Ihr Vorhaben war, zugegeben, alles andere als bescheiden. Heiko Przyhodnik, Lehrer der Biologie, und Hans Wedenig, Sozialwissenschaftler, planten nichts Geringeres als die Revolution des Schulbuchwesens. Sie wollten Deutschlands erstes Internetschulbuch auf den Markt bringen; ein elektronisches, frei zugängliches Buch, umsonst, für jeden.

Alles begann, wie die meisten revolutionären Ideen, in einer Kneipe, und zwar in Berlin, wo die beiden leben und arbeiten. Przyhodnik, 43 Jahre alt, klagte seinem Freund Wedenig, 54 Jahre, von der lästigen Routine seiner Arbeit: 90 Prozent seiner Unterrichtsvorbereitung laufe so, dass er sich Materialien aus dem Netz fische. Er sucht dann nach Filmen, Animationen oder interaktiven Grafiken, stöbert nach Ideen, die andere vor ihm hatten, weil die Schulbücher nicht hergeben, was er vermitteln will. Die Recherche frisst viel Zeit, denn es gibt keine gemeinsame Plattform für Lehrer.

Tatsächlich recherchieren drei Viertel aller deutschen Lehrer im Internet, um ihre Stunden zu planen, das belegt eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach. Doch jeder recherchiert für sich, es findet kaum ein Wissensaustausch statt. Und währenddessen wächst das Angebot an online verfügbaren Unterrichtsmaterialien rasant. Bei einer Marktanalyse zählten Wissenschaftler der Universität Augsburg im vergangenen Jahr bereits rund 900.000 kostenlose Materialien im Netz. Wissen, das man bündeln und viel besser für Lehrer nutzbar machen könnte.

Das dachten sich dann auch Heiko Przyhodnik und Hans Wedenig. Und getrieben von der Idee, eine Art Wikipedia für Lehrer zu gründen, starteten sie eine Crowdfunding-Aktion für ihr Internetprojekt, den "Schulbuch-O-Mat": ein lernplankonformes elektronisches Biologiebuch. Binnen 60 Tagen wollten sie 10.000 Euro über die Crowdfunding-Plattform Startnext sammeln. Wagemutig war das, aber was heißt das schon. Schließlich hatten sich die beiden vor zehn Jahren bei einer anderen Aktion kennengelernt: Sie wollten den Großstadtkindern mit Kunstschneebergen in Berlin das Skifahren näherbringen. Auch das ging.

Das Startkapital kam zusammen. Im Frühjahr und Sommer sammelten die Gründer Materialien, schrieben Artikel und vernetzten Inhalte. Pünktlich zum Schulstart im Herbst war das neue Biobuch, Deutschlands erstes freies Schulbuch, online. In der ersten Woche erreichte es bereits 1.309 Downloads, die Macher hatten mit maximal 200 gerechnet. "Leute, es ist ein Biologieschulbuch für die Klassen 7/8! ;)", schrieben sie auf ihrer Facebook-Seite, überrascht von der Nachfrage.

Aber was kann das elektronische Schulbuch besser als das gedruckte? "Es bedient alle Lerntypen", sagt Przyhodnik, weil es audiovisuell und interaktiv ist. In den Animationen könnten Größenverhältnisse viel besser dargestellt werden. "Wie viel ist ein Mikrometer im Vergleich zu einem Zentimeter?", fragt er. In der Abbildung in einem Schulbuch sei das Küken (in echt zehn Zentimetern) etwa genauso groß wie die Hausstaubmilbe (0,5 Millimeter) oder ein rotes Blutkörperchen (7,5 Mikrometer). "Mit dem bloßen Auge ist das gar nicht sichtbar." In dem digitalen Schulbuch lassen sich die Organismen mit einer elektronischen Lupe zoomen, und sie wirken plastischer.

Przyhodnik und Wedenig sehen den Nachteil der gedruckten Schulbücher durchaus auch aus Elternsicht, beide sind Familienväter, haben Söhne im Alter von 14 und 15 Jahren, die Zielgruppe also für ihr Biologiebuch. "Als Eltern wird einem bewusst, wie viel Geld man für Schulbücher ausgibt", sagt Przyhodnik. Eine Zweitverwertung sei nicht möglich, weil sie sich zu schnell überholen. Abgesehen davon, sind die Bücher nicht nur eine Last im Ranzen, sondern sie passen auch gar nicht mehr zur Mediennutzung der jungen Generation.

Das gedruckte Schulbuch wirkt im Zeitalter von Tablets und Smartphones merkwürdig antiquiert. "Ich sehe es bei meinem Sohn, der auf seinem Smartphone einfach Bücher liest", sagt Wedenig. Und Przyhodnik sagt, viele Bücher erinnerten ihn noch an seine Fibel mit dem Fehlerteufel. "Da werden die alten Strukturen überhaupt nicht losgelassen, es ist der immer gleiche Saft, immer wieder aufgefrischt." Die teuren Schulbücher verstauben in der Ecke, und auch Lehrer wie Heiko Przyhodnik nutzen sie allenfalls als eine Art roten Faden durch den Lehrplan.

