit mehr als fünfzig Jahren. Weshalb fragen Sie?

ZEIT: Weil der Geldwert nicht stabil ist. Die Inflationsrate liegt derzeit weit unter dem Zielwert. Die EZB hat daher die Zinsen gesenkt. Sie haben dagegen votiert. Warum?

Weidmann: Bei einer Preissteigerungsrate von zuletzt knapp einem Prozent im Euro-Raum kann doch derzeit keine Rede davon sein, dass die Stabilität des Geldes nicht gegeben ist. Richtig ist aber, dass der EZB-Rat mittelfristig eine Inflationsrate von unter, aber nahe zwei Prozent anstrebt. Im Übrigen tagt der Rat vertraulich.

ZEIT: Die Positionen sind dennoch bekannt.

Weidmann: Als wir uns Anfang November trafen – so viel kann ich sagen –, waren wir mit einem überraschend deutlichen Rückgang der Inflationsrate in der Währungsunion konfrontiert. Dieser Rückgang war aber zum Teil vorübergehenden Einflussfaktoren wie den niedrigeren Energiepreisen geschuldet. Unsere Politik müssen wir an der künftigen Entwicklung der Preise ausrichten, denn nur diese können wir beeinflussen.

ZEIT: Nach den Prognosen bleibt die Inflation auch in den nächsten Monaten unter dem Zielwert.

Weidmann: In der Tat haben wir es mit sehr moderaten Inflationsaussichten zu tun, und daher ist eine expansive Geldpolitik gerechtfertigt. In der Sitzung im November ging es vor allem darum, ob wir abwarten, inwiefern die im Dezember vorliegende neue EZB-Prognose eine Zinssenkung nahelegt.

ZEIT: Wenn es nur um die Frage des richtigen Zeitpunkts ging: warum dann diese Aufregung?

Weidmann: Die Frage müssen Sie Ihren Kollegen stellen, denn die Zuspitzung hat in der Berichterstattung der Medien stattgefunden.

ZEIT: Es entsteht nun einmal der Eindruck, dass der EZB-Rat gespalten ist.

Weidmann: Es ist gut, wenn wir im Rat um die richtige Entscheidung ringen, denn das führt am Ende zu besseren Ergebnissen. Kontroverse Debatten gibt es auch bei der amerikanischen Notenbank oder der Bank of England. Doch darüber wird viel unaufgeregter berichtet.

ZEIT: Vielleicht weil in der Vergangenheit Meinungsverschiedenheiten – auch von Ihnen – in der Öffentlichkeit ausgetragen wurden. Etwa bei den umstrittenen Anleihekäufen.

Weidmann: Wir haben es in der Zinspolitik mit Entscheidungen zu tun, die zum Kerngeschäft der Geldpolitik gehören. Das ist etwas anderes als die sehr grundsätzliche Frage, ob wir mit Staatsanleihekäufen die Grenze zur Fiskalpolitik überschreiten und Risiken zwischen den Steuerzahlern der einzelnen Länder umverteilen.