Der Trend hat jetzt schon die Kindergärten erreicht. Neuerdings erzählt die dreijährige Linnea von Spielkameraden in ihrer Hamburger Kita, die Nüsse, Joghurt oder Nudeln nicht mehr essen dürfen. Täglich holen sie etwas ganz Besonderes aus ihren Brotdosen. Etwas, das nur für sie bestimmt ist. Manchen kleinen Mädchen und Jungs wärmen die Erzieher mittags sogar spezielle Mahlzeiten auf. Und so verkündet eines Tages auch Linnea nicht ohne Stolz: "Wenn ich Nüsse esse, kitzelt es so komisch auf meiner Zunge. Ich glaube, ich bin allergisch." Auch sie will etwas Besonderes sein.

Als die Kindergärtnerinnen beim Elternabend anmahnen, Sonderbehandlungen beim Essen seien künftig nur mehr gegen Vorlage eines ärztlichen Attests möglich und nicht jeder Diätwunsch sei erfüllbar, geht ein hörbares Murren durch die Reihen der Mütter und Väter. Einer regt sich flüsternd über den "schulmedizinischen Chauvinismus" auf.

Die "sensiblen Esser" haben sich in der Gesellschaft durchgesetzt, auch die Erwachsenen unter ihnen tragen ihre kulinarischen Empfindlichkeiten vor sich her, als Ausweis von Individualität. Lädt man heute Gäste zum Essen ein, empfiehlt es sich, vor dem Einkauf des Menüs umfassende Gespräche zu führen. Längst will nicht nur berücksichtigt sein, dass einer vegetarisch lebt und die andere vegan: "Käse kann ich nicht essen. Laktoseintoleranz, das ist ganz offensichtlich, da brauch ich gar nicht erst den Arzt zu fragen." – "Brot und Nudeln lass ich vorsichtshalber weg. Dieses Gluten verträgt ja kaum noch jemand." – "Geräucherter Schinken? Leider nein. Du weißt doch – das Histamin!"

Noch vor zehn Jahren waren Verdauungsvorgänge ein Tabuthema bei Tisch, heute breitet sich beim gemeinsamen Essen die neue Innerlichkeit aus. Jedes Grummeln im Magen, jedes Ziehen im Bauch wird diskutiert und mit ernster Miene kategorisiert. Wer alles klaglos hinunterschluckt und verdaut, sitzt dazwischen wie ein Klotz: unsensibel, unreflektiert – kurz: von gestern. Munter wird bei den Selbstdiagnosen Halb- und Unwissen durcheinandergewürfelt und weiterverbreitet.

Nahrungsmittelunverträglichkeit - ZEIT-Autorin Susanne Schäfer über die Sorge vor falscher Ernährung Viele Deutsche glauben Gluten, Laktose oder Fructose mache sie krank. Tatsächlich leiden nur wenige an einer Lebensmittelunverträglichkeit. Ein Geschäft für die Nahrungsmittelindustrie.

Dabei können selbst Laktoseintolerante in Wahrheit die meisten Käsesorten essen, weil die (im Gegensatz zu unverarbeiteter Milch) kaum Laktose enthalten. Glutenfreie Produkte haben für Menschen mit gesundem Stoffwechsel nachweislich keinerlei Nutzen. Und ob es die gefürchtete Histaminintoleranz überhaupt gibt, ist unter Experten mehr als umstritten.

Die Lebensmittelskandale haben die Konsumenten nachhaltig verunsichert

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Allergien gegen Lebensmittel gibt es, und sie können lebensgefährlich sein: Manche Menschen müssen nach dem Verzehr von Nüssen mit akuter Atemnot in die Klinik eingeliefert werden. Auch Nahrungsmittelintoleranzen sind keine Modekrankheiten. Die Betroffenen suchen oft lange, bis die Ursache ihrer Beschwerden ermittelt ist. Für sie ist es ein Segen, dass im Supermarkt Regale mit laktose- und glutenfreien Produkten stehen.

Doch die Zahl der Konsumenten solcher Spezialnahrungsmittel steht in krassem Missverhältnis zur Zahl der tatsächlich Kranken. So ist der Markt für laktosefreie Produkte in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Kauften 2007 nur 6,5 Prozent der Haushalte derartige Milchprodukte, waren es 2012 schon knapp 18 Prozent. Das ergab die jährliche Befragung von 30.000 Haushalten durch die Gesellschaft für Konsumforschung.

Viele, die angegeben hatten, laktosefreie Milchprodukte zu kaufen, verneinten gleichzeitig die Frage der Marktforscher nach einer Laktoseintoleranz. Wie viele Konsumenten glutenfreie Produkte kaufen, ist in Deutschland nicht bekannt. In den USA zeichnet sich jedoch ein deutlicher Trend ab: 28 Prozent der Erwachsenen gaben 2012 bei einer Befragung des Marktforschers NPD Group an, kaum oder gar kein Gluten mehr zu verzehren. Dabei leidet weniger als ein Prozent der Bevölkerung tatsächlich an Glutenunverträglichkeit.

Wie kommt es, dass gesunde, vernünftige Menschen bereit sind, für Produkte, die gesundheitlich nichts bringen, mindestens das Doppelte zu zahlen? Das liegt an den schlauen Marketingstrategen der Industrie. Sie machen sich gleich mehrere gesellschaftliche Entwicklungen zunutze.