Im Internet gibt es die Unterlagen für die Schule zeitgemäßer. Das Online-Schulbuch kann immer aktualisiert werden, neue Erkenntnisse der Wissenschaft sollen einfließen können, die auch mit dem Rahmenplan für die Schulfächer übereinstimmen. Jeder kann die Inhalte nutzen und sie editieren wie bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Das Gehirn des Schulbuch-O-Mats ist auf die ganze Bundesrepublik verteilt. Über Startnext meldeten sich Studenten, Lehrer oder andere Bildungsinteressierte, die mitmachen wollten: eine Mutter aus Olching recherchierte Grafiken und Fotos, eine Frau aus Göttingen erstellte Artikel, ein Student aus Lübeck las Korrektur. Ein Lehrer schreibt, ihm fehle zwar die Zeit zum Mitmachen, aber man könne das Biologieglossar oder etwa die Simulationen zum Membranfluss von seiner Homepage nutzen. Aus allen Bundesländern soll der Schulbuch-O-Mat auch künftig mit Wissen gefüttert werden. "Schwarmwissen", sagt Hans Wedenig. Sein Berliner Medienbüro ist die Schaltstelle, hier fließen die Informationen zusammen.

Später als viele andere Professionen entdecken auch Lehrer, dass der vernetzte digitale Raum für sie interessant ist, um Materialien zu finden, neu zusammenzustellen und sie im Team über USB-Sticks, Wikis oder Cloud-Dienste zu teilen. Das Vorbild für das Biologiebuch stammt aus den USA: das Flexbook der CK-12 Foundation in Kalifornien. Es gibt einen freien Zugang für Schüler zum selbstständigen Lernen und für Lehrer. Sie können sich ihr eigenes Schulbuch aus der Flexbook-Bibliothek bauen. Die ist wie ein digitaler Brockhaus – aber didaktisch aufbereitet. "Die Inhalte können direkt in den Unterricht übernommen werden", sagt Przyhodnik, ohne kommerzielle und lizenzrechtliche Einschränkungen der Nutzung. Freie Lehr- und Lernmaterialien, international Open Educational Resources (OER) genannt, können von jedem kopiert, verändert und weitergegeben werden. Die Anhänger der OER-Bewegung glauben, damit eine globale Bildungswende auslösen zu können.

Die Macher des Schulbuch-O-Mats wollen zumindest in Deutschland eine Kultur der freien Bildungsmaterialien einläuten. "Das Biologie-E-Book ist nur der Anfang", sagt Przyhodnik. Ist das Buch erfolgreich, sollen weitere Bücher für andere Fächer folgen und das Wissen sinnvoll verknüpft werden, wenn zum Beispiel die Photosynthese im Biologiebuch thematisiert wird und man sich fragt: "Wie funktioniert das eigentlich chemisch?" Und klick! Der Schüler kann dann im elektronischen Chemiebuch alles über die chemischen Abläufe in den Pflanzen erfahren.

Lehrmittel im Internet sind ein wachsender Markt, den die deutschen Schulbuchverlage verschlafen haben. Ob die auf klassische gedruckte und verkaufte Lernunterlagen setzende Bildungsmedienbranche jetzt aufwacht? Fühlen sich Verlage provoziert vom Umsonst-Schulbuch-O-Mat? Beim Schulbuchverlag Cornelsen etwa kümmert sich jetzt ein eigenes Entwicklerteam um digitale Angebote, ein gedrucktes Buch, aufbereitet für die Computerwelt, kostet zehn Euro im Monat. Und Przyhodnik und Wedenig haben eine Einladung vom Verband deutscher Bildungsmedien erhalten. Die Schulbuchzukunft könnte aussehen wie der Schulbuch-O-Mat. Auch wenn die Gegenwart noch überwiegend gedruckt ist.

Bleibt nur noch zu klären: Dürfen die das überhaupt? "Wegen der Genehmigungspflicht der Schulbücher meinen viele, ein Schulbuch darf man nicht machen", sagt Wedenig. Die Zulassung, das heißt der Stempel des Kultusministeriums, ist eigentlich an die Kosten eines Schulbuches gebunden. Das heißt, nur etwas, was Geld kostet, wird vom Ministerium überprüft. Aber da der Schulbuch-O-Mat frei zugänglich ist, braucht er keine Genehmigung. Und was die Lehrer im Unterricht verwenden, entscheiden sie selbst. Hauptsache, die Schüler lernen das, was im Rahmenplan vorgegeben ist.