DIE ZEIT: Der Bundespräsident hat Sie und andere zu einer Diskussion eingeladen. Wie war es?

Sabine Rennefanz: Eins vorweg: Gauck ist für mich als Ostdeutsche ein besonderer Präsident. Aber so interessiert er auch war – es wirkte, als ob für ihn vieles fremd war von dem, was wir besprachen.

ZEIT: Warum?

Rennefanz: Er lud zu einem öffentlichen Gespräch über meine Generation und hielt zu Beginn eine Rede. Darin sagte er sinngemäß, für uns Wendekinder spielten Ost-West-Unterschiede keine Rolle mehr. Da war ich kurz erschrocken und ahnte: Er hat uns nicht verstanden.

ZEIT: Weil die "Dritte Generation" die Differenzen so gerne betont?

Rennefanz: Weil wir uns bewusst darüber sind, dass wir uns von Gleichaltrigen, die im Westen aufgewachsen sind, unterscheiden. Deswegen taten sich ja vor drei Jahren einige Ostdeutsche zwischen 25 und 35 Jahren zusammen und nannten sich Dritte Generation Ost. Ich gehöre dieser Organisation nicht an, aber ich fühle mich ihr nahe. Das Ziel ist, über unsere Wende-Erfahrungen zu sprechen. Als ich zur Schule ging, dachte auch ich noch, dass die Ost-West-Unterschiede bald schon Geschichte sein würden. Im Studium in Berlin und später in Hamburg wurde mir klar, dass dem längst nicht so ist. Die Eliten sind nach wie vor westdeutsch geprägt: ob in den Ministerien oder in der Wirtschaft. Aber wer das heute anprangert, der muss sich schnell anhören: "Was habt ihr denn eigentlich? Es gleicht sich doch alles an! Die Kanzlerin und der Präsident sind Ostdeutsche!"

ZEIT: Stimmt doch auch!

Rennefanz: Bevor Unterschiede verschwinden können, müssen sie erst mal akzeptiert werden. Es ist kein Durchbruch, dass ein Ostdeutscher im Schloss Bellevue sitzt, es ist eine Ausnahme. Das hat Gauck wohl eingesehen – und es hat ihn nachdenklich gemacht. Wissen Sie, was er am Ende der Veranstaltung sagte? Er hat seine Meinung geändert! Er ging noch mal auf das Podium und gestand ein: "Es gibt diese Differenzen. So what?"

ZEIT: Das heißt: Macht euch mal etwas locker!

Rennefanz: Es heißt, dass wir lernen müssen, Unterschiede auszuhalten, sie nicht gleich als Ab- oder Aufwertung zu verstehen. Völlig richtig. Es geht nicht darum, wer der Bessere im Land ist, sondern darum, zu verstehen, wie meine Generation tickt. Von uns wurde immer erwartet, dass wir uns, dankbar über die Wende, in das neue Leben stürzen. Unsere Großeltern hatten es einst schwer im Krieg. Unsere Eltern hatten es schwer in der DDR. Wir sollten die Ersten sein, die es leicht haben. Trotzdem tun wir uns bis heute schwer.

ZEIT: Wieso das?

Rennefanz: Weil wir lange gar nicht wussten, wozu wir gehörten. Es gab nach dem Mauerfall einen Konflikt zwischen der zweiten und der dritten Generation, und der dauert bei manchen bis heute an. Da herrscht eine große Sprachlosigkeit. Die Eltern sprechen nicht über ihre DDR-Zeit, die Kinder nicht darüber, wie allein gelassen sie sich Anfang der 90er fühlten. Außerdem gibt es weiterhin große finanzielle Unterschiede: Während die Eltern meiner westdeutschen Freunde oft sehr wohlhabend sind und ihre Kinder lange unterstützen, droht den Eltern vieler ostdeutscher Freunde die Altersarmut.

ZEIT: Gauck nennt Sie "naive Enkelgeneration".

Rennefanz: Er macht sich etwas älter, als er ist, wenn er uns als Enkel bezeichnet. Er meint diese Naivität positiv, glaube ich. Wir stellen eben unbefangene Fragen. Wir wollen von unseren Eltern wissen: Wie habt ihr eigentlich in der DDR gelebt?

ZEIT: Eine Generationendebatte oder gar ein ostdeutsches 1968 steht aber noch aus.

Rennefanz: Wir brauchen auch kein neues 1968. Ich persönlich zum Beispiel werfe meinen Eltern nichts vor. Ich habe erlebt, wie sie nach 1989 arbeitslos wurden, sozusagen am Boden lagen. Da tritt man nicht noch mal nach. Es geht nicht nur darum, dass wir uns mit unseren Eltern aussprechen. Sondern auch darum, uns dem Westen zu erklären. Dort merke ich schon, wie viel Fremdheit noch zwischen Ost und West herrscht.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf?

Rennefanz: Wenn ich in Ulm oder Hameln von meiner Jugend erzähle, dann gucken mich die Zuhörer an, als erzählte ich etwas über Buddhismus in Thailand. Im Westen bin ich die Exotin. Da kommen Sätze wie: "Mit uns hat das ja nichts zu tun." Und im Grunde höre ich auch oft die Frage heraus: "Haben Sie Ihr ostdeutsches Trauma endlich überwunden?" Das ist wohl nett gemeint. Inzwischen sind wir in der Einheitsdebatte völlig verkrampft. Manche Ostdeutsche wollen sie nicht mehr führen, die Westdeutschen sind unsicher geworden. Offiziell gibt man sich überkorrekt und traut sich nicht, das Thema anzusprechen. Da wünschte ich mir einen Anstoß von einer wie Frau Merkel. Sie könnte ja auch mal was aus ihrer Vergangenheit erzählen. Nicht immer nur von Kirschschnaps.

ZEIT: Gauck hingegen sagt, die Jugendliche sollten bei der Aufarbeitung helfen. Was meint er damit?

Rennefanz: Sie sollen Fragen stellen. Wieso die Eltern bestimmte Kompromisse gemacht haben in der DDR. Gauck beschwerte sich auch darüber, wie unbedarft und positiv die Jüngeren heute über die DDR denken. Sie fangen an, vom Leben damals zu schwärmen, obwohl sie es gar nicht kennen.

ZEIT: Welche Anstöße kann denn Ihre Generation geben, damit die Aufarbeitung besser gelingt?

Rennefanz: Wir müssen politischer werden, uns mehr einmischen, mehr fordern. Ankämpfen dagegen, dass in den neuen Ländern ein anderer Mindestlohn gezahlt werden soll. Es hat mich traurig gemacht, dass Ostdeutschland im Wahlkampf keine Rolle gespielt hat. Vielleicht waren wir zu still. Die Dritte Generation behauptet ja immer, Transformationskompetenz zu haben. Das haben wir noch nicht bewiesen.

ZEIT: Kritiker sagen, Sie nähmen sich als verunsicherte Generation zu wichtig – während in Südeuropa die wahre Verlierergeneration heranwachse.

Rennefanz: Ich finde das unfair. Weil es in Spanien auch Probleme gibt, sollen wir uns gefälligst nicht aufregen? Das passt nicht. Südeuropa macht gerade durch, was Ostdeutschland 1990 erlebte: Man ist überschuldet, kann die Währung nicht abwerten, die Wirtschaft kollabiert, Arbeitsplätze verschwinden. Manchmal sind die Parallelen erschreckend.

ZEIT: Was können die Griechen und Spanier von den Wendekindern lernen?

Rennefanz: Dass sie sich ihre Identität nicht nehmen lassen sollen. Der Fehler der Ostler war es, überhöhte Erwartungen an den Westen zu haben. Sie haben das Gerede von den Bürgern zweiter Klasse am Ende selbst geglaubt. Das sollten die Griechen vermeiden. Sie sollten selbstbewusst sein.